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Keine Klischees in Sumiswald

Eine Emmentaler Gemeinde als Modell für die dörfliche Schweiz: Das Kornhausforum Bern zeigt eine in den frühen 1960er-Jahren entstandene Reportage von Fredo Meyer-Henn und Walter Studer über Sumiswald. Das Eröffnungsreferat von Ausstellungsrealisator Bernhard Giger.

  • Fotografie aus der Reportage «Sumiswald 1962/63». (Foto: zvg)
  • Fotografie aus der Reportage «Sumiswald 1962/63». (Foto: zvg)
  • Fotografie aus der Reportage «Sumiswald 1962/63». (Foto: zvg)
  • Fotografie aus der Reportage «Sumiswald 1962/63». (Foto: zvg)

5,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner zählte die Schweiz 1960. Zwei Jahre später wurde im Grauholz das erste Autobahnteilstück des Landes eröffnet. Es war zwar bloss 7,5 Kilometer lang, markierte aber den Beginn einer neuen gesellschaftlichen Mobilität. Die Volkszählung von 1960 ergab für die so genannten Agglomerationskerne – ein damals neuer Begriff – eine Zunahme um 15,6 Prozent in zehn Jahren, die Bevölkerung der eigentlichen städtischen Vororte war sogar um 50 Prozent gestiegen. Die SVP hiess noch Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, und das war sie auch, eine streng werterhaltende, aber doch ausdrücklich staatstragende Volkspartei und nicht wie heute Sprachrohr der Wutbürger. Im Emmental war die BGB Mehrheitspartei, in gewissen Gemeinden Einheitspartei: an der Parteiversammlung konnten dann auch gleich die Gemeindegeschäfte erledigt werden.

Das Dorf im Kopf

Die Schweiz war im Umbruch. Um 64'000 ging zwischen 1950 und 1960 die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten zurück. Um mehr als 230'000 erhöhte sie sich im Sektor Industrie, Handwerk und Baugewerbe, um über 70'000 in Handel, Bank und Versicherungen. Dennoch war die Schweiz, zumindest in den Köpfen, noch dörflich geprägt. Heimat, das hat man sich als Dorf in intakter Landschaft vorgestellt, als einen übersichtlichen Raum, wo alle sich kennen und auf der Strasse grüssen, wo jeder und jede auf den ersten Blick weiss, wenn jemand nicht dazugehört. Franz Schnyders Filmbilder des Emmentals waren für viele Schweizerinnen und Schweizer Jahrzehnte lang der Inbegriff von Heimat, das Emmental, nicht die Innerschweiz, wurde zur eigentlichen Urschweiz.

In dieser von Klischees überstellten Region haben Fredo Meyer-Henn (1922-1999) und Walter Studer (1918-1986), die beiden Fotografen aus der Stadt, eine Gemeinde gefunden, auf die kein Emmental-Klischee wirklich passen wollte: Sumiswald, flächenmässig eine der grössten Berner Gemeinden, mit damals über 5500 Einwohnerinnen und Einwohnern, ein paar Hundert mehr als heute. Sumiswald hatte nicht nur einen starken, tief mit seinem Grund – einem über weite Strecken unwegsamen, steilen Gelände – verwurzelten Bauernstand, es gab dort auch Gewerbe und Industrie mit nicht weniger Tradition.

Auch ein Ort der Klassengegensätze

Sumiswald war einst, im 18. und 19. Jahrhundert, führender Handels- und Produktionsort des Emmentals gewesen, noch vor Langnau und Huttwil. Garn- und Tuchhandel, Pferdezucht, Käseexport, Pendulen und überhaupt Uhrmacherei, Instrumentenbau, Tabakfabrikation, Metallwaren, Kosmetika – die Palette der in Sumiswald hergestellten und umgesetzten Produkte ist breit. Und dann war da auch noch die Armee, diese ständige Präsenz von Soldaten und Offizieren, von Männern in Uniform im Dorfbild. Seit dem Ersten Weltkrieg ist Sumiswald Standort der Armee, als Truppenunterkunft, später durch einen Schiessplatz, seit bald 15 Jahren als Rekrutierungszentrum.

Sumiswald – um auf die Klischees zurückzukommen –, die Gemeinde, die sich aus den drei Dörfern Sumiswald, Grünen und Wasen zusammensetzt, ist nicht nur der Ort der berühmten Lüderenchilbi, wo es heute noch zu- und hergeht wie vor über 200 Jahren, man hat in der Gemeinde auch Erfahrung mit Klassengegensätzen: Landwirte gegen Lohnbezüger; die Gewerkschaft für die Arbeiterinnen und Arbeiter, die Käsereigenossenschaften für die reichen Bauern. In Sumiswald war die BGB nie Einheitspartei, im Gemeinderat sass stets auch die SP.

