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Ein Coup auf Zeit

Das Kunstmuseum Bern erhält als Leihgabe rund hundert Werke der Winterthurer Hahnloser/Jaeggli Stiftung und richtet für sie einen Raum ein. Der Leihvertrag sieht eine Partnerschaft von 15 Jahre vor. Sie ist wegen der nötigen Versicherung für das Kunstmuseum nicht ohne Kosten.

Zwölf Jahre nachdem die Sammlung der Stiftung Im Obersteg schliesslich dem Kunstmuseum Basel und nicht dem Kunstmuseum Bern (KMB) zugefallen ist, verbindet sich eine andere schöne Familiensammlung mit dem KMB. Für fünfzehn Jahre stellt die Hahnloser/Jaeggli-Stiftung aus Winterthur rund hundert Werke als Leihgaben zur Verfügung. Der Vertrag kann verlängert werden. Die Werke können allerdings auch vorzeitig zurückgezogen werden, wenn die Villa Flora, in der das Sammlerehepaar gewohnt hat, wie von 1995 bis 2014 wiederum als Museum betrieben wird. Innert Jahresfrist fallen dann die Werke – der Künstlergruppen Nabis, der Fauves, von Cézanne, van Gogh, Hodler, Maillol, Vallotton, Giovanni Giacometti, Pierre Bonnard und anderen – an die Stiftung zurück.

Nach Europatournee an die Aare

Die Villa Flora ist seit zwei Jahren geschlossen und wartet auf ihre Wiedererweckung als kleines, aber feines Museum. Dazu müsste Winterthur seine Subvention von zuletzt jährlich 300‘000 Franken gut verdoppeln. Dies liegt für die Stadt, die derzeit an allen Ecken und Enden und gerade auch bei der Kultur sparen muss, nicht drin. Sozusagen als Alternative fürs Versenken im Depot schickte die Stiftung eine Auswahl ihrer – und weiterer – Werke deshalb auf Europareise nach Hamburg, Paris, Halle und Stuttgart. Mitte 2017 kehren sie in die Schweiz zurück und finden dann im KMB einen neuen Platz in einem Raum, der hauptsächlich ihnen gewidmet sein wird.  

Warum war denn für die Sammlung, deren Bedeutung nicht unumstritten ist, kein Platz in Winterthur, auch nicht ausserhalb der Villa Flora? Weil dort die 1980 gegründete Stiftung, in welche die zwei Zweige der Hahnloser-Familie die geerbten Werke einbrachten, darauf bestand, dass «die Sammlung als solche erkennbar bleiben» soll. Dazu war und ist bis heute das Kunstmuseum Winterthur unter der Leitung von Dieter Schwarz nicht bereit: Einerseits fehle der Platz; anderseits attestiert Schwarz den Werken im Eigentum der Stiftung weniger Glanz und Bedeutung als jetzt Bern (da wichtige Bilder der ursprünglichen Sammlung Hahnloser-Bühler bereits veräussert worden seien) und erwartet, wenn schon, eine Schenkung oder Dauerleihgabe ohne jede Bedingung. Auch in Bern bekommen die Werke allerdings keinen ganz exklusiven Raum; sie können zusammen mit Bildern anderer Herkunft gezeigt werden.

Kein Danaergeschenk, aber auch keine Gratislösung

Der Zuwachs ist Bern einiges wert. Allein die Jahresprämie für die Versicherung der zur Verfügung gestellten Bilder beläuft sich wohl auf 300‘000 Franken. Die Summe dürfte sich im Rahmen der Gesamtversicherung des KMB zwar reduzieren; sie bleibt aber eine Mehrausgabe. Hinzu kommt die zumindest teilweise Belegung eines Raums auf Dauer. Im Gegenzug darf das KMB die Werke mit Zustimmung der Stiftung ausleihen und von den dadurch möglichen Gegengeschäften profitieren. Eine Begleitung der Leihgabe durch ein Bindeglied zwischen KMB und Stiftung – wie das in der Person von Henriette Mentha, der Kuratorin bei der Sammlung Im Obersteg in Basel, der Fall ist – fehlt in Bern.

Was gewinnt die Stiftung Hahnloser/Jaeggli? Angesichts der Unwägbarkeiten in Winterthur erwirbt sie kostenlos die Sichtbarkeit der Sammlung in Bern; das ist nicht wenig, hiesse die Alternative doch: Keller. In der «NZZ am Sonntag» schreibt Gerhard Mack sogar von einem «gerissenen Schachzug der Stifter»: Sie wollten damit Winterthur zur Wiedereröffnung und aufwendigeren Subventionierung der Villa Flora drängen. Wegen der Rückzugsklausel ist in Macks Sicht der Vertrag mit dem KMB für die Stiftung ein Pfand in der Auseinandersetzung mit Winterthur. Bern wäre damit Steigbügelhalter der Stiftung. Der Winterthurer «Landbote» schreibt von einem «Schock für die Kulturstadt» an der Eulach.

Ein Archiv als ungehobener Schatz

Was stimmt, wird man sehen. Wie lange die «hochkarätige Erweiterung» der Berner Sammlung – so die Medienmitteilung des KMB – anhält, entscheidet sich also dereinst in Winterthur.

Dort verbleibt übrigens ein Schatz: das minutiös geführte Archiv von Hedy Hahnloser-Bühler (1873-1952), der treibenden Kraft beim Aufbau der Sammlung. Es enthält die Angaben zu den Kunstkäufen, die Korrespondenz mit den Künstlern und Weiteres, das die Gedanken und Interessen, die zu dieser – und nicht irgendeiner – Sammlung führten, nachvollziehbar und, nur leicht übertrieben, die Sammlung in der Zeit und in der Kunstgeschichte erst verortbar macht. Es wäre schön, wenn Stiftung und KMB in die Erschliessung dieses Schatzes investieren würden.