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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Wie sich ein Preis vermehrt

Mit der Hälfte des 2013 erhaltenen Kulturpreises der Burgergemeinde Bern fördert das Schlachthaus Theater neue Stücke junger Menschen für Kinder und Jugendliche. Das Ergebnis präsentiert das «kicks!»-Theaterfestival im Februar.

Vier Stücke, vier Uraufführungen, viermal Herzblut, Fantasie, Risiko. Am Theaterfestival für junges Publikum gibt das Schlachthaus vier «kicks!» – Tritte, Stösse, Anstösse – in die Richtung, die für das Haus an der Rathausgasse von Beginn an wichtig war: das Ernstnehmen der «kurzen» Leute, wie Urs Rietmann sie damals nannte. Ernstnehmen derer also, die sind wie alle anderen, nur noch nicht gleich «lang». Viermal in 11 Tagen gibt es Neues zu entdecken, zu erleben, zu erschliessen, für jung und alt, mit der besonderen Zuwendung zu jenen, die selber die Welt erkunden. In Schillers Don Carlos sagt Marquis Posa zum Thronfolger, «dass er für die Träume seiner Jugend soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird, nicht öffnen soll dem tötenden Insekte besserer Vernunft das Herz».

«Achtung für die Träume seiner Jugend» behalten kann nur, wer solche Träume je hatte. Ein Ort, wo Träume geträumt, Wirklichkeiten relativiert, Möglichkeiten erprobt werden können, ist das Theater. Zu selten ist dieses jedoch auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet. Zu selten gibt es Stücke, die für – und noch seltener mit – jungen Menschen produziert werden. Theater für junges Publikum fristet in den Schweizer Schauspielausbildungen ein Randdasein.

Im Schlachthaus war das vom Anfang im Jahr 1998 an anders. Aber auch hier braucht es einen neuen Kick. Dazu setzen Maike Lex, die Leiterin des Schlachthauses, und die aus Zürich beigezogene Barbara Stocker an. Sie suchen eine eigenständige Kinder- und Jugend-Theaterform der freien Szene zwischen opulenteren Möglichkeiten der grossen Bühnen und den Erzähltheater auf dem Land. Wie?

Im Sommer 2015 lancieren sie einen Wettbewerb für innovative Stücke junger Theaterleute für junges Publikum. Elf Dossiers gehen ein, neun aus der deutschen Schweiz, zwei aus der Romandie. Eine internationale Jury einigt sich auf vier Projekte. Die Produktion von jedem wird mit 20'000 Franken gefördert; das Theater stellt die Infrastruktur, die Probebühne, die Technik, das Marketing und Gästezimmer zur Verfügung. Vier erfahrene Theatermacher, darunter Peter Rinderknecht und Doro Müggler, stehen den jungen Teams als Mentorin und Mentor zur Seite. Für die Teams bedeutet dieses ganze Unterstützungspaket, das bis zur Mithilfe bei der Vereinsgründung geht, sehr viel. Das Geld für all dies stammt aus der Hälfte des burgerlichen Kulturpreises und aus Beiträgen der Stiftung Pro Helvetia, des Migros Kulturprozents, der Ernst Göhner-Stiftung, der HKB und zwei Berner Zünften: Mittellöwen und Schuhmachern.

Die ausgewählten Stücke sind:

• «Christbaumchugelechopf» des Kollektivs Pistazienfuchs (ab 8 Jahren): Ein Bub mit einer roten Kugel als Kopf wird deswegen an Weihnachten zur gefragten Attraktion. Dann kommt der Alltag. Was nun?

• «Ritalina» von Perlstein/Orlowska/Kläy (ab 9 Jahren): Ein von Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität (ADHS) geplagter Mann kann sich im Büro nicht konzentrieren und driftet immer wieder in Fantasievorstellungen ab. Hilft ihm eine Pille? Soll sie »helfen»?

• «Vo Aafang a» von auftrag: okapi (ab 6 Jahren): Von den Kurztexten des Kinderbuchs «Aller Anfang» von Franz Hohler und Jürg Schubiger ausgehend, wird versucht herauszufinden, wie alles begonnen hat. Wie ist Nichts? Gibt es Antworten auf unlösbare Fragen?

• «Glaubst Du an Elfen?» von Graf Hartwig zu Frei (ab 6 Jahren): Drei Elfen sind krank, weil Kinder sie vergessen haben. Gesund werden sie, wenn Kinder an sie glauben. Wie gelingt es, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erringen?

Derzeit laufen die Proben. Szenen und Inszenierungsansätze können mit Schulklassen erprobt werden. Am 17. Februar um 17 Uhr startet das Festival mit der Première von «Christbaumchugelechopf». Am Wochenende des 27./28. Februar sind kompakt alle vier Stücke zu sehen.

Ein Nachsatz: Schön, wenn ein Preis solches Engagement nach sich zieht und sich dadurch sozusagen vermehrt.

«Wir haben einfach angefangen»

Peter Rinderknecht erinnert an seine Anfänge in den 1980er Jahren. Mit 25 war er zu alt für die Schauspielakademie, aber noch jung genug für Theaterpädagogik. Mit Beat Fäh startete er als Allround-Man: Texte, Bühnenbild, Requisiten, Werbung – alles selber gemacht oder zusammengeborgt. Auftritte von Singsaal zu Singsaal an den Schulen. Dann bot das Stadttheater Bern 30'000 Franken für ein neues Stück. Es war eine andere Zeit, Kunst für Kinder gab es kaum. «Wir waren noch naiv, ohne déformation professionnelle. Wir haben einfach angefangen, Unterstützungsgesuche stellten wir erst später.» Heute gingen viele Theatermacher für junges Publikum auf Nummer Sicher und orientierten sich an dem, was den Lehrpersonen gefällt. Er plädiert dafür, den eigenen Ansprüchen nachzuleben, sich selbst zu bleiben, primär gutes Theater zu machen und erst dann für junge Menschen. Allerdings: «Wir Theatermacher für Junge wollen dann auch von der Kritik ernst genommen werden.»

Doro Müggler wollte nie in ein Schauspiel-Engagement. Schon immer guckte sie lieber Kinder- als Erwachsenentheater. Vor zehn Jahren begann sie mit Inszenierungen, die sie selber gerne sehen wollte. Als Erstes adaptierte sie «Mary Poppins» für die Bühne, mit einem Drittel des Budgets, das es heute braucht. Für sie ist es bei jedem Stück wichtig, sich zu fragen: Warum tue ich das so oder so. Kinder sind ernsthafte, gnadenlose Zuschauer. Für sie müssen Komposition und Rhythmus stimmen.