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KOLUMNE /

Christian Pauli

29.01.2016 | 20:15

Zehn Monate vor der Wahl der neuen Stadtpräsidentin oder vielleicht doch eines neuen Stadtpräsidenten üben sich die Parteien in Strategiespielen. Unser Autor schaut sich Kandidatinnen und Kandidaten aus kulturpolitischer Sicht an.

Im rot-grünen Lager gibt es gefühlte zehn Parteien. Da kann man leicht den Kopf verlieren. Und wenn dann diese Parteien antreten, eifrig ihre jeweilige Taktik und mögliche Bündnisse zu klären, wirds einem vollends trümmlig. Grosses RGM-Kino. Eine Doppelseite im «Bund» musste ich lesen, um einigermassen zu verstehen, was hier abgeht. Vielleicht wird die Sache etwas einfacher, wenn man die kulturpolitische Brille aufsetzt? Der Versuch soll es wert sein. Immerhin wird der neue Stapi, die neue Stapi die Kulturförderung zu verantworten haben.

Zur Wahl treten also – so sieht es heute aus – an: die Sozialdemokratin Ursula Wyss, die Grüne Franziska Teuscher, der Grünliberale Alec von Graffenried, SVP-Haudegen Erich Hess und vielleicht der freisinnige Eigenbrötler Alexandre Schmidt. Dazu der eine oder andere Hasardeur. Lassen wir die glücklicherweise Chancenlosen weg. Also Wyss, Teuscher, von Graffenried. Was haben die kulturpolitisch zu bieten?

Über Ursula Wyss' Kulturaffinität gibt es keine Angaben. Neulich war sie am städtischen Kulturforum vertreten. Vermutlich das erste Mal, dass ich Ursula Wyss an einem kulturnahen Anlass gesichtet habe. Das mag nichts heissen. Eine quereinsteigende Kulturpolitikerin könnte erfrischend wirken. Störend ist die Partei von Ursula Wyss. Die städtische Kulturförderung war in den letzten Jahren fest in den gütigen Händen der SP. Dass viele Kulturschaffende und -besuchende mit dieser Konstellation nicht mehr allzu viel anfangen können, ist hinlänglich bekannt.

Schlechte Kommunikation, keine Ideen, nur Verwaltung und korrektes Pflichtprogramm – die Kulturförderpolitik der letzten Jahre hat keine Dynamik entfacht und das Potential der Kulturstadt Bern nicht ausgeschöpft. Das kann man der SP nicht vorwerfen. Es ist aber ganz einfach so, dass eingespielte Parteistrukturen Verkrustung auch in der Verwaltung verursachen. Das Kulturdossier in der Präsidialabteilung samt der Abteilung Kulturelles braucht frischen Wind. In diesem Punkt hat die SP-Frau Wyss einen klaren Nachteil.

Über wenig Kulturaffinität verfügt auch Franziska Teuscher. Die Bildungsdirektorin gibt das auch unumwunden zu. Soziale und grüne Dinge sind ihr vermutlich näher als eine blühende und brummende Kulturstadt. Ich mag die authentische Art, wie Franziska Teuscher sich äussert. Sie kann gut zuhören, nimmt Fragen auch entgegen, wenn sie keine Antwort weiss. Ob Franziska Teuscher die Präsidialdirektion kulturpolitisch in Schwung bringen könnte, müsste sich weisen. Ja, warum nicht Kulturpolitik stärker zu sozialen Themen führen und mehr für Kultur in den Schulen tun? Wenn Franziska Teuscher die verklebten Netzwerke neu stricken will, verdient sie eine Chance.

Interessant wird es mit Alec von Graffenried. In der Kulturszene wird seine Kandidatur herbei gewünscht. Ihm traut man Leidenschaft und Kommunikationsfähigkeit zu. Von Graffenried versteht sich als Brückenbauer, etwas, was auch der städtischen Kulturlandschaft gut tun könnte. Sein Interesse an Tanz, Theater und Musik ist stadtbekannt. Vielleicht brennt der Grünliberale nicht gerade für künstlerische Avantgarde und subkulturelle Aufruhr, aber man traut ihm zu, nahe an der Kulturszene zu politisieren.

Die Qual der Wahl ist eine gute Gelegenheit. Heute Empfehlungen abzugeben, ist verfrüht. Zehn Monate haben wir Zeit, uns für einen neuen Kulturminister oder Kulturministerin zu entscheiden. Jetzt liegt der Ball bei den Kulturschaffenden und der Kulturszene samt Institutionen und Verbänden, die drei ernst zu nehmenden Kandidaten kulturpolitisch zu checken. Der Themen, mit der man die Drei konfrontieren kann, sind genug. Am städtischen Kulturforum wurden sie so formuliert:

- mehr Räume für neue Kultur, v.a. im öffentlichen Raum

- einfachere Bewilligungsverfahren für Veranstaltungen

- eine Kultur-affine, Kultur-leidenschaftliche Verwaltung

- eine interdisziplinäre, transparente Besetzung der Förderkommissionen

- mehr Kulturvermittlung in der Schule

- politisch grösser denken: Hauptstadtregion statt Bundesstadt

Ursula Wyss, Franziska Teuscher und Alec von Graffenried sollen sich jetzt zu diesen Themen äussern.