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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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«Glanz und Schatten» – meisterlich eigenartig

Der Berner Autor und Bluessänger Michael Fehr legt einen neuen Erzählband vor. Seine Geschichten entwickeln einen merkwürdigen Sog. Erst recht wenn der Schreiber sie selber rezitiert und singt.

Michael Fehr & Manuel Troller woerdz 2016 from woerdz festival on Vimeo.

Wer seine Stimme und seine ungewohnte Diktion einmal gehört hat, kann die Geschichten kaum mehr im eigenen inneren Tonfall lesen. Dann tönt Michael Fehr in jeder Zeile und man wird Zeuge, wie er die Figuren heraufbeschwört und sie mit seinen Sätzen verfolgt. Mal monoton präzise, mal im kräftigen Bluesmodus, dann wieder zerbrechlich bebend.

Als ob die Geschichte schon längst begonnen hätte, ist man mit dem ersten Satz gleich mittendrin. Etwa wenn er ein Rebhuhn auseinandernimmt.

«Also
man nimmt das Rebhuhn und klemmt es zwischen
    den Beinen ein
richtig fest klemmt man es ein
du könntest es natürlich auch in den Schraubstock
    klemmen
dann könnte es keinen Wank mehr tun»

Mit einfachen Worten entwickelt er die Handlung, wird überrascht von gewaltigen Bildern, die er in der nachfolgenden Zeile gleich wieder in staubtrockenen Wendungen verebben lässt. Er folgt seinen Formulierungen und entdeckt immer mehr die Figur: einfach den Buchstaben nach, irgendetwas kommt immer und der Sinn ist ohnehin nicht das Ziel.

«[...] in weissem Licht sitzen Frederik und Paul sehr leise
    In graugefleckte
weisse Sessel versunken
die sie umfangen
Paul
der Geringere und Geduldigere
streicht mit einem grauen Messer weisse Creme auf
    ein graues Stück Brot...»

Ohne Punkt und Komma fabuliert Fehr über Wesen wie den Katzenfisch, serviert Worte wie Abzapf und lässt Jesus in der Erzählung «Vice» sich selbst einen Deppen nennen, einen armen Tropf und endet mit der Satzwendung:

«Und am Morgen haftet rot am Abtropfen und am
    Trocknen ein Kind des Volkes am Kreuz»

Banal, überheblich, genial? Inspirierend. Ganz besonders wenn der Autor die Prosagedichte krächzend und schnaubend selber interpretiert – begleitet vom Gitarristen Manuel Troller, Julian Sartorius, Perkussion und Andi Schnellmann am Bass. Dann zeigt sich, dass Michael Fehr ein Meister der Eigenartigkeiten ist.

Michael Fehr: Glanz und Schatten. Erzählungen. Luzern (Der gesunde Menschenversand) 2017. 144 Seiten, 25 CHF.