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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Ballenbern oder Lebensqualität?

Die 3. Berner Kulturkonferenz fragte nach Berns kultureller Identität und danach, was ein neues Kulturkonzept bringen kann. – Bernhard Gigers Eröffnungsstatement (bevor die Tagung eine scharfe Kurve nahm).

Die 3. Berner Kulturkonferenz vom 12. November stand unter dem Titel: «Bern kulturell – auf Identitätssuche». Entsprechend ging es in den einleitenden Vorträgen um die Problematisierung des Begriffs der «kulturellen Identität». Pius Knüsel, ehemaliger Chef der Pro Helvetia und seit 2012 Direktor der Volkshochschule Zürich, sagte kurz und bündig: «Der Identitätsdiskurs instrumentalisiert Kunst und Kultur letztlich für Marketingzwecke.»

«Kulturelle Identität» sei eine normative Zuschreibung, die von den einen definiert werde, damit sich ihm alle anderen anzunähern versuchten. Entsprechend skeptisch wurde in der Podiumsdiskussion die Idee eines Kulturkonzepts diskutiert, das notgedrungen auch auf normativen Setzungen beruht. Der Düsseldorfer Kunsthistoriker Raimund Stecker warnte geradezu davor, irgendwelche «Administrationserotiker» Konzepte schreiben zu lassen. Er hasse «jeden Etatismus, gerade in Sachen kultureller Planung». Sein Plan: «Alles Geld den Künstlern.» Knüsel seinerseits tröstete jene, die ein Konzept fordern: «Wenn das Papier für die Schublade ist und sich sonst nichts ändert, ist’s ja nicht so schlimm.»

Erstaunlich: Die «Kulturkonferenz» – «die freie Initiative der Berner Kulturszene» – hat in ihrer zweiten Ausgabe Ende August 2014 noch «ein neues Kulturkonzept 2016-2019» zur Diskussion gestellt. Und am Ende der dritten ist nun klar: Konzepte bringen gar nix. Nötig ist einzig möglichst viel Geld und im Übrigen unreguliertes freies Unternehmertum.

Eröffnet wurde diese Konferenz von Bernhard Giger, dem Leiter des Kornhausforums, mit nachfolgender Rede. Journal B wird im Gespräch mit ihm auf die erstaunliche Kurve zurückkommen, die die 3. Berner Kulturkonferenz genommen hat.  (Red./Fredi Lerch)

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«Liebe Anwesende

Ich begrüsse Sie herzlich zu dieser Kulturkonferenz, die wir – Carola Ertle, Lukas Vogelsang und ich – nun bereits zum dritten Mal hier in der Aula des Progr durchführen. Die Kulturkonferenz bietet neben dem Gurtengipfel, dem grossen Sommeranlass des Vereins Bekult, eine der wenigen Möglichkeiten in Bern, Kulturschaffen, Kulturvermittlung und kulturelles Selbstverständnis über die offizielle Politik von Stadt, Region und Kanton hinaus zu thematisieren. […]

Kulturelle Identität – unser heutiges Thema – ist ein eingängiger Begriff, auch wenn man sich darunter zunächst vielleicht gar nicht viel vorstellen kann, und er hört sich an wie etwas, das politisch korrekt sein muss. Kulturelle Identität, das tönt so bedeutungsvoll, dass es dabei nur um die wirklich wahren Dinge gehen kann, um nichts weniger als die alles entscheidende Frage, wie wir uns eigentlich so fühlen in unserer Umgebung und überhaupt der Welt.

«Der Konferenztitel unterstellt: Bern hat, zumindest aktuell, keine kulturelle Identität.»

Bernhard Giger

Nun heisst es aber im Titel dieser Veranstaltung, Bern sei auf Identitätssuche. Das unterstellt: Bern hat, zumindest aktuell, keine kulturelle Identität. Wie schlimm es um die Orientierungslosigkeit  tatsächlich steht, darüber lässt sich streiten. Vielleicht hat die Stadt ihre kulturelle Identität ja ganz einfach aus den Augen verloren, vielleicht ist unser kulturelles Selbstverständnis viel authentischer, als viele meinen. Wobei man sich dann schon fragt, was für ein himmeltrauriges, sozio-kulturelles Selbstverständnis einen dazu führt, mit einer Einsprache verhindern zu wollen, dass Kinder von Asylsuchenden im Innenhof der alten Feuerwehrkaserne Viktoria spielen dürfen. Überhaupt scheint Kleinkrämerei das alles bestimmende Prinzip zu sein, wenn es in Bern um Zwischennutzungen geht, und weniger das, was daraus werden wird und wie viel ein Quartier oder ein ganzer Stadtteil davon profitieren könnten. Mit Einsprachen auf der einen und einem beängstigend bürokratischen Apparat auf der anderen Seite wird verhindert, dass die Stadt sich bewegt und entwickelt. Wir sind halt wirklich eine Verwaltungsstadt.

