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«Loosli wollte aufrütteln»

Der Erziehungswissenschaftler Hans-Ulrich Grunder sagt, warum das Werk des Schriftstellers C. A. Loosli (1877-1959) in die Schule gehört. Er erarbeitete einen detaillierten Unterrichtsplan für Mittelschulen und Hochschulen.

C. A. Loosli in seiner Studierstube in Bümpliz. (Foto: Walter Studer)

Journal B: Was fasziniert Sie am Schweizer Schriftsteller Carl Albert Loosli so sehr, dass Sie ihn der Schule dringend vermitteln wollen?

Hans-Ulrich Grunder: Loosli war ein Zeitdiagnostiker mit eigener Meinung. Von denen gibt es nicht genug. Seine Reichweite geht weit über Bümpliz hinaus. Und seine Themen sind sehr breit. Je mehr man seine thematische Breite zur Kenntnis nimmt, desto mehr Facetten öffnen sich. Er war sozial- und schulkritisch. Er war schrieb einen Roman und Gedichte. Und er hatte eine wichtige Rolle in der Kulturpolitik seiner Zeit, etwa als Biograf des Malers Ferdinand Hodler. Zudem war er satirisch – manchmal zynisch –  und frech. Mit der absichtlich falschen Behauptung, Gotthelf sei ein einfacher Bauer gewesen, wirbelte Loosli die Germanistenszene auf. Die Germanisten nahmen ihm dies lange Zeit sehr übel.

Was wollte er damit erreichen?

Er wollte die etablierten Germanisten provozieren. Sie waren gewissermassen patriarchalische Würdenträger mit einer solitären Stellung und Alleindeutungsanspruch. Dagegen opponierte er. Zudem war er gekränkt, weil die Nachkommen von Albert Bitzius Looslis Mitarbeit an einer Werkausgabe über Jeremias Gotthelf verhinderten. Die Provokation von Autoritäten ist aber ein Lebensmotto Looslis.

Wie sind Sie auf ihn gestossen?

Ich kenne C. A. Loosli gewissermassen seit ich elf Jahre alt war. Denn ich bin im Bümplizer Dorfschulhaus neben seinem ehemaligen Wohnhaus zur Schule gegangen. Aber damals wusste ich nicht, wer er war. Während meiner Lehrerausbildung stiess ich auf Looslis schulkritische Texte. Als Erziehungswissenschaftler setzte ich mich wissenschaftlich damit auseinander. Später lernte ich seine sozialkritischen Texte kennen. So erschloss sich mir sein breites Werk nach und nach. Als Erziehungswissenschaftler hätte ich immer gerne gewusst, wie Loosli zu seinen eigenen Kindern war. Ich glaube aber, er war ein lieber Vater, nicht wie Rousseau und Pestalozzi, die ihre eigenen Kinder vernachlässigten. Loosli hatte immer seine Frau, die die Familie zusammenhielt.

Wie kam er dazu, sich schulkritisch zu äussern?

Loosli hatte fünf Kinder und kannte die Schule sehr gut. Zum Beispiel las er die Lehrerzeitschriften, las andere Zeitungen und beobachtete seine Umwelt sehr wachsam. Er hat sich vor allem journalistisch mit der Schule auseinandergesetzt, wenn also ein Schulthema aktuell war. Allerdings trennte er in seinen journalistischen Texten nicht wie heute Fakten von Meinungen, sondern vermischte beides. Er berichtete auch nicht ausgewogen. Denn er wollte aufrütteln. Er griff sowohl die Schule wie die Väter an.

Was kritisierte er denn an der Schule?

Ihre Härte. Kinder wurden für Nichtwissen geschlagen. Loosli kritisierte die Körperstrafe und die autoritäre Lehrerrolle. Vieles, was er damals forderte, wurde erst viel später, in den 70er Jahren, normal. Anderes ist auch heute noch aktuell. So plädierte er etwa für mehr Lebensnähe der Schule.

Und warum sollen junge Leute C. A. Loosli heute noch kennenlernen?

Als Person ist er ein Beispiel für Unverfrorenheit, Stolz und Verve für eine Sache. Er nahm bis zur Unverantwortlichkeit Risiken in Kauf. Nach dem «Gotthelfhandel» wurde er beruflich geschnitten. Seine Tochter erzählte später, dass die Familie damals sogar Hunger litt. Man kann heute noch von Loosli lernen, mit aktuellen Themen umzugehen. Denn es gibt in seinen Texten vieles, das man in die heutige Zeit transferieren kann.

Können Sie dafür Beispiele geben?

Etwa Looslis Einstehen für lokale Produktion. Loosli wäre heute ein Gegner des globalen Handels. Auch die Schulkritik ist heute noch aktuell, obwohl sich die Schule verbessert hat. Aber gerade das Thema Körperstrafen ist noch nicht überwunden. Auch seine Texte zum Recht und zur Zwangsversorgung haben eine neue Aktualität. Im Kriminalroman Die Schattmattbauern stellt Loosli dar, dass Schuld und Unschuld oft keine eindeutigen Sachen sind.

Texte von Loosli wirken heute eher sperrig und ungewohnt. Wie finden junge Leute heute noch den Zugang zu ihm?

Es gibt sperrige aber auch sehr süffige Texte. Sowohl Erwachsene als auch Jugendliche steigen am besten mit dem Roman Schattmattbauern ein. Aber Jugendliche brauchen einen Anstoss von aussen. Denn als Jugendlicher würde ich nicht einmal Looslis Krimi einfach so lesen. Darum haben wir das Lehrmittel gemacht.

Die Loosli-Gesellschaft bietet Dozierenden in der tertiären Bildung und Lehrkräften an Mittel- und Gewerbeschulen aufbereitetes Unterrichtsmaterial mit fertigen Lektionsvorbereitungen gratis zum Verwenden an. Was müssen die Lehrer noch selber tun?

Sie können die vorbereiteten Lektionen herunterladen und halten, wenn sie zum Charakter ihrer Klasse passen. Als Lehrer würde ich aber bei Looslis Leben, einem der Unterrichtsvorschläge, anfangen. Das ist an sich spannend und man kann daran alle andern Themen anknüpfen: die Verdingkinder, die Anstalten etc.. Aber man kann auch anders vorgehen und die Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen das Material selber aufarbeiten lassen.

Müssen die Lehrkräfte sich noch zusätzlich einlesen und Material besorgen?

Nein. Das zur Verfügung gestellte Material reicht gut für den Unterricht. Es ist absichtlich wenig und nicht als Auswahl gedacht. Ich habe jeweils die beiden wichtigsten Beispiele rausgesucht. Die Lehrkräfte müssen nur noch das Material ausdrucken. In der Einführung zu Looslis Leben können sie sich einen Wissensvorsprung erarbeiten. Wer mehr lesen will, findet im Lektionenplan weiterführende Literaturangaben.