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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Cool! Chic! Terroristin! Und niemand ist gefeit

Eine Gruppe engagierter FotografInnen hat eine spannende und berührende Ausstellung gemacht: «eingewandert.ch». Bilder und Töne zu Immigration, Integration und Identität. Ein wichtiges Projekt zur richtigen Zeit.

  • Aus der Serie «Schweizerinnen und Schweizer». (Foto: Walter Lüthi).
  • Aus der Serie «Viele Wege führen nach Bern». (Foto: Peter Eichenberger)
  • Aus der Serie «Integrationspuzzle». (Foto Eve-Marie Lagger)
  • Aus der Serie «Akzeptiert… oder nicht?». (Foto: Daniel Luginbühl)
  • Aus der Serie «Die Kuh im Raum Bern» (Foto: Severin Novacki)
  • Aus der Serie «Zwischenweltliche Perspektiven». (Foto: Kuno Schläfli)
  • Aus der Serie «Menschen aus aller Welt in ihrem Element». (Foto: Karl Schuler)

«eingewandert.ch», das ist zum Beispiel das Integrationspuzzle von Eve-Marie Lagger: Fünf übereinander montierte leuchtende Würfel, drehbar, allseitig mit Fotos beklebt. Sie zeigen vier Porträts von jungen Männern, dazu Aufnahmen von Häusern, Handschriften, Handys persönlichen Gegenständen. Welcher Mann wohnt wo? schreibt wie? besitzt welches Handy, welchen persönlichen Gegenstand? Und jetzt: Drehe die Würfel solange, bis alle Zuordnungen stimmen.

Eigenständige Blicke auf ein aktuelles Thema

Oder Peter Eichenbergers Projekt. Er hat zehn Leute aus seinem Berner Bekanntenkreis porträtiert, Kolleginnen und Kollegen – Einheimische mit Wurzeln in Argentinien, Benin, Dänemark, Deutschland, Italien, Kurdistan, Spanien, Sri Lanka, in der Türkei und auf den Seychellen. Vis à vis Daniel Luginbühls zwölf durchwegs einnehmend inszenierte Porträts, sechs Frauen, sechs Männer, alle mit einer Kopfbedeckung. Beim Betrachten unwillkürlich der routinierte innere Monolog, für den man sich schämt: Cool! Chic! Terroristin!

«Das Land verändert sich, ob wir wollen oder nicht: Die Schweiz plus zehn Leute aus Syrien ist etwas anderes als die Schweiz.»

Severin Nowacki

Dann Werner Lüthis Serie zweier Frauen und zweier Männer: Alle vier abgebildet in einer Berufssituation, einer Freizeitsituation und auf einer Porträtaufnahme, ihren Schweizer Pass vorweisend. Drei von ihnen sind in die Schweiz eingewandert. Welche? Warum? Oder Severin Nowacki: Er zeigt, wie es die schweizerischsten Schweizer, die Bauern, mit ihren Schweizerkühen haben: Die für meinen Laienblick schweizerischste der fünf porträtierten wurde aus den USA importiert, die anderen kommen aus Schottland, Frankreich, Friesland und noch einmal aus Frankreich.

Kuno Schläfli hat im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten acht Stiftinnen und vier Stifte mit Migrationshintergrund porträtiert und interviewt. Zum Beispiel Selina, die auf französisch und auf berndeutsch von ihrem spanischen Vater erzählt. Das Thema des weitegereisten Karl Schuler schliesslich ist folgendes: «Menschen aus aller Welt in ihrem Element». Seine Bilder zeigen, was ein würdiges und erfülltes Leben ausmacht und erinnern daran, dass niemand freiwillig migriert – nicht einmal in die Schweiz.

Projekt unter einem guten Stern

Severin Nowacki ist der einzige professionelle Fotograf unter den Ausstellenden. Er sagt: «Ich selber bin Einwanderer der vierten Generation.» Er habe zwar das Gefühl, er sei von hier, «aber mein Urgrossvater kam aus Polen in die Schweiz».

