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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Aller letzten Dinge sind drei

Aus Anlass des Todes von Hans Mühlethaler hat der mit ihm befreundete Schriftsteller Jürgen Theobaldy für Journal B die späten Gedichte wiedergelesen.

Die Gedichte von Hans Mühlethaler lassen sich auf der Linie ansiedeln, die Bertolt Brecht 1940 die «völlig profane» nannte, also die entweihte, weltliche Linie, im Gegensatz zur «völlig pontifikalen», der priesterlichen oder seherischen (für die er Stefan George verantwortlich macht). Kritisches zur Kirche, zur christlichen Religion findet sich denn auch in Hans Mühlethalers Gedichten, weder militant noch plakativ, sondern auf listige, sanft querdenkerische Weise von einem, der sich selber gern als ungläubigen Christen charakterisiert hat:

 

am meer

als ich bei stürmischem wetter
der brandung entlang ging
und eine flutwelle
mich wegspülte
und ich mich im letzten moment
von ihr befreien konnte
stieg ich
aus dankbarkeit
zum heiligtum
der jungfrau maria
auf dem felsen
und betete zum gott
poseidon

 

Ziemlich listig ist auch die Art, wie sich Hans Mühlethaler im Gedicht mit einem seiner Lebensthemen, dem Scheitern, auseinandersetzt. Dieses Scheitern ist ihm dort mehr als eine Sackgasse, es ist ihm so etwas wie eine Endlosschleife, die er in seinem Gedicht buchstäblich als Grabspruch fasst, jedoch als einen gekonnt widersinnigen:

 

père lachaise

heute ging ich
auf den père lachaise
um mir ein hübsches
grabhäuschen
zu kaufen

aber der verwalter
zeigte mir
die lange warteliste
und sagte mir
im moment
sei alles besetzt
ich solle mich
wieder melden
wenn ich
gestorben sei

 

Allerdings ist das Scheitern nicht nur ein persönliches Problem, nicht nur das Thema schlechthin der literarischen Moderne als Dauerkrise; es dringt auch in politische Befunde ein, wie sie die Politiker am liebsten unausgesprochen lassen, nicht so der Dichter:

 

jahresende

obschon die
katastrophenapostel
unentwegt
den weltuntergang
verkündet hatten
sind wir noch einmal
davongekommen
lecken emsig
unsere wunden
und bergen die leichen
aus den trümmern
unserer luftschlösser

 

Alle drei Gedichte finden sich im letzten Gedichtband von Hans Mühlethaler: «Pariser Innenhof. Späte Gedichte II», erschienen 2011 bei Books on Demand GmbH, Norderstedt.

 

Eine Zugabe noch? Dann dieses Gedicht gegen die Zumutungen des postmodernen Daseins, der rundum sexualisierten Gegenwart, hier mit bernischer Zurückhaltung als kleines Sinnbild gezeichnet:

 

unerwünschte begegnung

als ich letzthin
mit der metro fuhr
kam eine nackte
frau herein

sie setzte sich
mir gegenüber

ich fühlte mich
geniert
sah ihre
prallen brüste
die vollen schenkel
die schimmernde haut
und dachte

wäre ich doch
zu hause geblieben