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Der 51-Prozent-CEO oder Die verpasste Chance

Neue Strategie, neue Geschäftsleitung und die Suche nach einer künstlerischen Gesamtleitung: Der Stiftungsrat der Dachstiftung Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee hat Pflöcke eingeschlagen. Fragen bleiben.

Was Präsident Jürg Bucher und Vizepräsident Marcel Brülhart der Dachstiftung KMB-ZPK am 29. Oktober den Medien vorstellten, hat auf drei A4-Seiten Platz. Die Vision für das neue Gebilde ist so richtig wie selbstverständlich: Bern soll dank der engen Kooperation von Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee zu den drei führenden Kunstplätzen der Schweiz werden, international viel beachtet. Die Besuchenden sollen Kunst und Kultur einzigartig und ganzheitlich erleben können. Zum Erlebnis gehören Anregung, Begegnung, Diskurs und Erkenntnis. Das Erlebnis kann real und virtuell sein.

Alles bleibt, alles ändert sich – oder umgekehrt

So lautet die Vision, dies will man erreichen. Wie? Indem zuerst alles bleibt, wie es ist: Die Subventionen des Kantons sind bis 2019 verbindlich an KMB und ZPK zugewiesen. Die Liegenschaften sind im Eigentum der selbständig bleibenden Stiftungen. Die Kunstbestände der Stiftungen werden nicht angetastet, die assoziierten Stiftungen bleiben assoziiert.

Damit trotzdem alles ändern kann, wird unter dem Dach der neuen Stiftung, die den Überbau beider Häuser bildet, die Organisation gestrafft. Neu bilden die künstlerische Leitung, die Leitung Sammlungen (die Matthias Frehner, heutiger Direktor KMB, übernimmt), die kaufmännische und die infrastrukturelle Leitung zusammen die Geschäftsleitung (GL). Sie soll unter dem Vorsitz der künstlerischen Leitung Konsenslösungen suchen, nötigenfalls mehrheitlich entscheiden (also 3 zu 1). Die oder der Vorsitzende ist also ein primus oder eine prima inter pares. Oder ein «51-Prozent-CEO», wie Jürg Bucher erläutert.

Weshalb so halbherzig? Der Zweck des Unternehmens ist die Kunst. Die zentralen Geschäfte der GL sind die künstlerischen Aktivitäten. Und da soll die künstlerische Leitung für Mehrheiten werben müssen und nicht nach gewalteter Diskussion den Entscheid fällen dürfen? Das leuchtet nicht ein. Aber weshalb überhaupt eine GL; warum keine Direktion, eine oberste operative Leitung ? Wenn schon die wichtigsten Aufgaben beider Häuser in eine Hand gelegt werden sollen, weshalb nicht gleich alle Tätigkeiten? Das wäre konsequent. Das hätte die Möglichkeiten ausgeschöpft. Jetzt bleibt man bei 51 Prozent von hindert. Das sind 49 verschenkte Prozent – und ein Hinweis auf viel Bewahrungskraft im Stiftungsrat.

Und die Mitarbeitenden?

So oder so, wichtig ist fürs Erste, dass es neu eine künstlerische Leitung für beide Häuser gibt. Sie gestaltet künftig das Programm «aus einer Hand». Aber Achtung: Dabei sollen die «Marken» KMB und ZPK nicht nur beibehalten, sondern noch gestärkt werden. Das kann einen weiten Spagat erfordern. Die Person, die den Spagat beherrscht, wird ab sofort gesucht.

Und die Mitarbeiterinnen, die Mitarbeiter? Sie wurden vor den Medien informiert. Ihnen wurde für den Fall der Fälle eine «sozialverträgliche Lösung» versprochen. Sie wissen: ein guter Teil der «grösseren sechsstelligen Summe», die als Synergieeffekt herausspringen und der Kunst zugute kommen soll, wird durch Stellenabbau freigespielt; es werden also bis zu zehn Stellen wegfallen.

