Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Chäs u Chole

Das Kunsthaus Langenthal zeigt mit Fotos von Johann Schär (1855-1938) aus Gondiswil das Soziogramm einer Oberaargauer Gemeinde am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. – Die Vernissagerede des Berner Ausstellungsmachers und Fotohistorikers Markus Schürpf.

  • Bauernfamilie bei der Heuernte, o. J. (Foto: Johann Schär)
  • Arbeiter beim Schieferkohleabbau, 1918. (Foto: Johann Schär)
  • Beim Heidelbeeren pflücken, o. J. (Foto: Johann Schär)
  • Familie mit ihren Eierprodukten, o. J. (Foto: Johann Schär)
  • Gehilfen in der Käserei Gondiswil beim Anstossen, o. J. (Foto: Johann Schär)

«Liebe Oberaargauerinnen und Oberaargauer

liebe Langenthalerinnen und Langenthaler

liebe Gäste und Freunde

Chäs u Chole: Die Eine und der Andere unter Ihnen wird sich gewundert haben, über diesen Ausstellungstitel. Ich versichere Ihnen, es geht wirklich um Käse und Kohle, um Milchwirtschaft und Bergbau. Sie bekommen tatsächlich Fotografien zu sehen von Bauern, Kühen und Käsern, von Kohlearbeitern, Gruben und Baggern.

Dennoch funktioniert auch das Wortspiel. Das mit der Kohle kann und darf man auch salopp verstehen. Es geht nämlich um ein Dorf, das mit Käse ‘Kohle’ gemacht hat. Die Eingeweihten wissen, dass in Gondiswil, wo Johann Schär fotografiert hat, bis heute eine florierende Käserei steht. 1966 war sie sogar die grösste im Kanton Bern.

Tatsache ist: Der Käse war einer der Ursachen, dass sich Gondiswil seit 1850 von einer ‘isolierten und verwahrlosten Gemeinde’ zu einem doch recht blühenden und ‘habligen’ Dorf entwickelt hat.

Der Kohleabbau wurde zum Fiasko

Merkwürdigerweise, passt das Wortspiel auch mit der Kohle, nur umgekehrt. 1917, im Ersten Weltkrieg, als Brennstoff Mangelware war, begannen mehrere Konsortien und Firmen rund um Gondiswil die vorhandenen Schieferkohlevorkommen auszubeuten. Ein Geschäft wurde dies jedoch für niemanden. Für die Gondiswiler wurde es gar zum Fiasko: Es kam nur ein Bruchteil des prognostizierten Rohstoffs zum Vorschein. Den beteiligten Grundeigentümern blieb ein schwindelerregendes Defizit. Um es so zu sagen: Im Gegensatz zum Käse, gelang es den Gondiswilern bei der Kohle nicht, ‘Kohle’ zu machen.

Bei der Ausstellung, die wir heute eröffnen, spielen Käse und Kohle eine wichtige Rolle, aber nicht die Hauptrolle. Diese gehört Johann Schär und seinen Fotos. Über die Titelthemen hinaus zeigen uns die Fotos weitere, nicht weniger spektakuläre Bereiche. Der Grund dafür liegt in der Person des Fotografen. Wie viele andere, die in den Dörfern meist als Autodidakten angefangen haben zu fotografieren, beachtete Johann Schär in seinem Werk spezifische Merkmale, die mit seinem Leben und seinen anderen Aktivitäten verknüpft sind – in seinem Fall sogar mit seiner Religiosität.

Ein Leben für Gondiswil

Johann Schär wächst im Weiler Freibachmoos in Gondiswil auf. Die wirtschaftliche Lage ist prekär, das Dorf ist verkehrstechnisch isoliert und – wie der Melchnauer Jakob Käser schreibt – in einem ‘verwahrlosten Zustand’. Die Kartoffelfäule grassiert und bis 1900 wandert ein Drittel der Gondiswilerinnen und Gondiswiler aus.

Dafür, dass dies ändert, ist die Generation von Johann Schär verantwortlich, und er damit. 1877 wird der damals 22jährige Sekretär der Käsereigenossenschaft, vier Jahre später Bannwart. In den nächsten Jahrzehnten wendet sich die Situation markant zum Besseren.

