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«Er war etwas wie die Mitte»

Kurt Marti war Theologe, Lyriker, Chronist, Citoyen. Er stand am Anfang der neuen Mundartbewegung und damit letztlich von «Bern ist überall». Anreger, Begleiter, kritischer Beobachter bis zuletzt. Am Samstag ist er 96-jährig gestorben.

Kurt Marti beim Radiostudio Bern vor seinem Interview über die «Notizen und Details», 25. März 2010. (Foto Hektor Leibundgut)

«Der Christ ist Revolutionär», schrieb Martin Stähli; «Der Christ ist Utopist» erklärte Hans Kaspar Schmocker. Das Arche-Bändchen mit dem Titel «Theologie im Angriff» aus dem Jahr 1969 hat es in sich. Kurt Marti leitete die Aufsätze der beiden rund zwanzig Jahre jüngeren Theologen ein. Eine zentrale Passage aus Martis sorgfältigem Bericht über die Unruhe und die Erneuerungsideen der jungen Theologinnen und Theologen lautete: «Die wahre, geistig vitale Kirche ist keine Institution, sondern ein Geschehen. Kirche geschieht, wo Menschen sich zu Gruppen, Teams, Aktionsgemeinschaften zusammenfinden, um verantwortlich an Sachfragen (des Quartiers, der Gesellschaft, der Dritten Welt, der sexuellen Revolution usw.) zu arbeiten. Kirche geschieht, wo Menschen, aus ihrer (weltlichen und kirchlichen) Konsumentenhaltung erwacht, sich zusammentun, um in konkreten Fragen den Gang der Welt zu ändern.»

«rosa loui»

Als «Theologie im Angriff» erschien, stand Kurt Marti, 1921 geboren, in der Mitte seines Lebens. Nach dem Studium in Bern und Basel bei Karl Barth hatte er in Paris als Seelsorger für Kriegsgefangene gearbeitet, war dann Pfarrer in Leimiswil und Niederlenz, seit 1961 an der Nydeggkirche Bern. Er hatte das Markus-Evangelium ausgelegt für die Gemeinde (1967), hatte 1959 «Republikanische Gedichte» veröffentlicht, 1960 «Dorfgeschichten», 1969 «Leichenreden». Mit «rosa loui – vierzg gedicht ir bärner umgangssprach» hatte er 1967 die Mundart literarisch «mit einem Meisterschlag aus ihrer Formelstarre, will sagen Totenstarre befreit», wie Werner Weber in der NZZ schrieb.

Drei Beispiele aus dem Gedichtband: «d’schöni / vo de wüeschte wörter / isch e brunne / i dr wüeschti / vo de schöne Wörter» (hommage à rabelais). «zärtlechkeit / schneit / und schneit / uralt / i ne wält / wo fallt / und vergeit» (lippeschtift-notiz). Und: «so rosa / wie du rosa / bisch / so rosa / isch / kei loui süsch».

Von hier aus ging Marti einen langen Weg zur Erneuerung der Mundart, unserer Muttersprache, als Teil der Bewegung «modern mundart» im Umfeld der 1968er, die später zur Spoken-Word-Szene führte, in der seit 2003 u.a. Adi Blum, Guy Krneta, Pedro Lenz und Beat Sterchi das Ensemble «Bern ist überall» bilden.

Chronist

Kurt Marti war zeitlebens ein Chronist. Zuverlässig, unbestechlich, neugierig und mit Instinkt für das Wesentliche spürte er von 1964 bis 2007 in seiner Rubrik «Notizen und Details» für die Zeitschrift Reformatio 252mal allem Möglichen nach: vom Werbebrief des Hauseigentümerverbands über den Jazz-Kritiker Joachim Ernst Behrendt zum Schriftsteller Ludwig Hohl bis zur Befreiungstheologie. Wissenwollend, unaufgeregt, mit dem Selbstbewusstsein des Citoyens blickte Marti hinter sprachliche Fassaden (etwa zum Ausdruck «Kulturschaffende» oder zum  Wort «links»), demontierte Popanze (z.B. den Vorwurf «die da oben machen ja doch, was sie wollen…») und sprach aus, wenn der Kaiser nackt ging. Die 2010 vollständig erschienene Textsammlung umfasst 1‘400 Seiten. Ein Monument chronistischer Übersicht und Verlässlichkeit.

