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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Alle tragen die Kultur

Zwei Büchlein im Schuber, eines mit Geltung bis 2018, das andere für die Jahre 2017-2020. Das ist die Kulturstrategie der Stadt Bern. 300 Personen wirkten daran mit. Am Freitag hat der Gemeinderat sie vorgestellt.

Auf die Frage: «Warum leben Sie in Biel und nicht in Bern, Ihrer Geburtsstadt?», antwortete am Samstag der 77-jährige Komponist und Pianist Urs Peter Schneider im «Bund»-Gespräch: «Für mich ist Biel die Alternative zum viel langweiligeren und von allen guten Geistern verlassenen Stadtbern geworden. Ich kenne viele bekannte Künstlerinnen und Künstler, die aus Bern geflohen sind, weil sie von der Stadt verscheucht und verunglimpft oder in ihrer Kompetenz nicht wahrgenommen wurden. Ich fühle mich in Biel wohler und bin in Bern nur noch tätig, wenn man mich respektvoll willkommen heisst.»

Willkommen in Bern

Am Abend zuvor hatten drei von fünf Mitgliedern des Berner Gemeinderats die städtische Kulturstrategie 2017-2028 vorgestellt. Diese sei «nicht zuletzt eine Einladung an alle konstruktiven Kräfte, im Dienste der Kultur gemeinsam und mit Zuversicht die Zukunft zu entwerfen». Also: Willkommen in Bern, Urs Peter Schneider!

Präsentiert wurden zwei Büchlein. Das eine, die Kulturstrategie, wirft einen Blick auf das Jahr 2028. Es ist eine Vision – ja, der Gemeinderat wagt das Wort – der Stadt in zwölf Jahren. Das andere ist der Ziel- und Massnahmenplan, der sinnigerweise gelocht ist, denn seine Verfallszeit beträgt vier Jahre. Er beinhaltet die ersten Schritte für die kommende Legislaturperiode, eine Fülle konkreter Massnahmen und genaue Anweisungen, wer was tun soll. Nach vier Jahren wird er durch einen zweiten Plan für 2021-2024, anschliessend durch einen dritten für die Periode 2025-2028 ersetzt. Die Vision soll also in drei Schritten Wirklichkeit werden.

Die Strategie ist das Werk des Gemeinderats. Der Stadtrat nimmt davon Kenntnis; seine vorberatende Kommission behandelt demnächst das Papier. Beschlüsse fasst der Stadtrat später von Fall zu Fall bei finanzrelevanten Anträgen.

Viele Kräfte für eine Strategie

Für den Gemeinderat gelingt Kulturpolitik, wenn sie weitsichtig ist, breit abgestützt, dynamisch, dialogisch und keine Einbahnstrasse. Die Strategie kam entsprechend im Zusammenspiel von Kulturschaffenden und –nutzenden (gegen 300 Personen waren einbezogen), «der Politik» und der Verwaltung zustande. Die Leitung des Gesamtwerks lag bei Franziska Burkhardt, der Leiterin des PROGR. Sie führte den Prozess umsichtig und wirkungsvoll zum vorliegenden Ergebnis.

Zugrunde lag dem Prozess die Motion von Stadträtin Christine Michel (GB) von 2008 «Die Erarbeitung einer Kulturstrategie gilt es jetzt anzupacken!». Der Stadtrat überwies den Vorstoss 2012 und erteilte damit der Stadtregierung den Auftrag.

Die Abteilung Kulturelles (heute KulturStadtBern) unter Leitung von Veronica Schaller traf die richtige Entscheidung und lagerte den Erarbeitungsprozess aus. Richtig, weil die Abteilung nicht genug Ressourcen gehabt hätte. Richtig auch, weil der Abteilung vermutlich das Flair zu partizipativem Vorgehen und der Draht zur Basis gefehlt hätte. Der Draht zu den Vielen, die im Vernehmlassungsverfahren zur finanziellen Kulturplanung 2016-2019 eine umfassende Strategie gefordert hatten, an deren Ausarbeitung sie mitwirken wollten.

