Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Moitié-moitié

Der Stiftungsrat von Konzert Theater Bern (KTB) hat den Vertrag mit Intendant Stephan Märki um zwei Jahre verlängert. Märki bleibt also bis Mitte 2021 im Amt. Zu spät für einen Neuanfang, zu früh für einen Abgesang. Insgesamt aber sehr schade.

Mit einer schriftlichen Mitteilung gab der Stiftungsrat KTB heute die Vertragsverlängerung bekannt. Aus seiner Sicht hätte sie vier Jahre umfassen und bis 2023 dauern können. Laut Communiqué war es Stephan Märki, 2011 erstmals gewählt, der nicht mehr ganz so lange will. Märki lässt sich zitieren: «2021 werde ich zehn Jahre Intendant in Bern gewesen sein – das ist eine gute Zeitspanne für die Leitung eines Hauses und gleichzeitig der Abschluss einer Zeit geprägt vom Zusammenwachsen zweier Kulturen nach der Fusion und besonderen Herausforderungen. So ist der Abschluss aller Sanierungsarbeiten sichergestellt und die Grundlage dafür geschaffen, dass wir ein paar Jahre lang auch künstlerisch die Früchte unserer Arbeit ernten können.»

Der Stiftungsrat stellt Märki ein rundum hervorragendes Zeugnis aus für die «äusserst engagierte und erfolgreiche Arbeit», dank der «die künstlerische Qualität und der Publikumszuspruch in allen Sparten stetig wachsen.» Marcel Brülhart, Stiftungsratspräsident, erklärt im Communiqué: KTB «ist heute wirtschaftlich konsolidiert, hat sich geöffnet und kann zuversichtlich in die Zukunft blicken».

Die Verlängerung um zwei Jahre bedeutet zweierlei: Intendant Märki wird für KTB den nächsten Leistungsvertrag mitaushandeln. Und der Stiftungsrat muss sich spätestens ab 2019 um die Nachfolge kümmern. Die dannzumalige Zusammensetzung des Rats wird sich erheblich von jener heute unterscheiden, haben doch einige Mitglieder ihren baldigen Rücktritt erklärt oder angekündigt. Die Führung des Gremiums wird Nadine Borter innehaben. Aber das ist Zukunftsmusik.

Theater ist für sein Publikum da, nicht umgekehrt

Bei KTB ist heute und morgen in der heilen Welt der Medienmitteilung alles in Ordnung. Da passt kein Blatt zwischen den Stiftungsrat und seinen Intendanten. Dieser wird sich an Bern weiterhin abarbeiten, versteht er sich doch gemäss einem Zeitungsinterview letzthin als der Mann, der sich immer Orte ausgesucht habe, die nicht einfach waren, an denen er sich «sozusagen zu viel zugemutet habe». Die dafür nötige Energie ist verständlicherweise begrenzt.

Sehr schade finde ich, dass im ganzen Verfahren die am Theater interessierten Leute nie Gelegenheit hatten, sich zu äussern. Ein entsprechender Vorschlag wurde dem Stiftungsrat unterbreitet; er hat sich dazu nicht geäussert. Worum es dabei gegangen wäre, hat von ein paar Tagen mit Bezug auf das Zürcher Schauspielhaus Daniele Muscionico in der NZZ geschrieben: «Theater ist Teilhabe, und das meint: Von der griechischen Polis bis zur Avantgarde werden auf der Bühne die Werte einer Gesellschaft zur Debatte gestellt. Theater ist für sein Publikum da, nicht umgekehrt. Ohne Zuschauer und deren Partizipation ist Theater eine Blase.» Und: «Die neu-alten Bürger sind die Kraft, die ein Theater wie das Schauspielhaus einbinden muss. Auf der Bühne genauso wie in den Prozess einer Neubesetzung der Intendanz.»

Mehrmals hat Stephan Märki in den Medien beklagt, er müsse dafür kämpfen, «dass Theater relevant bleibt», es gehe um das «Mitnehmen einer Stadt in den kreativen Prozess» – hier wäre eine Gelegenheit gewesen.

Es ging ja um die künstlerische Gestaltung und die betriebliche Leitung der bei weitem grössten Kultureinrichtung im Kanton Bern. Entsprechend stellen sich Fragen: Wie beurteilt das Publikum die bisherigen Leistungen von KTB? Welche Vorstellungen haben die Leute für die kommende Zeit in künstlerischer Hinsicht wie auch in Bezug auf die Präsenz und Positionierung von Schauspiel, Tanz und Musik in wichtigen gesellschaftlichen Fragen? Was bedeutet dies für die Anstrengungen in der Vermittlung der Kunst und zum Erreichen neuer Gruppen der Bevölkerung?

Die Öffentlichkeit in den Prozess einzubeziehen, hätte demokratischer Gepflogenheit entsprochen – gerade auch in der Kultur – und sich gelohnt. Die Entscheidgrundlage des Stiftungsrats wäre dadurch erweitert, seine Entscheidungsfreiheit nicht angetastet worden.

Aber nein. Und anders als in Zürich, wo aus dem Verfahren hinter verschlossenen Türen immerhin ein neues Co-Leitungsmodell herausgeschaut hat, das stark auf die Jüngeren setzt und die Studierenden an der Hochschule der Künste einbeziehen will – die es in Bern genauso gibt – bleibt es in Bern beim Alten.

Es bleibt bei einem Intendanten, der meines Erachtens gerade in schwierigen Führungssituationen – etwa bei der Freistellung von Stephanie Gräve – eine schlechte Figur machte, indem er nachtrat, ihre Zukunftsaussichten beeinträchtigte und sich insgesamt nicht als souverän erwies. Mich enttäuscht, dass der Stiftungsrat, der dies alles wusste, dennoch unbeirrt an Stephan Märki festhält. Warum?

Christoph Reichenau