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Journal B

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Die Möglichkeitsfrau

Am Sonntag spricht am Apéro im Kunstkeller Bern Martin Ziegelmüller über seine Arbeit. Am 10. Juni ist Finissage der Ausstellung – und Finissage der Galerie von Dorothe Freiburghaus. Sie hört nach 47 Jahren auf. Und Barbara Marbot will starten.

  • Der Kunstkeller Anfang der 1980er Jahre: Ausstellung Wolfgang Zätt. (Foto: zvg)
  • Der Kunstkeller in den 1990er Jahren: Doppelausstellung Heidi Langnauer (Bilder) und Vincenzo Baviera (Objekte).  Dorothe Freiburghaus (rechts) im Gespräch mit Renée Magana, im Hintergrund Pierre Ulli. (Foto: zvg)
  • Der Kunstkeller 2007: Doppelausstellung Mili Jäggi (Bilder) und Laurent de Pury (Objekte). (Foto: zvg)

Dorothe Freiburghaus habe ich 2003 kennengelernt. Die Berner Zeitung und Der Bund hatten die «Berner Woche» eingestellt, das Ausgehmagazin der Bundesstadt. Die Kulturveranstalter wünschten einen Ersatz, die Kulturabteilung nahm den Ball auf. Es entstand als Selbsthilfeprodukt der Kulturszene die «Berner Kulturagenda», die heute noch jede Woche als Beilage zum Anzeiger erscheint und gratis in 150‘000 Haushalte gelangt, einzigartig in der Schweiz. Was heute normal ist, war damals ein unerhörter Aufbruch. Als Vertreterin des Galerienvereins und später als Präsidentin des Trägervereins war Dorothe zuvorderst  mit dabei – leise, präzis, mit konkreten Anliegen und Ideen, zäh und immer positiv.

Die Initiantin

Ähnlich unaufgeregt, zielstrebig und an alles denkend ging Dorothe Freiburghaus beim Berner Galerienwochenende voran. Sie organisierte in der Villa Mettlen in Muri manchen Sommer lang Plastikausstellungen und als Mitinitiantin einen Skulpturenweg der Aare entlang durch verschiedene Gemeinden. 2005 während der Gassensanierung in der Berner Altstadt initiierte sie mit der Künstlerin Hilda Staub das Luftfüsslerprojekt und bei der Gasseneinweihung die Lichtfelder von der Nydegg bis zum Zytglogge.

Dorothe Freiburghaus ist eine Möglichkeitsfrau. Der Möglichkeitssinn ist (seit Robert Musils Roman «Mann ohne Eigenschaften») die Ergänzung – nicht das Gegenstück – des Wirklichkeitssinns: «Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehn. […] So liesse sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.»

Mit der Realität des Möglichen hat Dorothe F. immer neu überrascht. Ein Berufsleben lang wirkte sie als Fürsprecherin von Künstlerinnen und Künstlern und als Anwältin der Kunst in der Gesellschaft.

Der Start

Begonnen hat es 1970 an der Gerechtigkeitsgasse 40. «1968» lag noch in der Luft. Der Keller, in dem möglicherweise einst Schnaps gebrannt worden war, wurde nicht mehr gebraucht. Die Domänenverwaltung der Burgergemeinde Bern vermietete den verrussten Raum günstig der Zeichenlehrerin und Kunstkritikerin Freiburghaus. Sie erhielt von ihrer Mutter und von Bekannten der Familie Kredite zu günstigem Zins. In den ersten Jahren arbeitete sie halbtags beim Kanton und beim Bund. Erst 1977 wagte sie den Sprung in die berufliche Selbständigkeit.

Eigenhändig und mit Hilfe von Freundinnen und Freunden entrümpelte Dorothe F. die drei Tonnengewölbe und verwandelte sie in Etappen «in eine der repräsentativsten Galerien Berns», wie es in der Schrift zum 11-jährigen Jubiläum hiess.

