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Das Schweigen der Lämmer

Im Interview mit dem «Bund» erklärt Intendant Märki die freigestellte Schauspieldirektorin Stephanie Gräve zur Schuldigen und legt ihr für eine neue Anstellung Steine in den Weg. Er schadet damit den Interessen von Konzert Theater Bern. Und der Stiftungsrat schweigt.

«Es gehört zu Bern, dass es hier viele ehemalige und selbst ernannte Experten und Besserwisser gibt, die denen, die aktuell die Verantwortung tragen, sagen, wie sie es zu machen haben». Dies sagte Stephan Märki, Intendant von Konzert Theater Bern (KTB), im «Bund»-Gespräch vom 21. Mai, in dem die Journalisten auch zur sofortigen Freistellung der Schauspieldirektorin Stephanie Gräve erstaunlich hartnäckig nachfragten. Der Normalverbraucher, der das Interview liest, stellt sich Fragen.

«In Gräve getäuscht»

Märki sagt darin, es habe mit Stephanie Gräve über den Spielplan eine inhaltliche Auseinandersetzung gegeben, «die zur Freistellung geführt hat». Er erklärt unverhüllt, die Auseinandersetzung zwischen ihnen sei nicht konstruktiv gewesen. Er habe sich in Frau Gräve getäuscht. An ihr habe es gelegen, dass man sich nicht zusammengerauft habe, wogegen er «natürlich» dafür gewesen sei. Und:  Die Auseinandersetzung habe nicht erst mit Gräves Amtsantritt in Bern im September 2015 begonnen, sondern schon während der Vorbereitungszeit, als Gräve noch in Basel arbeitete.

Auf Unklarheiten in den Kompetenzen zwischen der Schauspieldirektorin und dem Intendanten angesprochen erklärt Märki, die Kompetenzen seien «ganz klar geregelt». Er könne «letztlich (…) in jede Inszenierung eingreifen», sei damit jedoch sehr zurückhaltend. «Ich mache Angebote, keine Anweisungen. Ich bin von der Teamarbeit überzeugt, das ergibt natürlich Spielräume, und es ist vielleicht für jemanden, der neu die Verantwortung für eine Sparte übernimmt, nicht auf Anhieb klar, wo sie liegen».

Steine in den Weg legen

Man kann die Aussagen drehen und wenden, wie man will, Stephan Märki kritisiert Stephanie Gräves Verhalten in aller Deutlichkeit. Sie sei, puzzelt man zusammen, nicht in der Lage, mit Meinungsdifferenzen umzugehen. Sie habe sich nicht mit ihm zusammenraufen wollen. Sie habe als Neuling die Spielräume im Kompetenzengefüge (und, muss man kombinieren, die Grenzen der Spielräume) vielleicht nicht gleich erkannt. Sie sei keine Teamplayerin. So zieht der Intendant über die Spartenleiterin her, für die das Theater nun eine faire Lösung suchen und der man «keine Steine in den Weg legen» will.

Der Normalverbraucher erinnert sich daran, dass es im Februar hiess, KTB äussere sich nicht zu den Gründen der Freistellung. Dann folgten nacheinander doch Aussagen, eine peinlicher als die andere. Und es wurde klar: Was zur sofortigen Freistellung führte, ist kein Kündigungsgrund. Der Arbeitsvertrag zwischen dem Stiftungsrat von KTB und Frau Gräve läuft bis Ende Juli 2019 und damit auch die Verpflichtung zur Lohnzahlung.

Gegen die Interessen von KTB

Wie Herr Märki im «Bund» Frau Gräves Verhalten schildert, widert mich an. Da missbraucht jemand seine Macht, reden zu können, während Frau Gräve schweigen muss. Zu behaupten, der Freigestellten keine Steine in den Weg legen zu wollen, ist heuchlerisch. Der Intendant verletzt in klarer Weise seine Fürsorgepflicht als Arbeitgeber, und er wahrt keineswegs die Interessen von KTB: Dem Theater muss an einer baldmöglichen neuen Anstellung Stephanie Gräves gelegen sein, rein schon aus finanziellen Gründen. Die Aussagen von Herrn Märki sind gewiss kein Beitrag zu einer «fairen Lösung», denn welcher potentielle Arbeitgeber wird von solchen Aussagen nicht abgeschreckt?

Ohne denen, «die aktuell die Verantwortung tragen», sagen zu wollen, wie sie es zu machen haben, darf sich der Normalverbraucher auch als Steuerzahler wundern, dass zu alldem der Stiftungsrat schweigt, die politische Behörde still bleibt und der «Bund» auf einen Kommentar verzichtet.