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Hintergründe zur Freistellung am KTB

Im Januar wurde die Schauspieldirektorin Stephanie Gräve am Stadttheater fristlos freigestellt. Warum, ist ungeklärt: Stiftungsrat und Intendant haben nur das Nötigste gesagt und wirr begründet. Gräve muss schweigen. Worum geht's?

Am 21. Januar 2016 enthebt der Stiftungsrat von KonzertTheaterBern (KTB) Stephanie Gräve in einer Unterredung von wenigen Minuten mit sofortiger Wirkung ihrer Funktion als Schauspieldirektorin. Sie muss unverzüglich das Büro räumen, verliert ihre Aufgaben und muss über das Vorgefallene schweigen.

Dafür reden unkoordiniert und in widersprüchlichen Fetzen der Präsident und der Vizepräsident des Stiftungsrats, Benedikt Weibel und Marcel Brülhart, sowie Stephan Märki, der Intendant. Klar wird dabei einzig: Intendant und Schauspieldirektorin «konnten nicht mehr miteinander», «das Verhältnis war zerrüttet». Und da der Intendant die ihm vom Stiftungsrat gesetzten Ziele – schwarze Zahlen, mehr Publikum, funktionierender Gesamtbetrieb – nach dessen Einschätzung erreicht hatte, gab es anscheinend keine Alternative zur fristlosen Freistellung der Untergebenen.

41 Monatslöhne statt reden miteinander

Fristlose Freistellung bedeutet allerdings nicht fristlose Kündigung. Für eine solche gibt es offensichtlich keinen Anlass. Der Stiftungsrat beschied Gräve ein paar Wochen später denn auch lediglich, er werde den geltenden Arbeitsvertrag mit ihr bei Auslaufen nicht verlängern. Bei Auslaufen heisst: Ende Juli 2019. Bis dann ist der Lohn geschuldet, 41 Monate lang, aber die KTB verbittet sich jegliche Arbeitsleistung. Die Arbeit Gräves übernehmen der Intendant und die Leiterin der Abteilung Kooperationen. Ob kostenlos oder gegen Entschädigung, ist nicht bekannt. Gräves Stelle wird irgendwann neu besetzt werden. Ab dann laufen zwei Löhne.

Dass zwei sich nicht mehr mögen, nicht miteinander können, ist nicht aussergewöhnlich. Dass in einem Kulturbetrieb Vorgesetzte und Untergebene möglicherweise etwas härter fighten als in einer Versicherungsgesellschaft, und dass in einem Theater vielleicht zusätzliche Emotionen frei werden, wundert nicht. Hierarchie bedeutet einerseits entscheiden, andererseits sich unterordnen. Das kann schwer sein für selbstbewusste Untergebene und nicht ganz so selbstsichere Vorgesetzte. Dies erst recht, wenn Verträge und eine Geschäftsordnung gelten, die im springenden Punkt – an der Schnittstelle der Befugnisse beider – ziemlich auslegungsbedürftig sind.

Gräves Freistellung ist im Stadttheater nicht die erste

Soviel kann man in dieser Angelegenheit wissen. Und auch dies: Stephanie Gräve ist nicht der erste Fall, in welchem KTB qualifizierte Personen am Arbeiten hindert und ihnen gleichzeitig Lohn bezahlt. So stellte der Intendant, damals noch Direktor von KTB, kurz nach seinem Amtsantritt grundlos die von seinem Vorgänger nach Bern geholte Musikdramaturgin frei und musste sich danach für teures Geld der Trägerschaft aus dem Vertrag freikaufen.

Der vom Intendanten nach Bern geholten neuen Ballettchefin passte eine seit vielen Jahren hier arbeitende Korrepetitorin nicht, worauf sie diese nur noch mit administrativen Aufgaben beschäftigen wollte. Das Ergebnis: Die in jeder Hinsicht bestqualifizierte Korrepetitorin arbeitete praktisch nicht mehr, erhielt aber noch während eineinhalb Jahren ihren Lohn. Und der Stiftungsrat akzeptierte die kostspieligen Launen der Chefetage.

