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Welche Kultur gehört ins Kulturkonzept?

Nach der 3. Berner Kulturkonferenz: Bernhard Giger und Niklaus Wenger im Gespräch über die «erfolgreich gescheiterte» Veranstaltung und über das in Arbeit befindliche Stadtberner Kulturkonzept.

  • Bernhard Giger: «Meine Befürchtung ist, dass solche zentrale kulturpolitische Fragen untergehen, wenn der Kultur-Begriff zu breit gefasst wird.» (Foto: Fredi Lerch)
  • Niklaus Wenger: «Ich verstehe mich dagegen als einen, der seine Anliegen in den breiten Kultur-Begriff einzubringen versucht.» (Foto: Fredi Lerch)

Die 3. Berner Kulturkonferenz im Progr hat eine scharfe Kurve genommen: Nach Referaten über die Frage der kulturellen Identität folgte ein Podiumsgespräch, in dem vor allem der Sinn eines Kulturkonzepts in Frage gestellt wurde. Ein solches Konzept ist bisher jedoch von der Berner Kulturkonferenz nachdrücklich gefordert worden. Am Schluss der Veranstaltung war ich ziemlich ratlos.

Bernhard Giger:

Aus meiner Sicht ist diese 3. Kulturkonferenz tatsächlich nicht so toll verlaufen. Nachdem wir vor einem Jahr ein Grobkonzept für ein neues Kulturkonzept zur Diskussion gestellt hatten, entschieden Carola Ertle, Lukas Vogelsang und ich, als Fortsetzung der Debatte eine Veranstaltung zu machen zum Begriff der kulturellen Identität, der durchaus etwas mit Kulturstrategien zu tun hat.

Für Referate und Diskussion wurden Pius Knüsel und aus Deutschland der Kulturhistoriker Raimund Stecker und die Reiseschriftstellerin Cornelia Lohs eingeladen.

Bernhard Giger:

Die Referate der drei Eingeladenen habe ich nicht gekannt. Aber es war klar, dass sie sich nicht auf Bern und seine Kulturpolitik beziehen würden, sondern eben auf den zur Diskussion gestellten Begriff kulturelle Identität. Deshalb habe ich eine Einführung vorbereitet, um das Ganze in die aktuelle bernische Diskussion um das Kulturkonzept einzubetten. Logischerweise bin ich dann im abschliessenden Podiumsgespräch auch darauf zu sprechen gekommen.

Sie kannten demnach die Positionen von Knüsel und Stecker nicht, die sich zur Konzeptidee dann geäussert haben – und zwar beide negativ?

Bernhard Giger:

Nein. Insbesondere über die Antwort von Stecker war ich irritiert: kein Konzept, dafür «alles Geld den Künstlern». Das ist mir dann doch zu blauäugig. Zusammenfassend muss ich zugeben: Diese Ausgabe der Kulturkonferenz ist vermutlich erfolgreich gescheitert.

Niklaus Wenger, Sie sassen im Publikum. Wie haben Sie den Nachmittag erlebt?

Niklaus Wenger:

Vorab muss ich sagen, dass ich als visarte-Präsident eine Vorgeschichte mit der Kulturkonferenz habe. Mitglieder von visarte haben sich bei der Erarbeitung des Grobkonzepts der Kulturkonferenz in den Arbeitsgruppen engagiert. Wir haben dann die Erfahrung gemacht, dass wir als Werkzeuge missbraucht worden sind: Unsere Arbeitspapiere wurden ohne Rücksprache mit uns in das Konzept der Kulturkonferenz eingearbeitet.

Bernhard Giger:

Stopp. Es hat tatsächlich Schwierigkeiten gegeben in diesem Prozess. Aber Du musst zugeben, dass am Schluss alle Beteiligten den Konzeptentwurf durchgesehen und für gut befunden haben.

Niklaus Wenger:

Das ist wahr. Aber wie ist es zu diesem Gegenlesen gekommen? Ich musste mich dafür vehement wehren und mir ans Bein pinkeln lassen…

Bernhard Giger:

Ich gebe zu: Es ist nicht gut gelaufen, aber ich habe mich damals bei Dir dafür entschuldigt.

Niklaus Wenger:

Das stimmt, das hast du getan.

Offenbar eine Vorgeschichte, die bei visarte Ärger und Misstrauen zurückgelassen hat.

Niklaus Wenger:

Mir ist folgendes wichtig: Im Kulturleitbild von Basel steht, es gehe darum, Sinn zu stiften, Vertrauen zu bilden und Transparenz zu schaffen. Ich bin überzeugt: Transparenz und Vertrauen zu schaffen muss bereits im Prozess, in dem ein Kulturkonzept entsteht, Ziel sein, sonst kann später auch das Ergebnis nicht vertrauensbildend wirken. Da sehe ich im Moment Mängel bei allen Beteiligten, vorwiegend unter den Kulturschaffenden und gerade bei der Kulturkonferenz, die laut Selbstzuschreibung eine «freie Initiative der Berner Kulturszene» ist. Was heisst das? Wer gehört da warum dazu? Bin ich ihr Teil oder ein Aussenstehender?

