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Journal B

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Falsche Fährte und unnötige Schlaufe

3. Berner Kulturkonferenz: Offener Brief von Niklaus Wenger, dem Präsidenten von visarte.bern, an Bernhard Giger, dem Leiter des Kornhausforums Bern: Was hat kulturelle Identität mit dem geplanten Berner Kulturkonzept zu tun?

Niklaus Wenger ist Künstler, Präsident von visarte.bern und hat an der 3. Berner Kulturkonferenz teilgenommen. Nachfolgend reagiert er mit einem Offenen Brief an den Leiter des Kornhausforums, Bernhard Giger, auf die Journal-B-Berichterstattung «Ballenbern oder Lebensqualität?» Darin war Gigers Eröffnungsstatement zu dieser Konferenz dokumentiert und von der Redaktion in einem kleinen Einleitungstext darauf hingewiesen worden, dass die Veranstaltung inhaltlich «eine scharfe Kurve» genommen habe.

Niklaus Wenger Wenger und Bernhard Giger werden sich in den kommenden Tagen an einen Tisch setzen, um für Journal B die Diskussion weiterzuführen: Was hatte das Thema der 3. Kulturkonferenz, die Frage nach der «kulturellen Identität», mit dem in Arbeit befindlichen Berner Kulturkonzept zu tun – ein Link, den die Konferenz prominent herstellte? Und: Worum geht es der Kulturszene, als deren «freie Initiative» sich die Kulturkonferenz versteht, zur Zeit tatsächlich? (Red./Fredi Lerch)

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[Offener Brief an Bernhard Giger und seine Partner der Kulturkonferenz in Bezug auf den Artikel «Ballenbern oder Lebensqualität» im Journal B am 14.11.2015]

«Lieber Bernhard

Eigentlich war ich gespannt, was ihr zur Kurve, die die 3. Kulturkonferenz genommen hat, zu sagen habt. Doch auf die Ankündigung im einleitenden Text wurde nicht näher eingegangen. Gab es die Kurve in der Veranstaltung überhaupt? Ist es nicht eher so, dass die Veranstaltung, durch das Zusammenbringen von zwei nur bedingt zusammengehörenden Dingen, der Kulturstrategie und der kulturellen Identität, von Beginn weg die falsche Fährte aufgenommen hat?

Eine Kulturstrategie hat nicht vorrangig identitätsstiftend zu sein. Das Kulturleitbild Basels bringt die Zielsetzungen eines solchen Papiers klar auf den Punkt: Sinn stiften, Vertrauen bilden, Transparenz schaffen. Auch in Bern war bisher nicht von einem identitätsstiftenden Papier die Rede. Mir ist jedenfalls nichts dergleichen zu Ohren gekommen, und auch in der Information zur Kulturstrategie auf der Website der Stadt Bern steht nichts in dieser Richtung. Okay, Veronica Schaller wird im Bund vom 3.6.2015 folgendermassen zitiert: ‘Der Gemeinderat wolle Bern nicht nur als Wohn-, Energie-, Sport- oder Velostadt positionieren, sondern auch als Kulturstadt.’ Ja, was heisst wohl dieses ‘Positionieren? Darin gleich Marketing und die touristische Verwertung der Berner Kultur zu lesen, finde ich vermessen. Die Schwächen in der Kommunikation der Abteilung Kulturelles sind bekannt, auf diesen herumzureiten ist wenig konstruktiv, vielmehr ist in diesem Zusammenhang die Entscheidung gutzuheissen, dass die Stadt für die Ausarbeitung der Kulturstrategie aussenstehende Personen beizog.

Die Nase für die richtige Fährte und die feinen Zwischentöne fehlte an der Konferenz auch Raimund Stecker und Pius Knüsel mit ihren zugespitzten Aussagen: Alles Geld den Künstlern. Und: Man könne Kultur pflegen, nicht aber planen – sicher: Das tönt gut! Sie vergessen dabei aber, dass die Pflege definiert, geplant, gemacht und finanziert sein muss.

Genau darum geht es in einer Kulturstrategie und hier hätte die Kulturkonferenz die Chance gehabt, weiter zu gehen und relevante Inhalte zu diskutieren. Die Stadt ist nicht nur Geldgeberin. Sie ist daneben auch Auftraggeberin, Sammlerin, Veranstalterin, usw. sowie Vertragspartnerin, die Bedingungen stellen kann. Sie muss sich der Notwendigkeit und Absicht ihres Tuns bewusst sein, einerseits um der Bevölkerung ihr Engagement erklären zu können, andererseits ist dies die Voraussetzung für die Kommunikation mit den Kulturschaffenden.

Die Kulturschaffenden fordern daher zurecht von der Stadt eine klarere Position. Denn: Bezieht die Stadt nur vage Haltung und sind die Zuständigkeiten nicht geklärt und transparent, ist die (Kultur-) Stadt nicht wahrnehmbar und als Gegenüber untauglich. Eine Kulturstrategie ist ein mögliches Mittel, Abhilfe zu schaffen, die Position der Stadt zu klären und zu kommunizieren. Sollte dadurch mehr Sinn, Vertrauen und Transparenz entstehen, kann darauf später eine neue Identität gründen.

Es erklärt sich von selber, dass auch die Kulturschaffenden gefordert sind, ihre Ansprüche und Absichten zu klären. Die Schlaufe, die die 3. Kulturkonferenz gemacht hat, war dazu aber nicht nötig.»

Niklaus Wenger