Fünf Versuche, das jetzt Geschehene zu verstehen.

1. Gräves Freistellung ist nicht normal – im Gegenteil

Wir sollen erstens nicht – wie der Stiftungsrat und die öffentlich schweigenden Subventionsgeber – so tun, als sei die sofortige Freistellung normal. Sie ist ausgesprochen ungewöhnlich: sowohl was die Brutalität des Handelns, die rufschädigende Wirkung für Stephanie Gräve und die finanziellen Konsequenzen für KTB betrifft.

Rufschädigend ist das Vorgefallene für Gräve nicht nur für den Moment, sondern auf Dauer: Denn wer vier Jahre lang an einem Theater angestellt war, aber keine Leistungen vorweisen kann, der hat auch bei jeder weiteren Bewerbung sehr schlechte Karten.

Weshalb hat niemand eine Mediation versucht? Wie konnte es so weit kommen, dass nach lediglich sechs Monaten praktischer Zusammenarbeit aus der hochgelobten Wunschkandidatin die Mitarbeiterin wurde, mit der es angeblich nicht mehr ging? Und warum setzte sich der durch, der nur die Trennung sah, und nicht die, die es weiterhin versuchen wollte? Wer davon ausgeht, dass vor der Freistellung alles Nötige und Mögliche unternommen worden sei, um sie zu verhindern, liegt wohl falsch.

2. Schuldlos abgesägt – worum ging es wirklich?

Wir sollen uns zweitens in Stephanie Gräves Lage versetzen. Da hat jemand mit dem Chef Mühe und der Chef Mühe mit ihr. Darüber wird gestritten. Der Stiftungsrat, Vertragspartner beider, unternimmt wenig zur Deeskalierung. Die Schauspieldirektorin erklärt sich bereit, sich den Forderungen des Intendanten unterzuordnen. Trotzdem greift der Stiftungsrat unerwartet zum Mittel der fristlosen Freisetzung und zieht einer Frau, die im und durch das Theater lebt, den Boden unter den Füssen weg.

Wie verletzend muss das sein, wenn man sich keiner Schuld bewusst ist, wenigstens nicht der alleinigen Schuld? Dass das Problem nicht in einer Schuld Gräve bestand, dafür bietet der Tatsache, dass der Stiftungsrat den Arbeitsvertrag nicht vorzeitig kündigte, zumindest einen Anhaltspunkt.

3. Der Chef und die Untergebene

Wir sollen drittens zur Kenntnis nehmen, dass es in unserem Fall um eine Frau und einen Mann geht, um die Untergebene und ihren Chef. Geschützt wird der vorgesetzte Mann, geschasst die untergebene Frau. Das ist ein Klischee, ich weiss. Doch das angebliche Klischee bewahrheitet sich leider einmal mehr als reales Machtverhältnis.

4. Ein hilfloser Stiftungsrat

Wir sollen viertens bedenken, dass diese Freistellung in einem Betrieb vorgenommen wurde, der «Governance» hoch hält. Governance, der Begriff ist unscharf, bedeutet die gute Regelung und Steuerung einer Organisation, das Einhalten des Rechts, der eigenen Bestimmungen, eine ethische Haltung.

Ein Mitglied des Stiftungsrats doziert zu Governance, ein anderes führt den Begriff im Firmennamen, mindestens drei weitere Stiftungsräte beziehen sich als Firmenchefs auf das Zauberwort. Trotzdem hat sich der Stiftungsrat zuerst überhaupt geweigert, seinen Entscheid öffentlich zu erklären, später gab er unzusammenhängende und sich widersprechende Begründungen ab. Alles im Wissen, dass Gräve aus arbeitsrechtlichen Gründen schweigen muss.