Diese Schrift, der Kunstzwerg unterwegs», ist ebenso wie die zum 40. Jahr in zwei dicken Bänden erschienenen Erinnerungen «ich über dich» und «du über mich» ein Archiv der bewegten freien Kunstszene im Bern der 1970er und der folgenden Jahre, die Kurt Marti in seinem politischen Tagebuch «Zum Beispiel Bern 1972» beschrieb und deren Vorgeschichte Fredi Lerch im Buch «Muellers Weg ins Paradies – Nonkonformismus im Bern der sechziger Jahre» minutiös nachgezeichnet hat.

In Vielem der Zeit voraus

Im Kunstkeller war Vieles der Zeit voraus. Etwa die Bilder für Gefangene. Bilder, dachten Einzelne, gehörten überall hin, könnten an allen Orten etwas bewirken. So regte Dorothe F. 1972 Künstler zu Bildern für Gefangene an. An einer Ausstellung kaufte man nicht für sich, sondern für Gefangene. Mit den Bildern fuhren die Galeristin und Künstler nach Witzwil und Lenzburg, erklärten den Insassen die Bilder und boten sie ihnen für die Zelle an. Begründung: «Das Ziel des Freiheitsentzugs ist, wenigstens laut Paragraph, den Menschen wieder zur Freiheit fähig zu machen. Und Bilder bringen vielleicht ein wenig Weite in die Zelle.» Die Aktion endete 1978.

Auch in den 1970er Jahren gab es die Kollektivbilder. Martin Ziegelmüller, Ronny Geisser, Rolf Spinnler und andere Künstler bemalten im Keller gemeinsam eine grosse Leinwand, Besucher daneben kollektiv eine kleinere. «Art en partage» heisst im Kanton Wallis heute ein neues Förderprogramm. Damals wurde es hier praktiziert. Das Künstlerbild hängt übrigens noch im Keller, weitgehend von einer Wandverschalung verdeckt.

Malnachmittage für Kinder wurden organisiert. Es gab eine Sommerausstellung mit Bildern von Künstlerkindern und eine Zirkusschule für Kinder mit Marco Morelli. Immer wieder lasen Schriftsteller (etwa Peter Bichsel oder Kurt Marti) und spielten Musiker (Rolf Looser, die Berner Wolverine Jazzband, Amedeo oder Baschi) und natürlich gab es Gespräche über Kunst.

Der Kunstkeller liegt als Begegnungs-, Entdeckungs- und Lernort mitten im Bauch des Walfischs, als den Paul Nizon Bern sah. Er war stets mehr als eine Galerie – ein Ort für viele Künste, ein Ort für viele Begegnungen. Und da er nicht erweiterbar war, aber der Anspruch wuchs, trennte Dorothe F. 1997 den art-room ab und machte ihn zur Förderplattform für junge Künstlerinnen und Künstler.

Über die Galerie hinaus

Dorothe Freiburghaus dachte weit über ihre Galerie hinaus und mischte sich ein. Jahrelang studierte sie in einer privaten Gruppe zweckmässige Möglichkeiten einer näheren Zusammenarbeit von Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee unter Einbezug der Kunsthalle, der Galerien und off-spaces. Ihre Erfahrung war nicht gefragt.

Dorothe F. versuchte vieles, um die Kooperation zwischen den öffentlichen Kunstorten und den privaten Galerien zu stärken. Ein gemeinsames Treffen zur gegenseitigen Orientierung über geplante Ausstellungen und Aktivitäten blieb ohne Fortsetzung. Der Wunsch, die Museen könnten ab und zu die Aufbauarbeit der Galerien würdigen (zum Beispiel jene der Galerie Krebs für Meret Oppenheim), ging nicht in Erfüllung.

Unerfüllt blieb auch die Vorstellung, von Zeit zu Zeit für die ganze Stadt Bern ein Thema zu setzen, das Kunstorte, Gewerbebetriebe, Schulen, alle, die wollen, auf ihre Art aufnehmen und so ein Gesamterlebnis schaffen. «Linien» hätte ein solches Thema sein können, das verbindet und in alle Richtungen Ideen freisetzt. Dafür bräuchte es wohl eine Animatorin oder einen Animator – weshalb nicht aus der städtischen Kulturförderung?

