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Malewitschs Brücke

Die Dachstiftung Kunstmuseum/Zentrum Paul ist auf Kurs. Dank mehr Gemeinsamkeit im Betrieb erwirtschaftet sie mehr Geld für die Kunst. Nach «Chinese Whispers» widmen sich die Museen 2017 der Kunstentwicklung seit der russischen Revolution 1917.

Kasimir Malewitschs Rechtecke im Quadrat: ein momentan gefundenes, provisorisches Gleichgewicht. (Foto: KMB/ZPK).

Im Mittelpunkt steht eine kleine Zeichnung. Behandschuhte Helferinnen legen sie während der Medienkonferenz behutsam auf eine Staffelei. Das Quadrat von Kasimir Malewitsch (1878-1935), in dem Rechtecke in fragiler Balance platziert sind, ist eine feine Bleistift-Arbeit. Der Strich des Künstlers setzt mehrmals neu an, bis der die geometrischen Formen umgebende Rahmen fertig ist. Die Zeichnung fixiert in grosser Abstraktion ein momentan gefundenes, provisorisches Gleichgewicht. Sie entstand ein paar Jahre nach dem weltberühmten Gemälde «Schwarzes Quadrat». Dieses schwarze Quadrat auf weissem Feld ist ein Versuch, «die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien», wie Malewitsch schrieb. Das Quadrat steht für Empfindung, das weisse Feld für das Nichts ausserhalb der Empfindung.

Irritation der Kunst

In einer Poetik-Vorlesung in New York 1981 erzählte Max Frisch dazu: Ein ausländischer Diplomat wünschte Ende der 1970er Jahre in Leningrad Bilder der russischen Avantgarde aus der Zeit der Revolution zu sehen, die in der Eremitage versteckt wurden. Darunter das «Schwarze Quadrat». Als er es gesehen hatte, verstand er nicht, weshalb «dieser Quatsch» dem Volk vorenthalten wurde – das Volk würde das Bild gar nicht ansehen wollen.

Die Funktionärin, die ihn begleitete, erwiderte (so Frisch): «Sie irren sich – das Volk könnte nicht verstehen, wozu dieses schwarze Quadrat, aber es würde sehen, dass es noch etwas anderes gibt als die Gesellschaft und den Staat.» Frisch fährt fort: «DASS ES NOCH ETWAS ANDERES GIBT. Das ist die Irritation. KUNST ALS GEGEN-POSITION ZUR MACHT.» (Grossschreibung von Frisch, cr.)

Revolution – bis heute

Nun also wird 2017 im Zentrum Paul Klee (ZPK) eine kleine Zeichnung von Malewitsch aus der im Kunstmuseum (KMB) domizilierten Sammlung Loeb gezeigt. Die Zeichnung ist das Bindeglied zwischen den beiden Teilen der gemeinsamen Ausstellung «Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!» , die in beiden Häusern stattfindet. Sie ergründet im ZPK den künstlerischen Ausgangspunkt zur Zeit der russischen Revolution 1917 über das Bauhaus bis zu Einflüssen in Lateinamerika (Michael Baumgartner). Und sie folgt im KMB dialektisch den Auswirkungen der sozialen Umwälzung in der propagandistischen und in der kritischen Kunst bis heute (Kathleen Bühler).

Überdachen, zusammenwachsen

Direktorin Nina Zimmer – seit vier Monaten im Amt – betont an der Medienkonferenz das Zeichen, das mit der «Aushäusigkeit» der Zeichnung von Malewitsch gesetzt werde – fast als ob sie nach Sankt Petersburg reisen würde. Der Graben zwischen der Hodlerstrasse und dem Schöngrün muss breit sein, aber – dies ist die gute Botschaft – er wird überbrückt.

Überbrücken, überdachen, zusammenwachsen, kooperieren, so lautet die Managementsprache von Stiftungsratspräsident Jürg Bucher an der Jahresmedienkonferenz. Die Dachstiftung führt die Häuser den gesteckten Zielen näher. Die Geschäftsleitung ist komplett, die Ambitionen sind unvermindert hoch, die Besucherzahlen erfreulich: 120‘000 Personen sahen «Chinese Whispers», viele auch neugierig gemacht durch den im Kino Rex gezeigten Film über den Grosssammler Uli Sigg. Eine rundum positive Zwischenbilanz im Betrieb.

Das weitere Programm 2017

Und auch in der Kunst. Die Stimmung an der Medienkonferenz ist aufgeräumt, aufgekratzt, aber seltsam emotionsarm. Was kommt? Im KMB ist die Sammlung auf drei Etagen neu gehängt, ein Potpourri. Neben der Revolutionsausstellung wird 2017 der Amerikaner Terry Fox zu entdecken sein. Im Sommer zieht die Sammlung Hahnloser aus Winterthur ein (Journal B berichtete). Aus den Beständen von Gegenwartskunst folgt im Herbst eine vierte Folge. Im Winter kommen Werke der Anne-Marie und Victor Loeb-Stiftung zur Geltung, zu der die erwähnte Zeichnung Malewitschs gehört.

Das ZPK bearbeitet in drei Phasen die Rezeption des Dichters und Denkers Paul Klee, dessen Bibliothek zum Blättern und Lesen nachgebaut wird. «Sichtbar machen» ist eine weitere Klee-Ausstellung zum Verfertigen des Bildes im Auge des Betrachters. Anhand von Jackson Pollock oder Mark Tobey wird die Wirkung Klees in den USA der unmittelbaren Nachkriegszeit gezeigt. Und natürlich sucht das ZPK auch in der Musik, der Literatur und «im Fruchtland» – seinem landwirtschaftlichen Umfeld – seinen Weg.

Ein weites Feld: Vermittlung, Teilhabe, Inklusion

Nichts zu hören war von der Kunstvermittlung, vom Zugang zur Kunst, der Teilhabe an ihr, von eigener kultureller Betätigung. Dabei hat sich darin die dem ZPK angegliederte eigenständige Stiftung Creaviva erfolgreich engagiert und ausgezeichnet, gerade auch für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Nach heutigem Verständnis ist ja die gesamte Bevölkerung Trägerin von Kultur. In diesem Feld – einem Schwerpunkt der neuen städtischen Kulturstrategie – liegt grosses Potential für enge und gegenseitig fruchtbringende Zusammenarbeit.

Am Schluss konnte man fragen. Nach knappen Antworten lockte der Apéro. Der Präsident war schon weg. Eine Pflichtübung. Die Verbliebenen redeten bei Häppchen über Kunst.