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Journal B

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Hundert Jahre Unverständnis

Anmerkungen zu einer interessanten Ausstellung in Kiental zur Friedenskonferenz 1916.

Die Bolschewiki machten sonst meist kurzen Prozess. Wer den zaristischen Fürsten gedient hatte, kam weg und wurde enteignet. Anders erging es Wilhelm Lengacher in Smolensk: Die neuen Machthaber setzten den bisherigen Meister-Käser 1917 als Gutsverwalter für den nun volkseigenen Betrieb ein.

Lengacher blieb die Ausnahme. Die anderen Käser aus Reichenbach im Kandertal, die Wittwer, von Känel, Eymann, Mürner und wie sie alle hiessen, eingewandert ins zaristische Russland seit dem frühen 19. Jahrhundert, packten gleichzeitig mit ihren Fürsten die Koffer. Rechneten wie ihre Dienstherren mit einem raschen Abflauen der Aufstände. Verpassten so Gelegenheiten zur einigermassen geordneten Ausreise. Auf Umwegen und meist unter Verlust ihres Vermögens kehrten sie in die Schweiz zurück.

Eindrücklich dokumentiert die Ausstellung im Bären Kiental (siehe Box) den Brain Drain aus der Oberländer Milchwirtschaft in Richtung Osteuropa. Nicht wenige brachen bereits vermögend auf, noch mehr kehrten wohlhabend nach einer oder zwei Generationen zurück. Mitten im SVP-Land sind sie nicht selten, die Grossmütter, denen als Kind das Russische geläufiger war als das Berndeutsche, die Grossväter, die dank dem in der Fremde gewonnenen Käser-Vermögen heimischen Wohlstand begründeten. Sie sind bis heute gut vertreten unter den Reichenbacher Grundbesitzern, die Familien der Russland-Heimkehrer!

Dem Ruf Grimms gefolgt

1916 – Kientaler Friedenskonferenz, Grimm und Lenin lautet der Titel der Ausstellung. Viel Material war bereits für die letztjährige Präsentation im Regionalmuseum Schwarzwasser, Schwarzenburg, zusammengestellt worden. Nun wurde das Bereitgestellte neu eingebettet. Auf Zimmerwald 1915 war sie damals gefolgt, die geheim einberufene zweite Zusammenkunft, mit der sozialistische Kräfte auf ein Ende des Weltkriegs hinwirken wollten. Aus Polen, Italien, England, Frankreich, Russland, Deutschland, Serbien waren sie dem Ruf des umtriebigen Berner Sozialisten Robert Grimm gefolgt. Vom 25. April 1916 an diskutierte man im Bären, dass die Fetzen flogen. Beinahe wäre das radikale Lager um Wladimir Iljitsch Lenin abgereist. Mit einigen Zuspitzungen im Schlussdokument konnte Grimm mit seinen Gesinnungs-Genossinnen und -Genossen den Abbruch der Konferenz verhindern. Gemeinsam erliess man einen eindringlichen Appell an die «Sozialpatrioten», also an die Sozialisten, die quer durch Europa an der Seite ihrer Regierungen für die Fortsetzung des Krieges eintraten. Das Manifest sollte ein Aufruf sein «an die Völker, die man ruiniert und tötet». Im Schlussabschnitt wird das Ziel benannt: «Kein Opfer zu gross, keine Last zu schwer, um dieses Ziel: den Frieden unter den Völkern zu erreichen.»

Die Kientaler Ausstellung dokumentiert zum Hundert-Jahr-Jubiläum die Konferenz von 1916 hervorragend und in ihren verschiedenen Aspekten. Wie bedeutsam der Frauen-Anteil an der Konferenz war, wurde dem Berichterstatter erst hier klar. Oder hatte er etwa gewusst, dass der aus dem zürcherischen Wald gebürtige Berner Sozialist Grimm sich 1917 einen guten Monat lang in Russland in den Revolutions-Prozess einschaltete, bevor er gegen seinen Willen wieder in die Schweiz zurückzukehren hatte? – Wer die Ausstellung aufsucht, sollte sich eine gute Stunde Zeit reservieren. Und gerade die Exponate im Treppenhaus und im ersten Stockwerk nicht verpassen!

Leer geschluckt

Mehr als hundert Personen besuchten Ende Juni den Vortrag über «Schweizer Auswanderer im Zarenreich». Sie liessen sich von Divisionär a.D. Waldemar Eymann gerne mitnehmen auf die Spuren seiner Familie in Russland, bis sie zurückkehrte ins Diemtigtal und nach Reichenbach. – «Nein, das Misstrauen erstaunt mich nicht, mit dem man im Oberland der Sozialisten-Konferenz begegnet!», meinte ein Besucher in mittlerem Alter. «Man erinnert sich eben noch allzu gut an die Gräuel der Stalinzeit!» Der Berichterstatter schluckte leer: also weiterhin die Gleichung Sozialismus = Stalinismus? Dem schönen Rahmenprogramm zum Trotz an Ort und Stelle hundert Jahre nach der Kientaler Friedenskonferenz immer noch das verkrustete, das empörende Unverständnis?

Dem Elan einiger historisch Interessierter und der Aufgeschlossenheit eines Hoteliers ist es zu verdanken, dass die lebendig präsentierte Ausstellung vierzig Autominuten von Bern quasi rund um die Uhr zu sehen ist. Sie bleibt noch bis am 23. Oktober zugänglich.

Ausstellung bis 23. Oktober 2016 in öffentlich zugänglichen Lokalitäten des Hotels Bären, Griesalpstrasse 60, Kiental, www.baerenkiental.ch . – Weitere Veranstaltungen am 30.8. und 21.9., 20 h, und am 23.10. um 14 h im Alpentheater, Kiental, Eintritt je Fr.10.- an der Tageskasse. – Unter den im Bären aufgelegten Schriften u.a. eine Neuausgabe (2014) von Robert Grimm, Zimmerwald und Kiental, 48 S., 1917, und die Publikation von Bernhard Degen und Julia Richers (Hg.), Zimmerwald und Kiental, 279 S., Chronos-Verlag, Zürich, 2015.