Zu ihrer Überzeugung gehört schliesslich, dass Stadt und Kanton auch wieder Kunstwerke in Galerien kaufen und damit deren Bedeutung für die Bekanntmachung gerade junger Künstlerinnen und Künstler anerkennen sollen.

Schreiben

Schon früh begann Dorothe F. in ihren Ausstellungseinladungen über die Künstlerinnen und Künstler zu schreiben. Sie wollte verstehen, was sie selbst in deren Werken sah, und dies so präzis wie möglich ausdrücken. Die Texte, oft kleine Preziosen, rang sie sich ab. Oft dauerte es lange, bis sie damit zufrieden war. Nicht auf Stil kam es ihr an, sondern auf Präzision im Ausdruck des Empfindens. Viele lasen die «Einführungen» mit Gewinn und bedauern, dass es auch damit zum Abschluss kommt.

Ab 2012 besprach Dorothe F. für das Online-Magazin Journal B Ausstellungen im Kanton Bern fair und kritisch. Und sie setzte mit Magdalena Schindler vor fast fünf Jahren die Kunststafette in Gang, bei der eine Künstlerin oder ein Künstler der nächsten den Stab in die Hand gibt – bis heute.

Wo Kunst ans Lebendige geht

Dorothe F. hat mit ihrer Galerie ein Metier gewählt, das konträr ist zu ihrer Natur. Im Grund zieht sie sich am liebsten zurück – im Kunstkeller musste sie aus sich heraustreten, auf Künstlerinnen und Künstler zugehen, mit dem Publikum über Bilder reden.

Ausdauer, Standfestigkeit, Hartnäckigkeit machen sie aus. Dorothe Freiburghaus wirkt fragil, doch sie ist zäh. Sie redet leise, doch sie ist eine Kämpferin. Ein Windhauch könnte sie umwerfen, meint man, doch sie steht fest auf dem Boden. Hat sie sich etwas in den Kopf gesetzt, hält sie daran fest. Das Laute ist nicht ihre Art, doch mit dem Leisen hat sie viel bewegt. Nie stellt sie sich in den Vordergrund – doch ihr Fehlen wird man rasch merken.

Eine Galeristin zieht sich zurück, die in 47 Unternehmerjahren zur grande dame der Berner Galerienszene geworden ist. Die vieles «vor der Zeit» probierte und die jetzt sagt: Es ist Zeit. Die Künstlerinnen und Künstler, die Kunst, die Stadt und die Agglomeration verdanken ihr mehr als die meisten ahnen.

Nach ihren ersten paar Galeriejahren wurde Dorothe Freiburghaus gefragt, weshalb sie diese Arbeit mache. Ihre Antwort: «Hier wird Kunst faszinierend, wo sie uns allen ans Lebendige geht. Sie deckt auf und weist auf unsere Schwächen, unsere chaotische Situation, aber sie bringt auch erste Bilder, die weiter weisen.» In jedem Bild kommt, davon ist sie überzeugt, eine Haltung zum Ausdruck. Diese Haltung kann Betrachterinnen und Betrachter überzeugen und stärken. Deshalb ist es wichtig, welche Bilder man zeigt. Heute sagt sie: «Ich kann anhand der Künstler, die ich wähle, und durch ihre Bilder etwas aussagen und etwas bewirken, ohne selber zu reden.»

Nun findet sie, sei Zeit, aufzuhören. Mit Martin Ziegelmüller, «ihrem» ersten und letzten Künstler, schliesst sich der Kreis. Danke, Dorothe.

Es geht weiter

Der Keller soll zum Glück der Kunst erhalten bleiben. Barbara Marbot (da Mihi Gallery, Bubenbergplatz 15) will den Stab übernehmen. Geplant ist die Neueröffnung im September mit einer Ausstellung von Victorine Müller. Alles Gute und viel Glück!