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Ist die Schweizer Volksmusik jenisch?

Der Film «unerhört jenisch» von Karoline Arn und Martina Rieder ist angelaufen. Sein Thema ist auch die Geschichte der Tanzmusik, die schon immer von Fahrenden gemacht worden ist. – Gespräch mit der Co-Regisseurin Karoline Arn (Teil 2).

  • Stephan Eicher mit Patrick Waser (links) und Martin Waser unterwegs in Südfrankreich. (Foto: zvg)
  • Hochbegabter, sensibler Musiker: Patrick Waser. (Foto: zvg)
  • Ansingen gegen nicht wieder gutzumachende Verletzungen: Chris More. (Foto: zvg)
  • Es war nicht die Lawine – der Auftritt dauert an: Luisa Moser. (Foto: zvg)
  • Wissenschaftlicher Rassismus Schwarz auf Weiss: Erich Eicher im Lesesaal der Schweizerischen Nationalbibliothek. (Foto: zvg)

Im Film treten nicht fahrende, sondern solche Jenische auf, die seit langem in Wohnungen leben. Warum?

Wir suchten Leute, die in der sesshaften Kultur leben, weil wir herausfinden wollten, wie stark jenische Kultur weiterwirkt, wenn sie nicht durch den Blick auf die Kultur des Fahrens eingeschränkt wird. Zudem wollten wir bewusst auch mit Stephan Eicher arbeiten und nicht ausschliesslich mit Musikern, die man marginalisieren kann, weil sie öffentlich zu wenig bekannt sind. Wir wollten zeigen: Von berühmt bis unbekannt gibt es alles. Jenische sind nicht zu reduzieren auf eine Minderheit am Rand. Unterdessen sind wir überzeugt, dass diese Kultur von grosser Bedeutung ist. Diese Qualität, die Besonderheit der Musik, das Herausragende und Spezielle ist aber nicht allen bewusst – und wird von aussen auch nicht als das wahrgenommen und wertgeschätzt. Für sie selber ist die Musik selbstverständlich – sie sind nicht stolz darauf, gerade auch, weil sie unter anderem wegen dieser kulturellen Fähigkeiten verfolgt und verfemt worden sind.

Es fällt auf, wie nahe ihr den Leuten gekommen seid. Eine ganze Reihe von Szenen sind in Privaträumen gedreht worden, gewisse Gesprächsequenzen wirken sehr persönlich. Können die Leute mit dem Film leben?

Das können sie. Wir sind nach den Dreharbeiten etwa fünfmal nach Obervaz gefahren und haben den Film in jeder Familie einzeln gezeigt. Alle wussten, dass sie jederzeit sagen können: Stop, ich mache nicht mit in diesem Film. Diese Abmachung galt, obschon es je nach Szenen, die wir hätten herausschneiden müssen, für den Film und die Geschichte schwierig geworden wäre. Die Abmachung hat uns dazu verpflichtet, die Leute möglichst so zu nehmen und so zu zeigen, wie sie sind. Wir durften nicht zuspitzen, wir durften nichts falsch darlegen oder in falsche Zusammenhänge stellen.

Trotzdem haben wir mit dem Film natürlich eine Geschichte kreiert, die es zuvor so nicht gegeben hat. Darum wäre es möglich gewesen, dass jemand gesagt hätte: Mit dieser Geschichte identifiziere ich mich nicht. Schön war, dass alle erstaunt gewesen sind, berührt, beeindruckt auch, als sie ihre Musikkultur von aussen in einer Art gespiegelt gesehen haben, die ihnen so bisher gar nicht bewusst gewesen ist.

Im Film spricht Christian Mehr, Sohn der Schriftstellerin und unter dem Namen Chris More in Zürich auch als Punkmusiker unterwegs, zweimal über die Musik, die die Bündner Musiker spielen. In einem ersten Statement urteilt er hart, er verstehe nicht, warum Jenische jene Volksmusik spielen könnten, die doch die Musik der sesshaften Unterdrücker sei. Das zweite Statement ist ganz anders. Unterdessen hat der Film die historische Tatsache vermittelt, dass Sesshafte, die Noten schreiben konnten, mündlich tradierte jenische Musik mitgeschrieben und unter ihrem eigenen Namen der Nationalmusik der «Bauern» beigefügt haben. Daran anschliessend sagt Mehr, eigentlich sei es «ein Wahnsinn», dass durch dieses Abkupfern die jenische Musik ein Stück weit zur klassischen Volksmusik der Schweiz geworden sei. Mehrs anschliessendes Lachen gehört für mich zu den schönsten Momenten des Films. Aber hat er auch Recht?

