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Sagt, was Bern bewegt
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«Our Product» oder Der Kaiser ist nackt

An der Kunstbiennale von Venedig zeigt die Pro Helvetia im Schweizer Pavillon Pamela Rosenkranz' Werk «Our Product». Es ist eine Neuauflage von Andersens Märchen «Des Kaisers neue Kleider»: Kunst als selbstreferentielles Geschwurbel.

Der frühe Oktober ist mild in Venedig, die Kunstbiennale noch ein paar Wochen offen, nicht wenige Bernerinnen und Berner unterwegs in den Giardini, wo die Länderpavillons stehen, im Arsenale, das Harald Szeemann als Kurator für die zeitgenössische Kunst erschlossen hat, und an den immer zahlreicher werdenden «externen» Orten, wo Länder, Galerien, Stiftungen zusätzlich Kunst zeigen. An sich ein Overkill, der die Erlebbarkeit der «ganzen Biennale» verunmöglicht. Was einst als Gesamtschau, als Überblick des Neuen und Wichtigen in der visuellen Kunst gedacht war, ist unüberblickbar geworden. Dennoch: Venedig ist eine Reise wert. Mit einer Ausnahme freilich, und die betrifft die Schweiz.

Roman Signer, Thomas Hirschhorn, Silvia Bächli, Christine Streuli/Yves Netzhammer oder Emmanuelle Antille – sehr unterschiedliche Künstler/innen, sehr verschiedenartige Auftritte in den letzten Jahren im Schweizer Pavillon der Biennale, anregend, irritierend, konkret. Jetzt bespielt Pamela Rosenkranz den Pavillon, der sich dabei als enorm wandlungsfähig erweist. Durch einen offenen Zugang gelangen die Besuchenden in einen schmalen Gang, der zum Rand eines grossen Beckens führt. Drei Personen können dort stehen und das Werk auf sich wirken lassen.

Das Werk? Ein rechteckiges Bassin, etwa ein Meter tief, nimmt den ganzen Raum ein. Es ist mit einer rosa-farbenen Flüssigkeit randvoll. Auf drei Seiten umschliessen hohe weisse Wände den Raum, in den von oben Licht fällt. Leichte Bewegungen im Becken beeinflussen die Farbigkeit der Wände und lassen diese entsprechend in rosa Tönen erscheinen.

Durch das Gedränge der hintanstehenden Personen zurück im Patio des Pavillons bemerkt man an der Innenseite der Aussenmauer grün leuchtende Scheinwerfer, Farbvierecke als Kontrastpunkte zum rosa Ensemble im Innern. So wirkt es am helllichten Tag. Beim Eindunkeln und in der Nacht erzeugen die Scheinwerfer wohl eine zusammenhängende grüne Fläche, die das Erscheinungsbild des Pavillons – und damit des ganzen Kunstwerks – mitbestimmt.

So weit so einfach, unspektakulär, deutungsoffen. Wer sich angesprochen und herausgefordert fühlt, kann sich Fragen stellen. Greift man dafür zum aufliegenden Informationsblatt, überschwemmen einen Wörter, Sätze, Bedeutungsbehauptungen.

Wir lesen: «Neotene, Silikon, Evian, Viagra, Bionin und Necrion gehören zu den Stoffen, aus welchen Pamela Rosenkranz' Arbeit besteht.» Aha. Die Flüssigkeit ist Mineralwasser (Evian et vie en rose), Silikon dichtet das Becken ab, irgendwo steckt die Substanz des Potenzmittels Viagra. Aber was und sind «Neotene», «Bionin», «Necrion»? Kein Wort dazu, der Bildungsbürger muss es wissen oder via das stets mitgeführte Smartphone herausfinden.

Weiter im Text des Info-Blatts: «Die umfassende Installation (...) setzt sich damit auseinander wie die Erkenntnisse, die in die technologische, wissenschaftliche und kommerzielle Entwicklung solcher Produkte einfliessen, die Bedeutung von Kunst unterlaufen.» Was soll das heissen? Es kann ganz einfach sein: Irgendwie gibt es Kunst, sie hat eine Bedeutung, und diese Bedeutung «unterlaufen» Erkenntnisse aus der Entwicklung chemischer Produkte. Welche Erkenntnisse? Wie?

Der folgende Satz macht es noch komplizierter: «Indem Rosenkranz die Wahrnehmung des Pavillons direkt durch immateriell erscheinende Elemente wie Licht, Farben, Geruch, Sound und organische Bestandteile wie Hormone und Bakterien beeinflusst, wird ein durch Religion und Geschichte vererbtes und kulturell verfestigtes Bild des Menschen mit dessen biologischer Entstehung konfrontiert.» Zum «Unterlaufen» kommt die «Konfrontation»: die biologische Entstehung des Menschen, also Zeugung, Reifung, Geburt, werden dem kulturell tradierten Menschenbild gegenüber gestellt. Geht denn das kulturell tradierte Bild des Menschen nicht von dessen biologischer Entstehung aus? Oder geht es hier um eine künstliche Erzeugung von Menschen? Spielen dabei Neotene, Bionin, Necrion eine Rolle? Müssen wir das wissen, um zu verstehen? Können wir es im Werk entdecken? Hilft uns das Informationsblatt dabei? Fehlanzeigen rundum. Wir erfahren NICHTS über die das Menschenbild tangierenden Produkte – oder besser Substanzen – und NICHTS über deren Wirkung und Bedeutung. Wie können wir denn das «Konfrontative» erkennen, erahnen, gar verstehen? Hier wird die Artillerie der ganz grossen abstrakten Wörter aufgefahren, um ein kleines Bassin voll rosa gefärbtem Wasser mit Bedeutung aufzuladen. Mit einer Bedeutung, die eine fast ausschliesslich beabsichtigte und behauptete ist, keine vom Betrachter wirklich wahrnehmbare, gar prüfbare. Kunst als selbstreferentielles Geschwurbel. Ist dies die Handschrift des aufsteigenden Stars oder eher der Sternschnuppe Pamela Rosenkranz? Hat dies die Eidgenössische Kunstkommission und die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia so gewollt?

Am Ende findet sich im Text doch etwas Konkretes: Die rosa Flüssigkeit ist hautfarben. «Sie lehnt sich an die Hautdarstellungen des ‚Karnats' in der Renaissance an (...). Der Farbton, der sich evolutionär unter anderem durch Migration, Sonnenexposition und Ernährung entwickelt hat, wird durch den komplementären grünen Farbton kontrastiert, mit dem Rosenkranz die Institutionelle Hülle des Schweizer Pavillons überzogen hat.» Der «grüne Farbton» besteht, wie eingangs beschrieben, aus einzelnen Scheinwerfern. Bei Tag kann keine Rede davon sein, dass er «die architektonische Unterteilung zwischen dem Innen- und dem Aussenraum ineinander überfliessen lässt.» Und um 18 Uhr schliesst der Pavillon.