Zurück zur Veranstaltung im Progr…

Niklaus Wenger:

…ich habe daran teilgenommen, weil ich mich als Vertreter von Kulturschaffenden darüber informieren will, was läuft. Die Referate haben aber die stadtbernische Diskussion um ein neues Kulturkonzept nicht weiter gebracht. Ich wähnte mich am falschen Ort. Während der Podiumsdiskussion bin ich dann gegangen…

Abgesehen vom konfusen Ergebnis der Konferenz: Wo steht der Prozess um die neue Kulturstrategie? Und wo stehen dabei die Kulturschaffenden?

Bernhard Giger:

Unterdessen arbeitet Franziska Burkhardt an einer städtischen Kulturstrategie. Dazu braucht sie die Unterstützung und Mitarbeit der Kulturszene, und es ist keine Frage, dass diese von der Kulturszene auch zu leisten ist, auch wenn man, wie ich, ein Problem hat mit dem Auftrag der Stadt für diese Kulturstrategie. Ich finde den Auftrag zu breit formuliert. Warum zum Beispiel das Nachtleben erneut Thema sein soll, wo es dazu bereits ein breit erarbeitetes Konzept gibt, verstehe ich nicht.

Niklaus Wenger:

Ich bin dagegen grundsätzlich der Meinung, eine breite Ausrichtung des Kulturbegriffs sei gut. Phänomene wie das Kidswest, die Zwischennutzung in der alten Feuerwehrkaserne oder die Bars in der Lorraine – all das gehört doch dazu!

Bernhard Giger:

Klar gehört das zur städtischen Kultur. Aber wenn die rotgrüne Stadt politisch gewollt hätte, hätte sie zum Beispiel bei den Zwischennutzungen schon vor Jahren eine Lösung finden können. Etwas zugespitzt: Diese Kulturstrategie ist ein Stadtentwicklungskonzept, keine eigentliches Kulturkonzept. Was während gut zwanzig Jahren RGM-Politik zu wenig entschieden angegangen oder auch verschlafen wurde, soll jetzt mit der Kulturstrategie gelöst werden.

Niklaus Wenger:

Sogar wenn es so wäre: Jetzt machen wir diese Arbeit eben. Immerhin gibt es auch noch die Zukunft. Warum soll man kritisieren, dass etwas in der Vergangenheit verpasst worden ist?

Bernhard Giger:

Weil ein Papier, das nachholt, was verpasst worden ist, schnell eines werden kann, das es einfach allen recht machen will. Ein Kulturkonzept müsste vor allem dem eigentlichen, insbesondere auch dem professionellen Kulturschaffen einen Rahmen geben: Welches sind die Schwerpunkte der Berner Kulturpolitik? Sollen die grossen Häuser noch grösser werden, geht es also um «Leuchttürme», oder geht es um die Förderung der Vielfalt von Klein- und Nischenkultur? Wie steht es um die Anliegen der Kulturschaffenden, die von ihrer Arbeit zu leben versuchen? Meine Befürchtung ist, dass solche zentrale kulturpolitische Fragen untergehen, wenn der Kultur-Begriff zu breit gefasst wird.

Niklaus Wenger:

Ich verstehe mich dagegen als einen, der seine Anliegen in den breiten Kultur-Begriff einzubringen versucht. Zum Beispiel im Gespräch mit Franziska Burckhardt, die zur Zeit mit verschiedensten Playern spricht. Oder am 1. Berner Kulturforum der Stadt am 18. Januar 2016. Grundsätzlich plädiere ich dafür, die ganze Breite der Kultur im Auge zu behalten, aber Bereiche exakter herauszuarbeiten, die noch zu bestimmen sind. Hier habe ich Vertrauen in Franziska Burkhardt, dass sie Wege für den Umgang mit Themen an der sozio-kulturellen Schnittstelle finden wird.

Und was würden Sie exakter ausarbeiten?

Niklaus Wenger:

Aus meiner Perspektive schon auch die Interessen der Kulturschaffenden: Was sind zum Beispiel die Honorarverpflichtungen von Institutionen gegenüber Kulturschaffenden?

Bernhard Giger:

Das würde ich jetzt aber nicht in ein Kulturkonzept schreiben. Hier kommt es doch sehr auf die Grösse der Institutionen an. Man kann doch nicht alles über eine Leiste schlagen.

Niklaus Wenger:

Klar müsste es Abstufungen geben. Aber es kann doch nicht sein, dass die Künstler und Künstlerinnen innerhalb der Produktionskette jene sind, die nichts verdienen. Ich finde, ein Kulturkonzept sollte die Frage beantworten: Wie können Künstlerhonorare über die Formulierung von Bedingungen in den Leistungsverträgen der Institutionen abgesichert werden?

Bernhard Giger:

Jetzt reden wir allerdings über einen Aspekt, der selbstverständlich auch Platz hätte in «meinem» Kulturkonzept mit einem engen Kultur-Begriff. Abgesehen davon finde ich solche Bedingungen in Leistungsverträgen gut. Und auch das Controlling dieser Leistungsverträge müsste angesprochen werden.

Niklaus Wenger:

Schon klar, dass das ein sehr spezifisches Problem ist, von denen es viele gibt. Ich sage ja nicht, dass ein Kulturkonzept mit breitem Kultur-Begriff nicht sehr viel zu tun geben wird, wenn es – was ich fordere – in die Breite und in die Tiefe gehen soll.

Schreibt eigentlich Franziska Burkhardt einen zehnseitigen Bericht oder ein hundertseitiges Buch?

Bernhard Giger

(lacht): Dazu müsste man sie selber befragen.