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«Im Stiftungsrat bin ich lediglich Gast»

Nina Zimmer, die Direktorin des Kunstmuseums Bern und des Zentrums Paul Klee im Gespräch über den Umbau des Kunstmuseums, über Gurlitt und die Provenienzforschung sowie über die Kunsthalle. (Zweiter Teil des Gesprächs)

Kasimir Malewitsch: Suprematistische Komposition, 1915 – aktuell zu sehen im Zentrum Paul Klee. (Foto: zvg)

Mehr Ausstellungsraum im Kunstmuseum Bern

Wo steht das Projekt zur Erweiterung des Ausstellungsraums im KMB? Wie teuer kommt es und wie wird es finanziert? Ist es zwingend?

Wir sind in einem Planungsprozess. Die bestehenden Überlegungen wurden nochmals durchdacht und aktualisiert. Ebenso wird die Finanzierung geprüft. Das Ganze ist aufwendig, da erheblicher Unterhaltsbedarf, insbesondere beim Atelier-5-Bau, aufgelaufen ist.

Gibt es – wie gesagt wird – im Stiftungsrat der Dachstiftung Traktanden, die ausdrücklich als «nicht verhandelbar» bezeichnet werden? Welcher Natur sind sie? Wie reagiert der Stiftungsrat auf solche Traktanden?

Ich bin lediglich als Gast an den Sitzungen des Stiftungsrates. Es ist nicht an mir zu schildern, wie die Sitzungen verlaufen.

Gurlitt und Provenienz

Was verstehen Sie unter dem geplanten Zentrum für Provenienzforschung? Wie sieht es aus, was soll es leisten, wie wird finanziert?

Bereits seit letztem November arbeitet eine Arbeitsgruppe, bestehend aus mehreren Mitarbeitenden des KMB, an zwei Forschungsprojekten, die durch das Bundesamt für Kultur sowie Eigenmittel finanziert werden. Es geht um die weitere Erforschung der eigenen Sammlungen sowie um die digitale Erschliessung der Archivalien des Museums aus der entsprechenden Zeit. Anfang dieses Jahres konnten wir eine Stelle ausschreiben, die alle Teilprojekte leiten und auch eine Brückenfunktion zum Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern einnehmen soll. Zudem engagieren wir uns in der Forschungsgruppe Gurlitt des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste. Die Mittel stammen, wie gesagt, einerseits vom Bundesamt für Kultur, anderseits von Privaten.  

Meines Wissens war die Gurlitt-Erbschaft als Ganzes in Bern noch nie Thema einer öffentlichen Veranstaltung des KMB. Es wurde häppchenweise informiert, letzthin z.B. aus Anlass einer Buchpublikation. Planen Sie einen Anlass, der das Thema in allen Facetten beleuchtet?

Wenn bisher über den Komplex der Erbschaft Gurlitt in Bern nur schrittweise orientiert worden ist, hängt dies damit zusammen, dass immer noch nicht alles geklärt ist. Dies betrifft etwa die Frage, welche Werke nach Bern kommen werden. Wo es Verdachtsmomente für Raubkunst gibt, bleiben die Werke in Deutschland. Wo Lücken in der Provenienz bestehen, aber kein Verdacht auf Raubkunst, hat das KMB die Freiheit der Wahl, wohin die Werke gehen. Im Zuge einer Ausstellung, die bereits für den 1. November 2017 geplant ist, werden wir viele Möglichkeiten schaffen, sich über den «Fall Gurlitt» und die Folgen zu informieren.

Andere Kunstorte

Gibt es aus Ihrer Sicht die Möglichkeit oder gar Notwendigkeit einer engeren Zusammenarbeit mit der Kunsthalle? Wie sähe sie aus?