Ich denke schon, und aus historischer Sicht ist es eigentlich logisch und musikwissenschaftlich auch geklärt: Die Spielleute des Mittealters waren ausschliesslich Fahrende. Es gab damals keine Sesshaften, die Tanzmusik machten. Und diese Musikkultur der Spielleute hat sich erhalten bis heute.

Die Musik des legendären Klarinettisten Paul Kollegger zum Beispiel fand ihre Verbreitung durch Bündner, die in Bern lebten. Natürlich auch dank des Aufkommens der Schallplatten und des Radios. Die Schallplattenproduzenten wollten keine sperrigen und unverständlichen jenischen Titel für ihre Musikstücke und schrieben als Komponist einfach die Namen der jeweiligen Interpreten hin. Oft ohne böse Absicht.

Auch viele nichtjenische Musiker lernten bei Paul Kollegger spielen und versuchten, diesen «Zwick» bei der Interpretation der Stücke zu erlernen. Erst in den 1930er Jahren wurden der Ländler salonfähig und auch in den bürgerlichen und städtischen Kreisen gehört. Die Ländler übernahmen so auch eine wichtige Identifikationsaufgabe bei der geistigen Landesverteidigung.

Das würde heissen: Die scheinbar urschweizerische Ländlermusik war bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs mindestens zum Teil die Musik der jenischen Minderheit?

Das ist wohl so, ja. – Und es gibt nicht nur Paul Kollegger. Wir hörten von einigen Stücken, die ursprünglich von jenischen Musikern gespielt worden waren und dann im Unterland zu Schlager-Hits mutierten. Als die «Moser-Bueba» uns ein Stück vorspielten, waren wir zunächst enttäuscht: Wir hatten sie gebeten, eines ihrer eigenen Stücke zu spielen – statt dessen ertönte die Melodie des «Minstrels»-Hits «Grüezi wohl Frau Stirnimaa!» von 1969. Sie stellten dann klar, dass das Stück «Stierlimaa» hiess, und schon ihr Neni, ihr Grossvater, habe es in Obervaz gespielt! Vieles, was an Inspiration in der heutigen schweizerischen Volksmusik steckt, hat jenische Wurzeln. Ich bin überzeugt, dass man diese These musikhistorisch vertiefen und erhärten könnte.

Wird sie denn erforscht?

Mir ist nichts bekannt. – Es war wohl so: Man konnte nicht eine Minderheit über Jahrhunderte verfolgen, sie mit diesen furchtbaren Zuschreibungen von erblicher Minderwertigkeit oder «Imbezilität», also Schwachsinn, stigmatisieren, und schliesslich der Bevölkerungsmehrheit erklären: Liebe Leute, eure Volksmusik ist eigentlich die Musik dieser Leute. Für mich ist dieses Tabu ein Teil der Verfolgung und der Unterdrückung der Jenischen: Überall sonst nennt man die Namen der Urheber. Niemand aber redete und schrieb je von einer jenischen Musikkultur.

So ist es auch zu erklären, dass wir bei der Arbeit am Film nie den Eindruck hatten, die Leute seien stolz auf ihre Musik. Musik ist anders konnotiert: Musik ist Familietradition, das gemeinsame Spielen gibt Zusammenhalt und Gemeinschaft. Und insbesondere ist es Tanzmusik, mit der man auftreten und ein bisschen Geld verdienen kann. Von Paul Kollegger sagt man, er habe 24 Stunden aus dem Kopf durchspielen können, ohne ein Stück zu wiederholen. Aber wo an Tanzanlässen musiziert wurde, wurde auch getrunken. Und auch den Musikern gab man Alkoholisches zum Trinken. Und Alkoholismus führte in die Verarmung oder in die Verfolgung.

Vor diesem Film war ich der Meinung, Technoraves, das stehe speziell für die Kultur von heute. Aber alles war schon einmal da: in diesen Bündner Dörfern haben die Leute an ihren Festen manchmal tagelang einfach durchgetanzt, nonstop. Uns wurde die Geschichte erzählt, dass die Männer einmal im Winter zum Spielen in ein Tal gegangen und anderntags nicht zurückgekehrt seien. Man habe den Dorfpolizisten alarmiert, weil man befürchtet habe, eine Lawine müsse das Tal verschüttet haben. Der Polizist sei mit der Meldung zurückgekehrt, es sei alles in Ordnung, sie seien immer noch am Spielen.