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Das Eigene, das andere, das Fremde

Am Freitag startet das Schlachthaus Theater in die neue Saison. Sie bringt für Erwachsene und Kinder die Magie, den Zauber und die Realität der Bühne. Und Möglichkeiten, mitzumachen.

  • Das Helmi aus Berlin erkundet die Schweiz. (Foto: zvg)
  • Impressionen aus dem Stück „Emma und der Mondmann

Der Start in die Saison 2016/2017 am Freitag ist fulminant. Das Helmi, Schaumstoff-Puppen-Truppe aus Berlin, zeigt im Stück „La Montagna Magica" Klara, die in der Schweiz gesund werden will. Da klingt „Heidi" an, aber auch „Der Zauberberg" oder „Die künstliche Mutter" oder Bircher-Benner. Ein kritischer Blick auf die Schweiz, genährt auch aus der Erfahrung von Jahren der Theaterarbeit in unserem Land. Es geht, trashig und doch ernsthaft, um das Elixier des wahren Lebens.

Zu Gast in der Dampfzentrale

Es folgt – das Schlachthaus Theater zu Gast in der Dampfzentrale – „While I Was Waiting". Der Syrer Omar Abusaada und der Ägypter Mohammad Al Attar lassen die Mutter, die Freundin und weitere Bezugspersonen am Bett der im Koma liegenden Hauptfigur mehrstimmig berichten, hoffen, wünschen: Wie leben wir weiter? Fliehen oder Bleiben? Wofür bleiben? Wie leben? Das Ensemble aus zumeist Exil-Syrer/innen ist derzeit in Europa unterwegs und tritt auch in Genf und Zürich auf.

Auf andere Art fulminant wirken dürfte zum Saisonschluss das von Matto Kämpf und Raphael Urweider konzipierte Musical „Sit so guet! – s.v.p." mit Riesenbesetzung. Es wird in der Dampfzentrale zu sehen sein im Rahmen der Kooperationsreihe „Raumtausch". Der Plot – die von Ausländern durchsetzte SVP erringt bei den Wahlen 2023 ein stalinistisches Ergebnis – erinnert an Michel Houellebecqs Roman „Die Unterwerfung".

Mitmachen ist möglich

Die ganze Saison dauert „Time For Change": Eine Serie von drei Workshops, die im GenerationenHaus am Bahnhofplatz stattfinden, führt zu uns geflohene Menschen mit Leuten zusammen, die schon hier sind. Die globale Ungleichheit soll erfahrbar und veränderbar gemacht werden anhand der persönlichen Erfahrungen der Teilnehmenden. Die Workshops zu den Themen „Mächtige Klänge", „Der gerechte Stadtplan" und „Grenzenlos" laufen vom 10. Oktober bis zum 12. Dezember; am 14. Dezember gibt es eine Art Zwischenbilanz. 2017 folgen weitere Workshops. Die Leitung des Vorhabens liegt beim Schauspieler und Regisseur Dennis Schwabenland, der Regisseurin Sibylle Heiniger und dem Philosophen Fabrizio Moser. Interessierte melden sich an über www.time-for-change.ch.

Theater für Junge ist Auftrag und Steckenpferd der Schlachthaus-Leitung. In dieser Saison gibt es nur eine Première: Weltalm Theater (Luciano Andreani, Carol Blanc, Dominique Jann, Doro Müggler, Michael Röhrenbach und Peter Zumstein) bringen „Green Eggs and Ham" (ab 6 Jahren). Dazu kommt eine vielfältige Auswahl internationaler Ensembles, etwa des Think Tank Theatre aus Genf mit „Gulliver", einem Kammerspiel, in dem die ganze Theatertechnik ausgereizt wird für magische Momente.

Vielfalt theatralischer Handschriften

Der Spielplan des Schlachthaus Theaters weist keine einheitliche Handschrift auf. Es verknüpft ganz unterschiedliche Auffassungen von Theater und künstlerische Identitäten zu einem vielfarbigen Muster. Das Muster bildet ab, was die engagierten Leute des freien Theaters beschäftigt.

Das Programm nämlich ergibt sich nicht aus einem von der Leitung vorgegebenen roten Faden. Es kommt, ausgehend von den Theaterschaffenden, auf das Schlachthaus zu. So ist auch der thematische Schwerpunkt der Saison – die Flüchtlinge, die Andern, das Fremde im Spiegel des Eigenen – nicht (am Schreibtisch) geplant, sondern gefunden. Er beschäftigt die Regisseur/innen und die Schauspieler/innen. Und das Schlachthaus mutet ihn uns zu: uns Zuschauer/innen, uns Teilnehmer/innen an Workshops, Bürger/innen mit und ohne politische Rechte.

Ein Letztes: Das Schlachthaus führt bewährte Partnerschaften – etwa mit dem Club 111 – weiter. Es geht neue Partnerschaften ein, so mit der Südafrikanerin Ntando Cele und dem Ägypter Omar Ghayatt. Sie sind hier. Sie brauchen für sich und bieten uns – wie Ernst Bloch im „Prinzip Hoffnung" schrieb – das, was „allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat."

Weitere Informationen: www.schlachthaus.ch.