Koordinierte Umsetzung

Die auf 12 Jahre konzipierte Kulturstrategie besteht aus Grundsätzen, Handlungsfeldern, Zielen und konkreten Massnahmen:

- Die vier Grundsätze, die bis 2028 gelten, bestimmen wohin die Entwicklung gehen soll. Im Schnelldurchgang: Bern bekennt sich zur Kultur und zu deren Vielfalt. Die städtische Kulturpolitik geht weit über die Kulturförderung hinaus und wird als Querschnitts- und Führungsaufgabe in allen Politikfeldern verankert. Die Stadt arbeitet eng mit der Regionalkonferenz Bern-Mittelland, dem Kanton und mit der Burgergemeinde Bern zusammen; sie sucht Verbindungen mit dem Bund, anderen Städten und Privaten.

- Festgelegt werden sechs Handlungsfelder: Kulturproduktion; Zugang zu Kultur; Ausstrahlung; Freiräume; Partizipation und Dialog; Kooperation in der öffentlichen Kulturförderung.

- Jeweils für vier Jahre (2017-2020, 2021-2024, 2025-2028) werden Ziele gesetzt, konkrete Massnahmen genannt und bestimmt, welche Stelle wie zu handeln hat.

Um in den sehr unterschiedlichen Handlungsfeldern voranzukommen, sind alle fünf städtischen Verwaltungsdirektionen gefordert. 15 Amtsstellen wirken mit. Der Gemeinderat beauftragt sie, im Rahmen ihrer Globalbudgets tätig zu werden. Die Verwaltung soll, so sagte es Finanzdirektor Alexandre Schmidt bei der Präsentation, «so geformt werden, dass sie zur Ermöglicherin wird». Braucht es zusätzliche Ressourcen, ist sie ermächtigt, diese in die Finanzplanung aufzunehmen (vorhersehbar ist ab 2018 ein Mehrbedarf von 1 Million Franken). Die Gesamtverantwortung für die Umsetzung liegt bei der Präsidialdirektion. Deren Abteilung KulturStadtBern koordiniert und berichtet dem Gemeinderat.

Prioritäten

Natürlich haben nicht alle sechs Handlungsfelder die gleiche Bedeutung. Sie bilden zusammen ein Puzzle, das eine optimale Förderung kultureller Leistungen und ihrer Zugänglichkeit für die ganze Bevölkerung ermöglicht. Es gibt jedoch einen Dreh- und Angelpunkt: «Der Gemeinderat stellt die Kulturproduktion als Mittelpunkt des städtischen Kulturlebens in einen weiteren politischen und gesellschaftlichen Zusammenhang.» Und gleich einen weiteren: «Nach heutigem Verständnis ist die gesamte Bevölkerung Trägerin von Kultur.»

Das öffnet eine interessante Komplementarität. Kultur produzieren nicht nur Kulturschaffende, Kultur schaffen grundsätzlich alle. Das ist keine Abwertung der professionellen Künste, das ist zusätzlich eine Aufwertung der künstlerischen Tätigkeit von Laien – von allen. Der Kanton Wallis nennt eine Form kultureller Teilhabe «culture en partage» oder «co-création culturelle», also Schaffen in geteilter Verantwortung zwischen Kunstschaffenden und «den Leuten».

Dem Gemeinderat ist es ernst: «Es gilt Mittel und Wege zu finden, um die Generationen, sozialen Schichten, Menschen mit Behinderungen oder die postmigrantische Gesellschaft stärker ins Kulturleben einzubilden. Zahlreiche Statistiken legen nahe, dass die Teilnahme am kulturellen Leben stark auf soziodemografischen Faktoren wie Ausbildungsniveau, Einkommen sowie Alter und Behinderung beruht. Hier stellt sich die Frage der Chancengleichheit. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die öffentliche Förderung auf dem Steuersubstrat aller beruht. (...) Darum will die Stadt Bern hin- und vorausschauen, ihre Strukturen und Infrastrukturen gegenwärtigen und künftigen Entwicklungen öffnen (...) und verlangt von den subventionierten Akteurinnen und Akteuren oder Institutionen entsprechende Selbstkritik». Und: «Je höher subventioniert eine Kulturinstitution ist, desto grösser ist ihre Verpflichtung zu Offenheit und Transparenz, zum Einbezug der gesamten Bevölkerung der Stadt.»