In die Reihe präziser Beobachtungen der gesellschaftlich-politischen Verhältnisse und Veränderungen gehört auch Martis politisches Tagebuch «Zum Beispiel Bern 1972» zum Jahr, in dem ihm der Regierungsrat eine Professur für Homiletik verweigerte. Oder «Ruhe und Ordnung», Aufzeichnungen und Abschweifungen 1980-1983. Oder «Die Schweiz und ihre Schriftsteller – die Schriftsteller und ihre Schweiz» (1966), eine Analyse hiesiger Zustände und Probleme im Spiegel der neueren Literatur. Oder die «kleine zeitrevue» (Erzählgedichte, 1999). Und die Autobiographie der frühen Jahre «Ein Topf voll Zeit 1928-1948» (2008). In diesen und vielen weiteren Texten nimmt der politisch Engagierte, Mitbegründer der Erklärung von Bern, Stellung zu den wichtigen Fragen der Zeit, zur Atombewaffnung, zur Dritten Welt, zur Gerechtigkeit unter den Geschlechtern, zu Kapitalismus und Sozialismus.

«Es gibt wohl kaum einen zweiten Schweizer Autor, der so vertraut ist mit den Mechanismen der direkten Demokratie wie Marti, auch mit ihrer Atmosphäre, ihren ‘Sternstunden und Unsternstunden’. Diese Kenntnisse sind aber keine Hors-sol-Gewächse, und ich möchte behaupten, man könne sie nirgends so konkret erwerben wie in einer ländlichen Gemeinde, die ihren Pfarrer nicht in seiner Studierstube lässt!» Dies stellt Elsbeth Pulver im Vorwort zum Erzählungsband «Neapel sehen» (1996) fest und meint, Martis Geschichten gäben «ein Bild der Innenwelt eines Dorfes der Jahrhundertmitte, zu dem die Gemeindeversammlung gehört, so gut wie Fluchtgedanken und Sehnsucht nach der weiten Welt».

«Sprache an sich»

Genauem Hinsehen und Hinspüren entstammen – in einer anderen literarischen Gattung beheimatet – die «Leichenreden» (1969): Beklemmende, aufrüttelnde, anklagende, befreiende Gedichte oder, anders gesagt, Miniaturen landläufiger Lebensläufe. Hier zeigt sich der mit den sogenannten Umständen nicht versöhnte, der gegen Unrecht und Lieblosigkeit kämpfende Marti, der auch austeilt, einteilt, urteilt.

Zur Neuauflage der «Leichenreden» 2001 schrieb Peter Bichsel, die Texte seien ihm «mehr und mehr zur Sprache an sich geworden, zum unbestechlichen ‘Es steht geschrieben’.» Marti zitierend: «Welche Wohltat / einmal auch sagen zu dürfen: / nein er war nicht tüchtig […]», fährt Bichsel fort: «Da atmet nicht einfach nur ein lügengeplagter Pfarrer auf, sondern eine lügengeplagte Sprache: Klartext – Tod, das gibt es.»

In verwandter Manier tritt der Theologe Marti dem Agnostiker Robert Mächler entgegen im Disput über die Frage, ob die Vernunft in der Lage sei, selber die Grundwerte der offenen liberalen Gesellschaft zu schaffen, Menschenrechte, Chancengleichheit, Respekt vor dem Leben. Im mit Briefen ausgetragenen Streitgespräch über Vernunft und Glauben («Der Mensch ist nicht für das Christentum da» 1977, neu aufgelegt 1993 unter dem Titel «Damit der Mensch endlich wird, was er sein könnte», und nochmals aufgelegt 2002 mit dem Titel «Woher eine Ethik nehmen?»). Ein Lehrstück in Argumentationskunst, Wahrheitssuche, aber auch Überzeugungs- (nicht Überredungs-) willen.

Experiment

«Kurt Martis Schreiben war immer experimentell», schrieb Bichsel 2001. «Bei keinem anderen habe ich so viel gelernt – damals vor vierzig Jahren, als es in Bern so etwas gab wie eine trotzige Gegenliteratur. In kleinen Kreisen wurde sie zelebriert: Peter Lehner, Jörg Steiner, Ernst Eggimann, Sam Jaun, Walter Vogt und viele andere mehr. […] Wir schrieben in einer kleinen, fast in sich geschlossenen Welt. Und viele von uns schulten sich an den Texten von Marti. Er war zwar weder ein Lehrer, noch ein Guru – er war etwas wie die Mitte, und wir bewegten uns immer wieder auf ihn zu.»

Eine der wichtigsten Kolleginnen war als Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle. Mit ihr und Adolf Muschg verfasste Marti 1989 die Texte zum Oratorium für den Planeten des Lebens, «Sunt lacrimae rerum» (Komposition Daniel Glaus). Der Schluss lautet: «Nur Umkehr / kann / Hoffnung wecken. // Nur der Mut / anders zu leben / macht uns wieder lebendig. // In der Tiefe, ach, / bitten wir / um Mut zur Umkehr.»