Ein paar Dinge sucht man im knappen Organigramm vergeblich: Die Zentrumsaktivitäten (Literatur, Musik, performative Kunst) zum Beispiel, und die Konferenzen, wichtige Potentiale des ZPK; oder die Forschung (abgesehen von der Provenienzforschung im Zusammenhang mit der Sammlung Gurlitt). Und auch – fast ist man geneigt zu sagen: natürlich – die Funktionen der Aufsicht, der Kasse, der IT kommen nicht vor.

Gefordert ist auch der Stiftungsrat

Diesen komplizierten Laden, der aus zwei KMU besteht, ideell zusammenzuschweissen, ohne ihn real zu vereinen ist eine schöne Herausforderung. Eine Herausforderung, weil mehr ändern können muss, als heute zugegeben werden darf: Es werden Erfahrung, Wissen, Fähigkeiten des ZPK zum KMB transferiert werden müssen. Und es braucht vielleicht ab und zu Subventionsumleitungen des einen Empfängers zum andern.

Damit dies gelingt, braucht es nicht nur die künstlerische Leiterin oder den künstlerischen Leiter, der die Mitarbeitenden begeistert und mitreisst. Nötig ist auch, dass der Stiftungsrat aus den Gräben ans Licht kommt und sich neu orientiert. Blickt man auf die Zusammensetzung des Gremiums, fällt auf, dass die ursprüngliche Losung »Neue Köpfe» nur sehr bedingt eingelöst wurde. Zudem besteht Schlagseite in Richtung KMB-Seilschaften. Das vom KMB bis vor Kurzem betriebene Schlechtreden des ZPK als «arme Braut» muss nicht nur rhetorisch enden, sondern auch in Kopf und Herz. Erst recht überwunden werden muss der bis heute währende Hass auf das Zentrum, das dem KMB seinen Klee wegnahm.

Da hat Jürg Bucher eine grosse Aufgabe. Der Präsident wirkte an der Medienkonferenz entspannt und offen. Die verkniffen angestrengte Defensive des KMB scheint Vergangenheit. Toll, wenn offensive Gelassenheit nicht Fassade wäre oder ein anderer Ausdruck für eine gewisse inhaltliche Gleichgültigkeit. Denn: Die Zahlen stimmen nun auf akzeptablem Niveau. Gefragt, erwartet, ersehnt sind jetzt künstlerische Leistungen. Das ZPK hat in den letzten zwei Jahren dafür die Latte hoch gelegt.

Ein Zentrum und ein Schiedsgericht für Provenienzforschung

Das Gurlitt-Erbe ist noch offen. Doch in den Umgang mit Raubkunst kommt Bewegung.

«Wir kämpfen nicht um das Erbe, lassen uns aber auch nicht wie Schulbuben behandeln», erklärte Vizepräsident Marcel Brülhart. Die gerichtliche Entscheidung darüber, ob das KMB die Sammlung Gurlitt erbt, steht nach wie vor aus. Dessen ungeachtet hat die Existenz und die Geschichte der Sammlung die Diskussion über die Frage der entarteten und der Raubkunst befeuert.

Neu beraten wird etwa, ob die restriktive Auslegung der Washingtoner Erklärung von 1998 durch die Schweiz haltbar ist (wonach nur in Deutschland vom Naziregime entwendeten Werke zur Raubkunst zählen, nicht aber ausserhalb der Grenze in Not verkaufte Kunst) haltbar ist. Neu verhandelt wird, ob Museen und Sammler jetzt endlich aktiv ihre Bestände lückenlos auf deren Provenienz untersuchen sollen, bevor Ansprüche auf die Restitution einzelner Werke erhoben werden.

Und überraschend wird die früher von Dritten portierte Idee als Chance aufgenommen: Die Schweiz könnte zum internationalen Zentrum für Provenienzforschung werden und ein Schiedsgericht für die Bewertung von Eigentumsansprüchen bilden. (Wir kommen darauf zurück.)