5. Kultur gegen die Missachtung der Leistung anderer

Schliesslich sollten wir uns klar machen, dass diese Geschichte in einem Kultur-Betrieb geschah. Der frühere Basler Theatermacher und Theaterkritiker Reinhardt Stumm hat 1999 geschrieben: «Kultur bietet das einzige wirksame Training gegen Neid, Habgier, Eifersucht, Brutalität, Selbstsucht und Mordlust. Aber nicht einmal dessen kann man sicher sein. Nur die Verfeinerung des Empfindens kann die bis an die Ekelgrenze gesteigerte Abneigung gegen Rohheit und Rücksichtslosigkeit bewirken. Eliten sind aber nicht zwangsläufig kultiviert, im Gegenteil! Ihr Härtetraining ist gerade darauf aus, Zartheit, Nachdenklichkeit, Empfindlichkeit, Freundlichkeit gegen die Eigenschaften zu tauschen, die der reinen Nützlichkeit dienen. Dagegen müssen wir uns wehren. Gegen diese Beschleunigung des Zerfalls, gegen die Missachtung des Lebens (anderer), der Leistung (anderer), der Ausbeutung von Schwäche und Langsamkeit. Im Theater wird das Verachtete legitimiert, wird das Recht behauptet, anders sein zu dürfen. Theater – und das Sprechtheater zumal – gilt als der Ort, wo diese Themen verhandelt werden, wo der Respekt vor Menschenrechten in der Mitte steht. Nur hier lässt sich noch öffentlich so etwas wie ein kritisches Bewusstsein entwickeln, das Recht und Unrecht, Gut und Böse jenseits von nützlich oder profitabel zu unterscheiden vermag, wo man lernen kann, dass verantwortlich ist, wer handelt, aber auch, wer nicht handelt.»

Was dürfen wir hoffen?

Wäre ich Pessimist, müsste ich antworten: Nichts. Nichts bei diesem Stiftungsrat, wie er jetzt zusammengesetzt ist.

Als Realist halte ich es für denkbar, dass der Stiftungsrat Mann's und Frau's genug ist, zumindest die offensichtlichen Inkongruenzen in den Befugnissen von Intendant und Schauspieldirektorin zu beseitigen und eine klarere Regelung zu erlassen. Eine klarere, da es eine hieb- und stichfeste und für alle Fälle eindeutige Regelung wohl nicht geben kann. Und dass der Stiftungsrat näher hinschaut, wenn der Intendant eine neue Schauspieldirektorin oder einen neuen Schauspieldirektor vorschlägt und sie oder ihn über den grünen Klee lobt.

Als Optimist hoffe ich, dass die Subventionsgeber – also die Verantwortlichen der Stadt Bern, der Regionalkonferenz Bern-Mittelland und des Kantons – aktiv werden (vielleicht sind sie ja bereits aktiv geworden, schweigen aber darüber). Aktiv werden, indem sie nachfragen, wie das Verfahren abgelaufen ist. Indem sie Vorsorge treffen, dass es sich so nicht wiederholt. Und indem sie die Zusammensetzung des Stiftungsrats auf die kommende Erneuerung hin überprüfen. Es fällt auf, dass von sieben Mitgliedern sechs Männer sind. Und dass von den sechs Männern keiner mit Theater näher vertraut ist. Hier besteht Denk- und Handlungsbedarf. Wenn man optimistisch ist, hofft man, dass der Fall Gräve, der ein Fall KTB ist, bei KTB zu Veränderungen führt.

Und eigentlich hoffe ich zudem, dass Stephanie Gräve vom Stiftungsrat kurzfristig und vollumfänglich rehabilitiert wird. Das wäre allein schon aus arbeitsvertraglicher Sicht geboten. Denn mit seinem jetzigen Verhalten verletzt der Stiftungsrat seine arbeitsrechtliche Fürsorgepflicht grob.