Aber wir möchten grösser sein. So wie die wirklich Grossen. Nicht dass die Schützenmatte im Spätsommer zwei Monate lang statt Park- und Drogenumschlagplatz ein allen offenes Laboratorium war, ist wegweisend, wenn es um den öffentlichen Raum in Bern geht, sondern dass die bürgerliche Grossratsmehrheit, also das Kantonsparlament, aus der Unteren Altstadt eine Tourismuszone machen will. Abgesehen davon, dass dieser Entscheid undemokratisch ist, weil die direkt betroffene Stadtberner Bevölkerung dazu bisher nicht befragt wurde, würden damit auch noch die letzten Reste der gewachsenen Quartierstruktur wegputzt. Ballenbern statt Lebensqualität, Massentourismus-kompatibel statt Pflege der lokalen Eigenart.

«Der Trend zu grossen Häusern ist in der städtischen und kantonalen Kulturpolitik unübersehbar.»

Bernhard Giger

So wie die Grossen sein. Es wird jetzt viel von kulturellen Leuchttürmen gesprochen, die in Bern errichtet werden sollen. Der Trend zu grossen Häusern ist in der städtischen und kantonalen Kulturpolitik unübersehbar. Der Direktor des Kunstmuseums sagt an einem öffentlichen Podium, wenn er mehr Geld für Werbung hätte, würden Ausstellungen seines Hauses anstatt nur 40'000 Besucherinnen und Besucher gut 120'000 anziehen. Wenn wir nur das Geld hätten der Fondation Gianadda in Martigny, wir wären voll dabei. Aber Event-Kultur gibt es überall, und sie funktioniert auch überall genau gleich. Die jüngere Berner Kulturgeschichte hingegen zeichnet sich genau durch das Gegenteil aus: vieles von dem, was hier entstanden und dann über die Stadt- und manchmal sogar die Landesgrenzen hinaus beachtet wurde, kam nicht deshalb ins Gespräch, weil es sich international gab, sondern weil es sich in kleinem, übersichtlichem Rahmen – und meistens auch gegen diesen – entwickeln konnte: die Kunsthalle unter Harald Szeemann, die Lieder von Mani Matter, die Kellertheater und das Kellerkino, Züri West, Patent Ochsner, Endo Anaconda. Man denkt nicht wirklich an Leuchttürme, wenn diese Namen fallen. Aber an verdammt gute Zeiten.

Auch die Stadt sorgt sich um die kulturelle Identität. Sie hat eine neue Kulturstrategie in Auftrag gegeben. Also genau genommen, wurde sie dazu gedrängt, seit Jahren, von Kulturszene und Politik. Der Auftrag zur neuen Kulturstrategie ist weit gefasst. Er folgt etwas gar beflissen der Kulturdefinition der Unesco – neben der eigentlichen Kulturszene sind seine Themenbereiche Quartieraktivitäten, Tourismus, Nachtleben – dazu gibt es bereits ein nicht unbrauchbares städtisches Konzept –, Menschen mit Behinderung, Menschen mit Migrationshintergrund, Kinder- und Jugendkultur, Denkmalpflege, Baukultur, Bibliotheken und Ausbildungsstätten.

«Neue Kulturstrategie: Schmollen, abwarten und abseits stehen war taktisch noch nie eine gute Position.»

Bernhard Giger

‘Ein Papier für die Galerie’ droht, wie der ‘Bund’ kommentierte. Eine jener berühmt-berüchtigten Übungen, die alles ein wenig, aber nichts wirklich angehen. Oder eine Art STEK 2: Das Stadtplanungsamt arbeitet seit längerem an einem neuen Stadtentwicklungskonzept, einem Grundsatzpapier zur städtebaulichen Entwicklung der nächsten Jahrzehnte. Die Kulturstrategie macht das gleiche im gesellschaftspolitischen Bereich – sie liefert damit gewissermassen die weichen Faktoren zum Planungspapier.

Ob der Gemeinderat, als er die Kulturstrategie in Auftrag gegeben hat, sich von solchen Überlegungen leiten liess, ist nicht bekannt. Aber clever ist die Idee allemal: dass neben dem STEK 2015, dem Stadtentwicklungskonzept, in dem es ums Wohnen, den Verkehr oder die Arbeit geht, auch ein Wegweiser für die anderen Bereiche des städtischen Lebens entstehen soll. Vielleicht bekommen wir ja so, mit STEK 1 und 2, eine Gesamtsicht auf die Zukunft Berns, auf der sich bauen lässt. Und plötzlich hätten wir dann auch unsere kulturelle Identität wieder voll im Griff.

Das tönt jetzt ziemlich idyllisch vor dem aktuellen, eher etwas griesgrämigen, realpolitischen Hintergrund. Die Bedenken gegenüber dem Nutzen der neuen Kulturstrategie sind noch gross, insbesondere in jene Kreisen, die davon zentral betroffen sind: den Kulturschaffenden und Kulturvermittlern. Es wird befürchtet, dass Situation und Perspektiven der in der Kultur berufstätigen Menschen und ihrer jeweiligen Wirkungsfelder im breiten Themenspektrum zu wenig Berücksichtigung finden. Das ist aber überhaupt kein Grund, bei der Ausarbeitung dieser neuen Strategie nicht offen und aktiv mitzumachen. Schmollen, abwarten und abseits stehen war taktisch noch nie eine gute Position.»