Vom Amateur zum Fotografen

Um 1900 quittiert Schär den Staatsdienst im Wald und beginnt mit Fotografieren. Zuerst bezeichnet er sich als ‘Amateur’, 1910 nennt er sich selbstbewusst ‘Fotograf’. Jährlich macht er um die hundert Fotos von den Landschaften, seinem Dorf, den umliegenden Höfen und Häusern – und natürlich von den Menschen.

Vor allem von den Menschen. Schär bildet Kinder ab, Halbwüchsige, junge Männer und Frauen, Paare, kleine und grosse Familien mit bis zu zwölf Kindern, Theatergruppen, Schulklassen, Soldaten und Landjäger, schliesslich alte Menschen und gebrechliche, und auch Tote auf dem Totenbett.

Heute, mit einer zeitlichen Distanz von hundert und mehr Jahren, ziehen diese Gesichter, Gestalten und Gruppen an uns vorüber. Wir sehen, wieviel sich verändert hat, sind aber auch gerührt von der Nähe und merken, vieles ist gleich geblieben. Noch immer ist da das Bedürfnis, sich Ablichten zu lassen, dabei zu posieren, sich dafür herauszuputzen und die eigene Individualität möglichst vorteilhaft zu präsentieren. Nur dass man dafür heute nicht mehr zum Fotografen geht; es reicht das Handy.

Bilder für alle und von allem

Es gibt aber auch andere Aufnahmen. Schär fotografierte unter anderem für das Gewerbe in Gondiswil und der Umgebung. Er zeigte den Schreiner oder den Schlosser, samt Familie und Möbeln, die Hausiererin und die Familie, die sich mit ihren Eierprodukten präsentiert.

Nur für Aussenstehende unerwartet ist das Thema Industrie. In manchem entfernten Winkel des Oberaargaus, ähnlich wie im Emmental, werden bis heute technische Höchstleistungen vollbracht. In Gondiswil war es die Firma H. Reinhard, die damals Maschinen für die Holzverarbeitung herstellte; sie ist in der Zwischenzeit nach Huttwil umgezogen.

Räumlich den Schluss der Ausstellung machen Fotos von Reisen und eine Reihe von Kuriosa. Johann Schär ist gereist, mit verschiedenen Reisegefährten. Das entfernteste Ziel war Biarritz. Und so sieht man sie nun, die Oberaargauer, mit hochgekrempelten Hosen am Strand, zum ersten Mal im Leben die Füsse im ungewohnt salzigen Wasser.

Der Wald

Zwei Themen waren Johann Schär sehr wichtig. Da ist der Wald. Als Bannwart hat Schär fast zwanzig Jahre im Schmiedwald zum Rechten gesehen. Als er mit Fotografieren anfing, wurde ihm der Wald einerseits zum Pleinair-Studio, wo er viele Porträt- und Gruppenaufnahmen machte, aber auch zum Gegenstand zauberhafter Naturstudien. Die Ausstellung zeigt noch mehr. Wir haben ein Holz, Rinde und Zweige eines Baums ausgelegt, der im Dezember 2016 gefällt worden ist. Gepflanzt hat ihn Johann Schär vor 120, 130 Jahren. Der Baum war ein Sequoadendron, eine Wellingtonia gigantea, eine Art, deren Samen Schär sich irgendwie in Amerika beschafft hatte. Noch immer stehen ein, zwei Dutzend der Baumriesen. Ein Ausflug lohnt sich.

Und der Glaube

Und da ist der Glaube. Gondiswil war zu Schärs Zeit nicht nur verkehrstechnisch abgelegen, sondern auch, was die landeskirchliche Betreuung betrifft. Der Pfarrer von Melchnau kam nur jede zweite Woche ins Dorf. Für die Betreuung der Schäfchen blieb nicht viel Zeit. Kein Wunder, dass sich viele Gondiswiler selber halfen. Mit dem Aufkommen der Evangelischen Gesellschaft wurde die Brüggenweid zu einem Zentrum der Volksfrömmigkeit.

Johann Schär, selber Mitglied dieser evangelischen Gemeinde, betreute den Verein der jungen Männer und gründete 1892 den sogenannten Posaunenchor, den es noch immer gibt und der heute die Ausstellungseröffnung musikalisch umrahmt.

Sie sehen: Johann Schärs Wirken war, wie er vermutlich sagen würde, ‘segensreich’: für die Fotografiegeschichte, für den Wald und für das religiöse und kulturelle Leben seines Dorfs und seiner Region.»