Wem ist der Spagat zuzutrauen?

Wer bringt neben Fachkunde und Reputation auch die wichtigste Eigenschaft mit, dem Zwitter Leben einzuhauchen, indem die wichtigste Ressource gepflegt wird: die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Wer könnte Madame oder Monsieur KMB-ZPK werden? Die Ansprüche scheinen überhöht, denkt man an die Anfänge von Matthias Frehner im KMB oder von Juri Steiner im ZPK zurück. Was brachten sie mit? Promotion in Kunstgeschichte gepaart mit Erfahrungen aus der Sammlung Oskar Reinhart in Winterthur und in der Kunstredaktion der NZZ der eine; ebenfalls ein kunsthistorisches Doktorat und vor allem eine Animationserfahrung an der Expo 2002 der andere. Umgang mit Menschen? Betriebliche Führung? Fragezeichen bis heute. Seit 2011 hat Peter Fischer eine andere Performance hingelegt; nun geht er (auch das ist vielleicht ein Merkmal seiner Leistung). Wen könnte man sich wünschen?

Wunschnamen

Reinhard Spieler etwa, begabter und erfolgreicher Gründungsdirektor des Museums Franz Gertsch in Burgdorf, 2007 unter hässlichen Bedingungen geschasst, dann in Ludwigshafen, nun Leiter des Sprengel Museums Hannover. Spieler war so tollkühn, 2004 in einem Brief ein Konzept für die durch das ZPK grundlegend veränderte Museumslandschaft der Stadt Bern zu skizzieren unter Einbezug der Kunsthalle und gar des Historischen Museums (für alte Kunst).

Oder Madeleine Schuppli, die vom Kunstmuseum Thun ins Kunsthaus Aarau – das Zentrum der Schweizer Kunst – wechselte und dort zuletzt mit grossen Ausstellungen von Markus Rätz oder aktuell Christian Marclay Furore machte, immer bestrebt, das Publikum durch verständliche Texte, Führungen, Workshops einzubeziehen und den Besuchenden eine eigene Haltung vis-à-vis der Kunst zu ermöglichen.

Oder Bernhard Fibicher, den ehemaligen Leiter der Kunsthalle, dem das KMB die China-Ausstellung 2005 verdankt. Er darf aber wohl seinem Grossprojekt in Lausanne nicht untreu werden.

Oder eine Co-Leitung aus zwei Personen, die Erfahrungen aus mehreren Künsten vereinen, wie es hier in Bern seinerzeit Christian Pauli und Roger Merguin in der Dampfzentrale taten. Oder jemand, der aus der performativen Kunst stammt und die visuelle Kunst in neuem Licht sieht; wie (vielleicht eine Nummer zu gross) Chris Dercon, der gerade jetzt die Tate Modern in London verlässt um in Berlin die Volksbühne zu übernehmen.

Wagen wir zu vertrauen

Oder oder. Erinnern wir uns: Als Harald Szeemann Leiter der Kunsthalle wurde, war er 28, zwar bereits vielfältig erfahren, aber doch noch ein wenig beschriebenes Blatt. Die Zeit ist eine andere. Aber immer noch gilt: Trauen wir uns, jemandem etwas zuzutrauen! Achten wir eher auf die menschlichen, kommunikativen Fähigkeiten als auf einen engen Fachbezug! Die Mitarbeitenden werden es danken. Und auch wir. Als Besuchende, als Steuerzahler, als Teile der Gesellschaft, die auf Kunst angewiesen ist und auf Kunst setzt, sind wir alle dieses «wir», das zwar nichts zu sagen hat, ohne das es aber das Museum, die Museen und die Dachstiftung nicht bräuchte.

Die Alternative lebt. Sie besteht aus den bewährten alten Kräften, die sich in den letzten zehn Jahren ans Alte hielten und denen das Loslassen so viel schwerer gefallen ist als Bundesrätin Evelyne Widmer-Schlumpf.