Teilhabe beginnt von jung an

Das alles kommt nicht aus dem Nichts. Denn, so steht es im Strategietext: «Dabei spielt eine breite kulturelle Bildung in der Schule eine Schlüsselrolle. Sie ermöglicht die kulturelle Teilhabe für alle Kinder und Jugendlichen, unabhängig von Herkunft, Bildungsstand oder Geschlecht. Sie fördert Neugierde, Kreativität, Kritikfähigkeit und ermächtigt zur eigenen kulturellen Praxis.»

Überhaupt: Schule und Jugend. Kultur soll, so legte es Gemeinderätin Franziska Teuscher dar, «selbstverständlicher Bestandteil der Bildung sein». Kulturelles Schaffen von Jungen in- und ausserhalb der Schule wird als eigenständige Kulturleistung anerkannt und gefördert. Zu dem Zweck wird eine Kulturpauschale eingerichtet.

Freiheit ermöglichen

Zum Schluss warnt die Strategie sozusagen vor sich selbst: «Die Forderung nach vermehrter Teilhabe und verbessertem Zugang zu Kultur für alle Bevölkerungsgruppen darf nicht zur Instrumentalisierung der Kultur führen. Kultur kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen.»

Wie wahr. Alexandre Schmidt setzte bei der Präsentation noch einen drauf. Unter verhaltenem Gelächter warnte er: «Aufgepasst. Die Kulturbranche wird auf der Hut sein müssen vor staatlicher Bevormundung. Kultur braucht Freiheit.»

Es ist ein grosser Vorzug dieser Kulturstrategie, dass sie zeigt, welche Voraussetzungen es braucht, um sich möglichst frei kulturell betätigen zu können. Die in Aussicht genommenen Leistungen der Stadt schränken die Kunstfreiheit nicht ein – sie ermöglichen diese.

Der Plan 2017-2020

Für die kommenden vier Jahre hat der Gemeinderat drei Ziele gesteckt: Mehr Dialog, Kommunikation und Transparenz; stärkere Förderung der Kinder- und Jugendkultur; Vereinfachung des Bewilligungswesens und erleichterte Nutzung des öffentlichen Raums.

Journal B kommt darauf zurück.

Kommentar: Eine Kulturpolitik betreiben, die Lust hat auf ihren Gegenstand

(Von Christoph Reichenau) 

Es wäre leicht, zu spotten und manche sprachliche Ungeschicklichkeit zu monieren. Es drängte sich geradezu auf, mit Bert Brecht die Planungsgläubigkeit zu belächeln. Man könnte die etwas bemühte Lockerheit der Buchgestaltung mit einem satten Akzent auf der Farbe gelb ironisieren Das könnte man – und natürlich wird es auch getan. Aber es wäre ein Fehler. Denn unter und hinter der Strategie und ihrer papierenen Darstellung stehen ein grosser Ernst und eine tiefe Überzeugung. Das zweite «Grundprinzip» (sic) von vieren in der Strategie lautet: «Die Stadt Bern bekennt sich zur kulturellen Vielfalt. Sie attestiert der Kultur ein gesamtgesellschaftliches, zukunftsweisendes Potenzial und vertraut auf ihre identitätsstiftende, integrative und dynamische Kraft. Sie versteht die gesamte Bevölkerung als Trägerin von Kultur.»