Diskussionen über die Flüchtlinge auf der Balkanroute führen in der Gruppe im Herbst 2015 zur Idee, das Thema Migration fotografisch anzugehen. Ein gemeinsames erstes Brain-Storming umkreist Begriffe wie Identität, Integration, Migration, Flucht und Rassismus. Daraus entstehen erste Ideen für fotografische Umsetzungen.

«Kommt ein schwarzer Musiker ins Bee-flat, kann er nicht exotisch genug spielen, aber kommt er hilfsbedürftig, dann ist er ein Fremder und unerwünscht.»

Severin Nowacki

Starken Rückenwind erhalten diese Ideen, als das Museum für Kommunikation von ihnen erfährt und Interesse anmeldet, daraus eine Ausstellung zu machen. Man erarbeitet gemeinsam ein Konzept mit interaktiven Elementen, die Zuständigen im Museum sind davon begeistert, und im Juni 2016 unterzeichnet die Gruppe einen Vertrag: Das Museum bietet Infrastruktur und professionelle Unterstützung durch die Museumsangestellten, die Gruppe stellt ihre Werke zur Verfügung und sucht dafür Sponsoringgelder. «Dieser Start grenzte an Hochstapelei», sagt Nowacki. «Aber es kommen so viele Leute in diesem Land an, die haben ihr Leben riskiert. Wir wollten zumindest die Ausstellung riskieren.»

Das Projekt steht unter einem guten Stern: «Viele Leute haben an uns und unsere Ideen geglaubt und uns unterstützt. Mit jeder Geldspende konnten wir die technische Umsetzung unserer Projekte optimieren.» Unterdessen gibt es neben der Ausstellung Plakate, Flyer, eine Internetseite, ein Lehrmittel und eine Serie von Videos auf Youtube. Ihm habe die Gruppe den Auftrag gegeben, nebenbei als Art Director zu wirken: «Wir haben abgemacht, dass ich für die künstlerische Qualitätssicherung zuständig sein solle.» 

Didaktik für die Jungen? – Aufklärung für alle!

Ein Lehrer der GIBB erarbeitete während der Weihnachtsferien für die Ausstellung ein Lehrmittel, das den Ausstellungsbesuch für Schulklassen didaktisch vorbereitet. Bereits haben sich 16 GIBB-Klassen für Führungen angemeldet. Aber zu sagen: Sehr gut, die Jungen sollen ruhig was lernen gehen ins Museum für Kommunikation, wäre eine billige Schutzbehauptung.

«Angst und Hass kannst du nur gegen Massen schüren, zum Beispiel gegen ‘Flüchtlingswellen’. Gegen ein Gesicht und seine Stimme ist es schwieriger, rassistisch zu sein.»

Severin Nowacki

Mit sieben unterschiedlichen, sauber gedachten, leidenschaftlich fotografierten und sehenswert inszenierten Zugängen macht die Ausstellung das aufklärerische Angebot, sich mit Fragen auseinanderzusetzen, von denen sich angesichts der weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen niemand dispensieren kann: Was tun mit der verdrucksten eigenen Hilflosigkeit gegenüber dunkler Haut und fremden Sprachen? Was tun mit dem eigenen schlechten Gewissen, hier auf viele Arten privilegiert von der Ausbeutung und deren klimatischen Folgen anderswo zu profitieren? Und was tun, wenn einem dämmert, dass man nicht bloss deshalb kein Rassist bleibt, weil man mit den richtigen Wörtern selbstgerecht zu betonen weiss, man sei keiner?

Nowacki spricht wohl für die ganze Gruppe der FotografInnen, wenn er sagt: «Ich habe während der intensiven Arbeit an diesem Projekt gelernt, dass es darum geht, es genau wissen und eine klare Haltung haben zu wollen, damit nicht Vorurteile den eigenen Blick trüben.»