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Wie öffentlich ist der öffentliche Raum?

An der Kunstkompost-Vernissage der Künstlerinnen-Gruppe LE4+A auf dem Kornhausplatz spricht die stellvertretende Stadtplanerin Sabine Gresch. Sie macht sich Gedanken «zur Öffentlichkeit des öffentlichen Raumes».

  • Sabine Gresch bei der Vernissagenrede, links mit dem Lautsprecher Verena Welten. (Foto: Fredi Lerch)
  • Januar 2016: Papierstreifen (Zellulose!) und weiteres organisches Material sind bereit. (Foto: zvg)
  • Januar 2016: Papierstreifen und organisches Material werden zum Kompost vermischt. (Foto: zvg)
  • April 2017: Nach fünfviertel Jahren der Reifung: Der fertige Kompost wird gesiebt. (Foto: zvg)
  •                  17. Mai 2017, Kornhausplatz: Eli Geiser verarbeitet Komposterde zum sinnigen Mitnehmsel, rechts Flurina Hack. (Foto: Fredi Lerch)
  • Kunst ist wieder zu Kultur geworden: Wenn das nicht Kunst ist! (Foto: Fredi Lerch)

«Liebe Anwesende

Private Kunst, veräussert zur Verwertung. Zu Kompost, öffentlichem Kompost.
Verteilt in den Quartieren der Stadt. Öffentlicher Kompost, öffentlich verteilt.
Ein Kunstwerk wird zum Elementarsten zurückverwandelt, zu Erde.
Ohne Aufhebens, still und selbstverständlich.

Als stellvertretende Stadtplanerin bin ich mitverantwortlich für die Gestaltung des öffentlichen Raumes in der Stadt Bern. Der Gemeinderat hat diese Verantwortung dem Stadtplanungsamt vor 20 Jahren übertragen, weil man überzeugt war, dass der öffentliche Raum sehr viel mit Baukultur und Diskurs zu tun hat. In Würdigung der bald tausendjährigen Geschichte der Zähringerstadt bedeutet Gestaltung für uns vor allem Zurückhaltung. Die Altstadt Berns ist so überzeugend, solide und bis in Details gebaut, dass sich Gestaltung auf Bewahrung und zurückhaltende Weiterentwicklung am Bestehenden orientiert.

Gestaltet wird aber auch mit Nutzung. Wie anders präsentiert sich der Bundesplatz, ob Märit ist, ein Beachvolleyevent, eine Eisbahn drauf steht oder ob der Bundesplatz einfach auch einmal nur Platz sein darf. Nach meinem Dafürhalten ist er viel zu selten Platz. Ist er für einmal unverstellt und nur öffentlich, ist es, als ob die Stadt wieder atmen könne.

Der Kornhausplatz, auf dem wir stehen, ist kaum mehr öffentlicher Platz. Aussenbestuhlungen sind zwar begehrt, sind aber halbprivate Nutzungen. Nur wer zahlt, darf sitzen. Die Auswahl des Mobiliars ist zu häufig einem Welterbe unwürdig. Wo noch Platz ist, stehen Werbeträger oder Infostände. Hauptsache Präsenz.

Aber müssen ständig alle mit Objekten im öffentlichen Raum präsent sein? Müssen die Kunstschaffenden im Progr nun auch noch einen Kulturpavillon auf den Waisenhausplatz stellen, wieso kann dieses Angebot nicht direkt im Progr integriert werden? Wieso müssen ab Juni über 100 kindshohe Bernhardiner ausgerechnet im öffentlichen Raum aufgestellt werden? Mit dem Anspruch an Kunst im öffentlichen Raum hat dies jedenfalls nichts mehr zu tun.

Kunst im öffentlichen Raum muss immer ortsspezifisch sein. Sonst braucht sie nicht im öffentlichen Raum zu stehen. Sie muss mit dem Ort interagieren und zum Nachdenken über seine Bedeutung, Geschichte oder Entwicklung beitragen.

Der öffentliche Raum kann nicht mehr öffentlich sein, wenn sich jeder und jede die Freiheit herausnimmt, den öffentlichen Raum mit Objekten zu bestücken.

Ist die Innenstadt nicht längst wie ein unaufgeräumtes Wohnzimmer, welches man lieber meidet?

Kann der öffentliche Raum nicht einfach Bühne sein, auf der sich alle bewegen, Ort der Zirkulation und des Austausches von materiellen und immateriellen Gütern?

Das Kunstprojekt von LE4+A arbeitet ganz in diesem Sinne.

In den diesen Wochen wandern Verena Welten, Eli Geiser, Flurina Hack und Maja Wagner durch die Stadtberner Quartiere und verteilen den Kunstkompost in Gärten und unter Bäumen.

Die vier Kunstschaffenden machen aus einer sehr persönlichen, privaten Sache, aus Kunstwerken, in die die ganze Leidenschaft ihrer Erschafferinnen und Erschaffer geflossen ist, Erde.

Erde, die nicht privat bleibt, sondern öffentlich wird. So wie alle Erde der Welt und aller öffentliche Raum wahrlich öffentlich sein sollte.

Auf ihr Kunstschaffen machen die Künstlerinnen aufmerksam mittels einer Stadtkarte und mittels der heutigen Vernissage. Anschliessend wirkt ihr Kunstschaffen in der Erde weiter und hinterlässt dort unsichtbare Spuren im Grün, das daraus wächst. Dieser Ort hier wird schon heute Abend wieder wahrlich öffentlich, unsere Spuren verwischen wie Gedanken.

So still und würdig wie die Jahreszeiten sich in einem Baum manifestieren, so still und würdig haben die vier Kunstschaffenden private Werke zu Erde transformiert, zu öffentlicher, fruchtbarer Erde. Sie haben sie ausgebracht, wo Erde natürlicherweise hingehört. Ohne Blumenschalen und ohne Hinweistafel im öffentlichen Raum.

Wahrlich öffentlich und gleichzeitig still.»