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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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KOLUMNE /

Christian Pauli

20.02.2017 | 06:00

MUNDART Gibt es eine Verbindung zwischen dem Dichter Marti und dem Rapper Nativ? Warum ist Mundartmusik so populär und trotzdem keine Volksmusik? 

Kurt Martis Werk und Wirken wurde – nicht nur an dieser Stelle – gebührend gewürdigt. Es liegt mir fern, es ebenso zu tun. Habe Marti explizit nie gelesen. Höchstens zugehört, wie andere ihn gelesen haben, wie zum Beispiel an der Hommage anlässlich des Literaturfestes im Kornhausforum im letzten August, als Guy Krneta, Peter Bichsel, Michael Fehr, Zsuzsanna Gahse, Franz Hohler, Pedro Lenz, Francesco Micieli, Beat Sterchi und Raphael Urweider aufzeigten, welche Bedeutung Marti für die Literatur, für das Sprechen und Schreiben in Bern und der Schweiz hatte.

Etwas an Marti lässt mich nicht mehr los. Christoph Reichenau hat daran erinnert, dass Marti 1967 mit «rosa loui – vierzg gedicht ir bärner umgangssprach» die Mundart literarisch «mit einem Meisterschlag aus ihrer Formelstarre, will sagen Totenstarre befreit» hat, wie es offenbar damals in der NZZ hiess. Formelstarre, was für eine treffende Diagnose! Dummerweise nur, dass die Diagnose auch heute noch zutrifft. Wobei ich Formelstarre – so wie heute Mundart-Pop klingt – noch fast schlimmer ist als Totenstarre.

Weil tot wär wenigstens tot. Mundart-Pop, wie es etwa SRF1 gerne vor der vollen Stunde bringt, ist tatsächliche Formelstarre in Reinkultur. Es tut schon verdammt weh, wie Berner Barden namens Trauffer, Gölä, Henä mit unserer Sprache die Kanäle verstopfen. So weh tut das, dass sich auch Dialekt-Dichter Pedro Lenz Luft verschaffen musste: «Der Mundart-Pop in der Deutschschweiz ist der Totengräber unserer Sprachkultur.» Was, lieber Kurt Marti, hast Du nur losgetreten?

Wobei, es gibt sie, die guten Mundart-Pop-Dichter: Kuno Lauener natürlich und immer wieder, der mit wenigen Worten präzise haftende Bilder kreiert: «Schachtar gäge Gent» oder «Schattenboxe gäge d'Wäng». (Hat eigentlich jemand bemerkt, dass diese zwei kürzlich online gestellten Songs nicht nur vom Titel her und visuell wie Zwillinge daher kommen, beide tief traurig, aber doch so verschieden?) Aber leider gibt es da neben Kuno eben diese Trauffers, Göläs, Henäs, Ritschis und Co. – für mich klingt das alles, sorry, wie aus dem gleichen Holz gemacht. Meist geht mir der Laden runter, wenn ich Mundart höre. Und so frage ich mich: Gibt es also eine unglückselige Verbindung zwischen Kurt Marti, Kuno Lauener und Heinrich «Henä» Müller? Und generell: Was zum Teufel ist denn mit unserer Volksmusik los? Denn wenn Mundart-Pop etwas sein sollte, dann die Volksmusik im Lande, right?

Im Film «unerhört jenisch» wird Stephan Eicher, ein Berner mit Weltblick, auf die musikalische Spurensuche seiner teilweise jenischen Vorfahren geschickt. Der Film ist formell und inhaltlich wenig kongruent, aber er bringt emotional eines auf den Punkt: Es gibt diese Sehnsucht nach einer Schweizerischen Volksmusik, die uns allen gefallen könnte. Und wir haben sie nicht, diese Musik. Es gibt berührende, traurige, jenische Musik in Bergen und Krächen des Graubünden und Appenzells. Es gibt in Bern Bands wie Traktorstar und die Kummerbuben, die sich ernsthaft und anregend an Volksmusik versuchen.

Aber irgendwie will die Volksmusik nicht in alle unsere Herzen dringen. Ist es eigentlich ein Klischee, dass auf dem Balkan alle Menschen gemeinsam lachen und weinen, wenn zu Trompeten und Handorgel gegriffen wird? Mundart. Das Wort tut weh. Mundartigkeit. Auch die Volksmusik tut weh. Ich hätte es gerne, wenn sie einfach da wäre und zu mir gehören würde. Warum geht das in der Schweiz nicht?

Kommen wir zu Nativ, dem jungen Berner Rapper, der es zu einer erstaunlich umstrittenen Berühmtheit gebracht hat. Das Thema Vetterliwirtschaft interessiert an dieser Stelle nicht. Was sich aber abspielt in der Causa Nativ ist ein Kulturclash der besonderen Art. Nativ und Co. sind die Mundartdichter der Gegenwart. Sie sind Pop und aber anders: strassenaffin, musikalisch adäquat, multikulturell, links. Kids, die sich durch die Hotspots und Neighbourhoods ihrer Stadt (Bern) rappen: «Hie läbä mer u stärbä mär, Bärn Baby». Nativ, der ehemalige Mitarbeiter der Abteilung Kulturelles, der sich gerne in besetzten Häusern und mit Stinkefinger zeigt, ist ein gutes, reelles, widersprüchliches Abbild dieser bunten Stadt und bringt etwas Hoffnung zurück, dass Mundart als Kultursprache taugt. Alles wird übrigens anders, wenn Jeans for Jesus endlich ihr neues Album veröffentlicht haben. «Die Schweiz wartet auf das Album», heisst es, und daraus werde ein «Hauptwerk des Berner Mundartpop». Ja, die Hoffnung, die Ausdruck einer Frustration ist, stirbt zuletzt.