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Autonomer Buchhandel «hat eine Zukunft»

Mit dem Jahreswechsel übergibt Gurli Jensen, die aktuelle Besitzerin der Zytglogge-Buchhandlung, den Laden ihrer Nachfolgerin. Dies ist der Moment für einen Rückblick und eine Bilanz.

Gurli Jensen in ihrer Buchhandlung. (Foto: Naomi Jones)

Frau Jensen, wie fühlte es sich an, Ende Monat Ihre Buchhandlung zu übergeben?

Gurli Jensen:

Ich freue mich. Ich hatte Zeit, in kleinen Schritten Abschied vom Laden zu nehmen. Nun bin ich bereit. Ich hatte nicht geplant, den Laden abzugeben. Die Gelegenheit dazu ergab sich überraschend, als ich Gabriela Bader kennengelernt habe. Wie mir der Laden vor zehn Jahren als Geschenk zugefallen ist, ist uns diese Nachfolgesituation zugefallen; auch Gabriela träumte schon früh von der eigenen Buchhandlung.

Wie sind Sie denn zum Laden gekommen?

In der Weihnachtszeit vor zehn Jahren fragten mich meine Vorgänger, ob ich den Laden übernehmen wolle. Denn als Studentin, war dies mein Traum, und sie wussten davon. Als die Anfrage kam, stand ich aber beruflich an einem ganz anderen Ort und lehnte erst einmal ab. Wie ein wirres Huhn erledigte ich meine Besorgungen in der Stadt, weil mich das Angebot nicht losliess. Also ging ich in die Buchhandlung zurück und bat mir Bedenkzeit aus.

In den letzten zehn Jahren ist der Internethandel stark geworden und E-Bücher sind auf den Markt gekommen. Was bedeutete dies für Ihren Laden?

Jedes Mal herrschte Alarmstimmung. Also musste ich mich mit der Sache auseinander setzen, ohne mich ins Bockshorn jagen zu lassen. Das Lesen als Kulturtechnik stirbt nicht aus. Wir lesen ja dauernd: am Computer, auf dem Smartphone, Werbeplakate und Beschriftungen. Die Frage ist eher, wo finden wir heute noch Zeit, ein Buch zu lesen und wie bringen wir die Menschen dazu, Bücher zu lesen. Als Buchhändlerin kann ich sie beraten und ein Sortiment anbieten, das möglichst viele anspricht. Um gut zu beraten, habe ich das Team so zusammengestellt, dass aus jeder Altersdekade eine Buchhändlerin darin ist.

Auch die Buchpreisbindung ist in Ihrer Zeit als Buchhändlerin aufgehoben worden.

Dies und der schwache Euro waren die grössere Herausforderung als E-Books und Online-Handel. Bücher sind extrem günstig geworden. Einerseits verlangen deutsche Verlage zu wenig für ihre Arbeit. Andererseits wollen die Schweizer Kunden trotz ihren hohen Löhnen von der Währungsdifferenz profitieren. So müssen wir heute im Laden für den gleichen Umsatz viel mehr arbeiten. Den Umsatz brauchen wir aber, damit wir unseren Angestellten auch Schweizer Löhne zahlen können. Eine Schweizer Buchhändlerin verdient etwa zwei Mal so viel wie eine deutsche.

Und wie hat der Laden trotzdem überlebt?

Die liberalisierten Buchpreise haben sich für die unabhängigen Buchhändler letztlich als Chance erwiesen. Wir können die Preise besser nach unserem Aufwand und dem Markt gestalten. Ausserdem verrechnen wir in Absprache mit dem Kunden Dienstleistungen, wie etwa das Beschaffen eines exklusiven Buches. Schliesslich ist die Lage des Ladens ideal. Es ist ein Glück, dass sich der Vermieter zur Buchhandlung bekennt und das Lokal nicht überteuert an einen Schmuckhändler für reiche Einkaufstouristen vermietet.

Profitieren also auch Sie von den Touristen?

Nein. Touristen kaufen nichts. Die Schweiz ist viel zu teuer für sie. Sie kommen zwar in unsern Laden und finden ihn wahnsinnig «cozy». Aber sie kaufen sehr selten etwas. Vor zehn Jahren war das noch anders.

Also bringt eine Tourismuszone in der Altstadt nichts?

Nein, das ist völlig absurd.

Eine Tourismuszone würde aber bedeuten, dass die Läden länger öffnen dürften.

Ich wüsste nicht, wie wir das dazu nötige Personal finanzieren sollten. Längere Ladenöffnungszeiten machen eine Stadt nicht attraktiver. Viel wichtiger sind Bedingungen, die es uns ermöglichen, eine bunte Vielfalt an Geschäften sowie eine Wohnzone für alle Einkommensschichten zu erhalten.

Alle sprechen vom Lädelisterben. Von den kleinen Buchhandlungen musste aber keine schliessen.

Der unabhängige Buchhandel ist stabil. Er hat Zukunft. Man wird damit zwar nicht reich, aber man kann davon leben. Hingegen geht es den grossen Buchhändlern schlecht.

Warum?

Die Grossen haben sich an bester Lage auf riesigen Flächen eingemietet und zahlen dafür sehr hohe Mieten. Sparen können sie nur beim Personal. Aber in einer Buchhandlung wollen viele Kunden Beratung, vielleicht sogar eine Entscheidungshilfe betreffend Inhalt des Buches. Dazu braucht es genügend kompetentes Personal. In den kleinen Buchhandlungen ist dieses vorhanden.

Wo lauern also die Gefahren für die unabhängigen Buchhandlungen?

Eine der grössten Gefahren ist die Gentrifizierung. Wenn die Ladenmiete zu hoch wird, können nur noch internationale Ketten sich einen Laden in der Innenstadt leisten. Dann sehen alle Innenstädte weltweit gleich aus. Bern ist noch nicht so weit. In diesem Jahr sind drei Reiseführer erschienen, die das einmalige Ambiente der Stadt loben. Die Stadtverwaltung sollte diesem Ambiente Sorge tragen und Rahmenbedingungen schaffen, die es auch den Kleinen ermöglichen, einen Laden in der Innenstadt zu betreiben.

Sollten Buchhandlungen also subventioniert werden?

Nein, das möchte ich nicht. Aber es sollte für Buchhandlungen möglich sein, Geld für eine Autorenlesung oder andere Leseförderprojekte zu erhalten. Das ist heute für eine kleine Buchhandlung fast nicht zu stemmen. Buchhandlungen sind Kulturtankstellen. Hier finden Gespräche und Austausch statt. Sie sind eine wichtige Drehscheibe im kulturellen Leben der Stadt, bieten Lesungen an und betreiben zum Teil aktive Leseförderung. Deshalb sollten die Buchhandlungen auch in die städtische Kulturstrategie einbezogen werden.

Bevor Sie die Zytglogge-Buchhandlung übernommen haben, waren Sie leitende Angestellte bei der Nationalen Informationsstelle zum Kulturerbe NIKE. Wie haben Sie Ihre letzten Berufsjahre als Buchhändlerin erlebt?

Es ist ein irrsinnig toller Beruf. Man kann all seine Interessen einbringen, ist mit schönen Dingen umgeben und lernt interessante Menschen kennen.

Dürfen wir zum Schluss wissen, was Sie nun vorhaben?

Ich möchte eine Weile in Kopenhagen leben. Ich habe dort gelebt, bis ich 13 Jahre alt war. Obwohl mein Lebensmittelpunkt heute klar in der Schweiz ist und die deutsche Sprache für mich wichtiger als Dänisch ist, würde ich mir damit einen zweiten Jugendtraum verwirklichen.