Valérie Knoll, die Leiterin der Kunsthalle, kenne ich seit längerem. Ihr Programm interessiert mich, wir unterhalten einen engen Dialog. Des Weiteren habe ich jetzt qua Funktion Einsitz in die Stiftung Kunsthalle, die Werke aus Kunsthalle-Ausstellungen für das KMB ankauft. Damit kann ich ein wichtiges verbindendes Link zwischen unseren Institutionen mitgestalten, was mir sehr viel Freude macht.

Was halten Sie von der Arbeit der Berner Galerien und Off-Spaces? Welche davon kennen Sie persönlich?

Ich habe mich ein bisschen in Galerien und Off-Spaces getummelt. Wo es inhaltlich Sinn macht, bin ich für Zusammenarbeit offen. Unter anderem war ich am Berner Galerienwochenende unterwegs, aber auch sonst bei Vernissagen in der Stadtgalerie, im Grand Palais, bei Veranstaltungen im Affspace, bei Eröffnungen der Galerie Henze & Ketterer oder der Galerie Kornfeld.

Wie gut kennen Sie bereits die anderen Kunstmuseen/Kunsthäuser im Kanton Bern (Biel, Burgdorf, Interlaken, Langenthal, Thun)? Gibt es Ideen für Absprachen, abgestimmte Ausstellungsplanung, engere Kooperation?

Das Gleiche gilt für die anderen Kunsthäuser und -museen im Kanton Bern. Ich bin ja nicht neu in der Schweiz, habe lediglich mein Zentrum von Basel hierher verschoben. 

Und Bern?

Wie weit hatten Sie schon Gelegenheit, das Kulturangebot in anderen Sparten der Stadt Bern kennen zu lernen? Was schätzen Sie daran? Was fehlt Ihnen?

Es ist mein erster Frühling in Bern. Ich entdecke jeden Tag einen neuen Zugang von der Altstadt zur Aare. Oder einen neuen Ort, letzthin den Europaplatz mit dem Haus der Religionen, mit dem wir bereits zusammenarbeiten.

Was hat Sie in Bern – im Kunstmuseum Bern/Zentrum Paul Klee und in der Kunstszene – bisher am meisten überrascht?

Dass man sich in Bern am Nachmittag einen «schönen Abend» wünscht, überrascht mich noch jedes Mal!

Leicht und leichthin – Überlegungen im Nachhinein

Leicht

Nicht zum ersten Mal liegt im ZPK zur Ausstellung «Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!» ein Heft im Format A4 und in «leichter Sprache» auf. «Leichte Sprache» ist eine Variante der Schriftsprache. Sie kommt mit Hauptsätzen aus, wiederholt anstatt zu umschreiben, setzt nichts als bekannt voraus. Die Texte sind klar aufgebaut und gegliedert und möglichst knapp. «Leichte Sprache» richtet sich an Menschen mit Einschränkungen, aber auch an alle, die nicht geübte Leserinnen und Leser sind – oder die kaum inhaltliche Voraussetzungen zum Thema (hier der Ausstellung) mitbringen. Wohltuend unprätentiös, solide und auf unmittelbares Verstehen bedacht, öffnet das Heft in «leichter Sprache» allen die Augen für die ausgestellten Werke und ihre Bedeutung. Es bildet einen im Grunde unerlässlichen Vorspann zum «normalen» Ausstellungsführer. Danke!

… und leichthin

Die Trennung von Ausstellungskurator Daniel Spanke irritiert zumindest wegen der Art, in der sie erfolgt ist. Dass seine Stelle «im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Umbau des KMB aufgehoben» wurde, erstaunt. Denn fragt man nach dem Stand, dem Inhalt und der Finanzierung des Umbauprojekts, erhält man keine oder ausweichende oder auf spätere Orientierung verweisende Antwort. Offensichtlich aber wirft das Vorhaben seine Schatten voraus – bis zur vorgezogenen Aufhebung der Stelle eines tüchtigen Kurators. Leichthin. Wie lange dauert die Vakanz? Kann deshalb zur Ausstellungsplanung so wenig Konkretes gesagt werden? Und weshalb informiert das KMB nicht von sich aus über diese Fragen?

Christoph Reichenau