Da sind sie, das Bekenntnis, der Glaube. Und die Bereitschaft zur gemeinsamen Tat. Ja, gemeinsam. Alle fünf Direktionen werden eingebunden und sollen ihren Beitrag leisten. Wer hätte diese unité de doctrine dem Gemeinderat gerade jetzt zugetraut, da vier seiner Mitglieder in umtriebigem Wahlkampf gegeneinander dem zurücktretenden fünften im Stadtpräsidium nachfolgen wollen? Und dies nicht für ein untergeordnetes Traktandum. Nein, der Gemeinderat hat «die Kulturpolitik ganz oben auf die Traktandenliste gesetzt» (so Alex Tschäppät bei der Präsentation). Wer hätte gedacht, dass der nicht gerade für Strategien brennende Stapi diese weite Vision auch so benennt und sie in einen offenen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang stellt?

Diese Vision hat Inhalt. Sie sagt: Kultur ist Sache aller. Kultur machen alle. Es geht nicht nur um «Hier Künstlerinnen – da Publikum», es geht um Teilhabe der ganzen Bevölkerung. Die aber besteht heute nicht. Chancengleichheit ist herzustellen, alle – auch die Flüchtlinge und die Angehörigen seit langem zugewanderter Kulturgemeinschaften – sollen Zugang haben. Dies gilt auch in dem Sinn, dass die bei uns gelebten, aber den meisten nicht bekannten Kulturen anerkannt und gefördert werden. Auch Menschen mit Behinderungen, auch Menschen mit wenig Geld sollen selbstverständlich Kultur geniessen und selber machen können. Die subventionierten Institutionen haben ihren Teil zu leisten (heisst: heute leisten sie ihn nicht), sonst ist irgendwann ihre Subvention – die wir ja alle mitfinanzieren – bedroht. Und nachdem der Gemeinderat in gewisser Weise Selbstkritik geübt hat, verlangt er dies auch von den subventionierten Akteurinnen und Akteuren oder Institutionen. Der Satz «Je höher subventioniert eine Kulturinstitution ist, desto grösser ist ihre Verpflichtung zu Offenheit und Transparenz, zum Einbezug der gesamten Bevölkerung der Stadt» ist ein Paukenschlag.

Mir gefallen vor allem zwei Stossrichtungen: Die Stärkung der Teilhabe aller an der Kultur, die mit der Kultur in der Schule und in der Freizeit von Kindern und Jugendlichen beginnt. Und die Verpflichtung der Stadtverwaltung, kulturelle Initiativen nicht nur nicht zu behindern, sondern zu ermöglichen. Primum nil nocere lautet die erste Regel des Arztes Hippokrates. Das tönt nach wenig, aber es ist ein grosser Schritt.

Es ist nicht der erste. Der Arbeitsprozess an der Strategie war so organisiert, dass viele aus der Kulturszene jeglichen Bereichs und aus der Verwaltung mitmachten, sich trafen, kennen und verstehen lernten. Geplant oder ungewollt trug so die Vorarbeit dazu bei, die Verständigung innerhalb der Kulturszene und zwischen dieser und der Stadtverwaltung zu stärken. Das ist ein enorm wichtiges Element für alles Weitere. Die Strategie beginnt deshalb gerade mit dem Element der Ermöglichung nicht bei Null, sondern hat bereits einiges bewirkt. Dazu gehört die Aussage eines Teilnehmers, es sei wichtig «eine Kulturpolitik (zu) betreiben, die Lust hat auf ihren Gegenstand».

Es wird gesagt, diese Strategie sei in Bern die erste umfassende und direktionsübergreifende. Das stimmt nicht ganz. Bereits 1996 hat der damalige Kultursekretär Peter J. Betts unter der Schirmherrschaft des verstorbenen Stadtpräsidenten Klaus Baumgartner und der gemeinderätlichen Kulturdelegation «Die Kulturpolitik der Stadt Bern für die Jahre 1996-2008» erarbeitet. Sie ist eigentlich die Vorläuferin der jetzt vorgestellten.