Das Neben- und Miteinander

Sumiswald, das war die Schweiz im Kleinen. Die dörfliche Schweiz. In Sumiswald scheint sie damals, 1962/63, funktioniert zu haben. Dies jedenfalls vermittelt die Reportage von Fredo Meyer-Henn und Walter Studer: ein weitgehend ungestörtes Neben- und Miteinander. Das umfasst einiges: Einen sozialen Frieden, dem man trauen kann, ein gemeinsames Verantwortungsgefühl für die Aufgaben der Gemeinde, und, nicht zuletzt: eine gewachsene und deshalb selbstverständliche Nähe und Vertrautheit zwischen Armee und Bevölkerung. All das findet sich eindrücklich in den Bildern der beiden Fotografen. Und weil sie ausschliesslich im öffentlichen Raum fotografiert haben und an öffentlichen Veranstaltungen – an den Haustüren endet die Reportage, es war noch nicht die Zeit der Homestory –, vermitteln ihre Bilder fast demonstrativ auch diese eine damalige politische Realität: dass die Frauen noch nicht stimmen durften, das kam erst acht Jahre später, dass die Männer an Versammlungen und weitgehend auch im Wirtshaus unter sich waren – ausser den Serviertöchtern, die sie bedienten.

Fredo Meyer-Henn und Walter Studer hatten keinen Auftrag, als sie ins Emmental gefahren sind. Nur die Idee, aus der Dokumentation vielleicht ein Buch zu machen. Ihre Sumiswald-Reportage ist eine freie Arbeit, das heisst, sie sind nicht nur, über einen Zeitraum von zwei Jahren, mehrmals nach Sumiswald gefahren – gut zehn Mal lässt sich aufgrund der Kontaktbögen schätzen –, sie haben auch finanziellen Aufwand betrieben: rund 1000 Negative umfasst die Reportage und mehrere Hundert Abzüge in noch immer hervorragender Qualität. Das ist fotohistorisch bemerkenswert: Mit einem kleinen Fotogeschäft in Bern, wie beide es betrieben haben, wurde man damals nicht reich. Der Entscheid, eine freie Arbeit wie die Sumiswald-Reportage zu machen, musste gut überlegt sein.

Eine gemeinsame Arbeit

Wie genau Meyer-Henn und Studer zusammen gearbeitet haben, wie weit sie sich abgesprochen haben, wie weit sie ihre Besuche geplant oder einfach einmal hingefahren sind – schwer zu sagen. Es gibt Ereignisse, Lüderenchilbi, Weihnachtsmarkt, eine Gant, die sie gezielt besucht haben. An anderen Tagen sind sie einfach quer durch das Dorf gegangen. Am einen oder anderen Ort waren sie zusammen, aber mehrheitlich scheint jeder für sich unterwegs gewesen zu sein.

Die Arbeit blieb, weil sie nicht publiziert wurde, auf eine Art unvollendet und kam über den Nachlass von Fredo Meyer-Henn 1984 ins Staatsarchiv des Kantons Bern. Aber die Reportage ist geblieben, als was sie realisiert wurde: eine gemeinsame Arbeit von zwei Fotografen, die einen zuweilen frappant ähnlichen Blick haben. Deshalb werden in der Ausstellung die Namen der Autoren auch nicht unter die einzelnen Bilder gestellt, obwohl dies mit Hilfe der Negative und Kontaktbögen durchaus möglich wäre. «Sumiswald 1962/63», das ist eine Reportage von Fredo Meyer-Henn und Walter Studer – mehr Differenzierung ist nicht nötig und nicht angebracht.

Der erste und der zweite Blick

Was im Staatsarchiv lagert und bisher erst zweimal, im Jahr 2000 und diesen Frühling zur Eröffnung des neuen Alterszentrums, in Sumiswald gezeigt wurde, ist eine Entdeckung wert: Selten wurde ein Stück Schweiz so umfassend und doch in sich so geschlossen fotografisch dokumentiert. Fredo Meyer-Henn und Walter Studer waren aufmerksame Beobachter, sie nahmen mit viel Sympathie Anteil am Dorfleben, aber sie haben, ganz dem Stil der klassischen Reportagefotografie verpflichtet, die Distanz gewahrt, die den unabhängigen Blick gewährleistet. Ihre schwarzweissen Fotografien aus der Mitte der Schweiz sind sowohl dokumentarisch als auch poetisch, sie erklären und erzählen gleichzeitig.

Eine Gemeinde «zwischen Landwirtschaft und Industrie», so viel wissen wir, wollten die Fotografen darstellen. Die Ausstellung im Kornhausforum, die erste ausserhalb des Entstehungsorts, versucht, die Reportage vor allem vor dem Hintergrund des thematischen Selbstauftrags der beiden Fotografen zu zeigen: den Gegensätzen, die unübersehbar, aber vielleicht nicht so unvereinbar waren, wie man meinen könnte. In der Ausstellung hat es einerseits Originalabzüge der Fotografen. Sie haben fast durchwegs – ganz damalige Fotoschule – mit zum Teil starken Ausschnitten gearbeitet. Andererseits zeigt die Ausstellung neue Abzüge, die sich an das quadratische Negativformat halten. Die neuen Abzüge vermitteln gewissermassen einen späten zweiten Blick auf die Reportage, sie sind Ergänzungen und Vertiefungen des ersten Blicks von damals.

Kornhausforum, Galerie, 2. Obergeschoss. Öffnungszeiten: Di-Fr 10:00-19:00 Uhr; Sa 10:00-17:00 Uhr; So/Mo geschlossen