Happy few

Prägnant hat Kurt Marti im kurzen Text «Happy few» die Lage des Autors in unserer Zeit festgehalten. «Wer schreibt, denkt nach: über sich selbst, über die Welt, über seine Arbeit. Wer schreibt, ohne kritisch vor- und nachzudenken, disqualifiziert sich als Autor. Leider bedeutet dies: der qualifizierte Autor ist ein sozial Privilegierter. Was nichts gegen den Autor, wohl aber gegen die Gesellschaft sagt, in der zweckfreie Bildung und kritische Reflexion ein Vorrecht Weniger bleiben. Wer täglich acht Stunden ein Punktschweissgerät bedient, hat dieses Privileg nicht.» («Zärtlichkeit und Schmerz», Notizen 1979)

Für Marti bedeutete die Zugehörigkeit zur privilegierten Elite eine Verpflichtung. Die Aufgabe, die Lebensverhältnisse jener, die nicht das Privileg des Nachdenkens haben, genau und konkret zu beschreiben, zu reflektieren und für ihre Verbesserung einzutreten. Mit Geschichten, Gedichten, Notizen, Kolumnen, theologischen und politischen Texten, Übersetzungen und immer wieder in Reden hat Marti dies getan. Entstanden ist ein Berg von Broschüren, Büchern, Zeitschriftenbeiträgen in Standardsprache (wie man neuerdings sagt) und auf Mundart. Ihr Autor war nie «freischaffend», er wirkte vom Ende des Theologiestudiums an zuerst in Niederlenz, dann an der Berner Nydeggkirche hauptamtlich als Pfarrer. Wie er der kargen Freizeit neben seinen Berufspflichten die Tausenden von publizierten Seiten abrang, ist mir ein Rätsel. Denn «abrang» trifft es nicht – Martis Texte wirken zumeist leicht, locker, humorvoll, oft liegt ein Augenzwinkern in ihnen. Das ist hohe Kunst: Das Schwere leicht erscheinen zu lassen, selbstverständlich, oft wie abgepflückt oder hingetupft.

Ein zweites Autorenleben

Als er 1983 als Pfarrer zurücktrat, hatte Kurt Marti bei guter Gesundheit dann eine lange Zeit als wirklich freier Schriftsteller. In diesen fruchtbaren Jahren erschienen unter vielen weiteren Publikationen die Gedichte «zoé zebra» (2004), die Rühmung (ja, so nennt er es) «DU» (2007) und das Büchlein «Schöpfungsglaube, die Ökologie Gottes» (2008). Fast eine theologisch-literarisch-politische Summe bilden die Übersetzung und Erklärung der Schriften «Prediger Salomo» mit dem Untertitel «Weisheit inmitten der Globalisierung» (2002).

Ein Meister – und Hanni

Kurt Marti war ein Meister. Er kannte seine Bedeutung. Republikanisch nüchtern, oft verknorzt, redete er seinen Ruf klein oder schwieg. Doch Anerkennung und Zuspruch freuten ihn: Preise, Ehrungen, Gratulationen. Als ihm der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck zum 95. Geburtstag schrieb, nahm er die Würdigung gerne an. Marti war – das geht neben dem Ernsthaften, Tiefschürfenden, Wahrheitssuchenden manchmal vergessen – auch ein Mann des Hymnischen, des Psalmischen, der Rühmung. Er war dem Weiblichen, der Liebe in allen Formen, der göttlichen Erscheinung vielfältig verbunden. Ein Mensch – und ein Mann, der in weiten Bezügen dachte, offen war für das Weltliche und das Überweltliche und so auch schrieb.

Im Herbst 2016 feierten Guy Krneta und Meret Matter mit vielen Autorinnen und Autoren im Kornhausforum mit einer «Hommage an Kurt Marti» die Breite und Fülle des Theologen, Chronisten, Spracherneuerers und Citoyens, dieses Liebenden und Liebe Suchenden.

Sein unglaublich reichhaltiges, vielgestaltiges, profundes und, ja, leichtes – sein lächelndes – Werk hätte Kurt Marti mit einer Familie und vier Kindern nicht schaffen können ohne die Mitwirkung der kritischen Partnerin und Ehefrau. Hanni Marti ist 2007 gestorben. Ihr Anteil an Kurts Arbeit ist immens. Dies schmälert seinen Anteil in keiner Weise; es rückt vielmehr seine Fähigkeit ins Licht, zuhören zu können und andere – vor allem Hanni – ernst zu nehmen. Im Kleinen zeigt sich daran Martis republikanische Haltung in der Beziehung zum Staat.