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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Der kleine Aussetzer von Stockholm

MEIN BEWEGTES 2016. – An der Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan hat Patti Smith «A Hard Rain's A-Gonna Fall» gesungen. Sie musste mitten im Lied unterbrechen und neu ansetzen. Vielleicht war's unser aller Aussetzer.

Wir, die Generation, die keinem über 30 traute, wurden in diesem Jahr mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Natürlich hat Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur bekommen, und er hat ihn auch verdient. Seine Songtexte sind Wiesen der Poesie und ihre vielen Verschlüsselungen noch längst nicht alle enträtselt, so schlicht und eingängig ihre Zeilen zuweilen sein mögen – the times they are a-changin’ zum Beispiel, eine unmissverständliche Botschaft. Würde man meinen.

Ein wenig jedoch haben wir alle ihn bekommen, diesen Nobelpreis. Dylans Lieder sind auch unsere, er hat sie geschrieben, wir machten sie zur Tonspur unseres Alltags. Romantisch, verwegen, bitter, und immer prallvoll vom Leben der Strasse. Ihm – und damit uns – machte keiner so schnell was vor!

The times they are a-changin’ hat Bob Dylan 1964 geschrieben. Die Amerikaner begannen Vietnam zu bombardieren, in der Schweiz wurden die ersten Autobahnen gebaut. Der Song ist eine Kampfansage an die Mächtigen und die Mütter und Väter. Wir haben uns entschieden und eine Linie gezogen zwischen euch und uns. Es gibt Passagen in dem Song – wenn er die Senatoren und Kongressabgeordneten auffordert, sich zu bewegen, don’t stand in the doorway, don’t block up the hall –, die hätten 2016 auch Trump-Wähler zitieren können. Aber das war einmal unser Song, damals, als noch klar war, wer auf welcher Seite der Linie steht.

Ist lange her. Auch wir wurden 30, und mit Bill Clinton 1993 zum ersten Mal einer US-Präsident, der jünger war als Bob Dylan. Der Protestsänger von einst wollte nicht mehr Stimme einer Generation sein, er wollte nur sich und bei sich selber sein. Er ging auf die Never Ending Tour. Und wenn man ihn, in sich gekehrt und abgewandt, spielen sah, konnte man meinen, die Einsamkeit der Bühne sei ihm der letzte sichere Ort auf der Welt.

Und wir, die wir meinten, mit ihm unterwegs zu sein? Wie weit sind wir gekommen mit unseren Entwürfen einer gerechten Welt? Vielleicht fragen wir besser nicht, sondern spielen die alten Songs, wieder und wieder, um der guten alten Zeiten willen, aber auch, um uns abzulenken von der Realität, die unseren Visionen brachial aus dem Ruder gelaufen ist. Die Zeiten haben sich geändert, keine Frage. Sie haben sich so sehr geändert, dass man unterdessen nicht mehr weiss, wer auf welcher Seite der Linie steht.

Und plötzlich erzählen diese alten Songs neue Geschichten. Im Sommer 1962 hat Dylan A Hard Rain’s A-Gonna Fall geschrieben, wenige Monate vor der Kubakrise. Ein gewaltiges, ebenso phantastisches wie apokalyptisches Fresko, eine Momentaufnahme aus der Nacht vor der Katastrophe. Die grosse Patti Smith musste bei der Nobelpreisfeier in Stockholm, als sie den Song zu Ehren Dylans gesungen hat, unterbrechen und neu ansetzen, so nervös war sie. Aber vielleicht war das mehr als nur ein kleiner persönlicher Aussetzer. Vielleicht war’s unser aller Aussetzer.

Der harte Regen, von dem Dylan geschrieben hat, prasselt auch fünfzig Jahre später erbarmungslos herunter. Damals waren es die Atombombenarsenale der kalten Krieger, die die Welt in Schrecken versetzten. Heute trägt das Elend der Welt den Namen einer syrischen Stadt. Aleppo. Keinen Schritt weiter sind wir gekommen – von wegen the times they are a-changin’.

Vielleicht gehört der Nobelpreis doch nicht uns, der Generation, die keinem über 30 traute. Sondern ganz allein Bob Dylan. Er hat gesagt, was uns droht. Er hat es uns vorgesungen. Wir hätten weniger einfach nachsingen und öfter besser hinhören sollen.