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Kopfreise für Augenhungrige

Die Ausstellung «In 80 Minuten um die Welt – Reise durch die Sammlung» ist für das Historische Museum gewiss eine Pflichtübung. Aber wie sie präsentiert wird, ist ausserordentlich unterhaltend und anregend.

  • Pittoreskes Sammelsurium im Hochregallager. (Foto: Fredi Lerch)
  • Als die Nazis in Bern noch eine Fahne hatten. (Foto: Fredi Lerch)
  • Wie bestellt und nicht abgeholt: Der Bundesrat von 2002. (Foto: Fredi Lerch)

Das Historische Museum Bern ist ein Eisberg, dessen Spitze die Ausstellungen sind. Laut Stiftungsurkunde ist sein Zweck, «vorgeschichtliche, historische und ethnografische Kulturgüter zu sammeln, zu bewahren, zu dokumentieren, zu erforschen und zu vermitteln». Im Zentrum soll das kulturelle Erbe von Stadt und Staat Bern stehen, aber der Rahmen bilde «die Menschheitsgeschichte in ihrer Vielfalt». Ab und zu müssen die Zuständigen dem Publikum deshalb in Erinnerung rufen, dass in den letzten fünfhundert Jahren rund 500'000 Objekte aus den Bereichen Geschichte, Archäologie, Ethnografie und Numismatik zusammengekommen sind, die man am Helvetiaplatz bewahrt, dokumentiert, erforscht und vermittelt.

Die Ausstellung, die das Historische Museum eben eröffnet hat, heisst «In 80 Minuten um die Welt – Reise durch die Sammlung». Was sich wie eine langweilige Pflichtübung ankündigt, ist aber eine ausgesprochen originelle und geistreiche Angelegenheit geworden. All jenen, die das Historische Museum eigentlich gerne endlich kennenlernen und jenen, die es schon lange wieder einmal besuchen möchten, muss dringlich empfohlen werden: Jetzt hingehen!

Inszeniertes Depot im Hochregallager

Die Ausstellung ist in doppeltem Sinn als Reise gestaltet. Zum einen wird man in einer veritablen Reiselounge empfangen, in der man sich darüber informieren kann, welche Reise man unternehmen möchte. Und tatsächlich reist man danach durch die Ausstellung – je nach Wunsch bloss durch die Stadt Bern oder gleich nach Westafrika. Und zum anderen steht diese Reise unter einem Motto von Joseph Conrad (1857-1924), einem wahrhaft Weitgereisten: «Die weitesten Reisen unternimmt man mit dem Kopf.»

Betritt man auf einer der acht Reiserouten, die auf dem Boden in leuchtenden Farben markiert sind, den Ausstellungsraum, so steht man mitten in einem voll gestellten Hochregallager – Museumsdirektor Jakob Messerli bezeichnet es als «inszeniertes Depot».

Das ist eine Welt für Augenhungrige: Von einer Reihe kunstvoll geschnitzter Stabellen über eine Sammlung von militärischen Trommeln (von denen die eine die Aufschrift «Libérté / Egalité» trägt und 1798 von der französischen Armee erbeutet worden sei) bis zu drei Kutschen der legendären Madame De Meuron und der Wachsfigurengruppe des Bundesrats von 2002, die wie bestellt und nicht abgeholt in einer Ecke des Saals steht, ist alles zu sehen.

ReiseleiterInnen für jeden Geschmack

Aber die Pointe des pittoresken Sammelsuriums liegt nicht im Sicht- sondern im Hörbaren. Ausstellungskurator Daniel Schmutz hat für jede der acht Reiserouten eine kompetente Reiseleitung engagiert: Arianne von Graffenried führt nach Paris, Stefanie Grob durch Avanches, Reeto von Gunten über die Seidenstrasse, Matto Kämpf in die Südsee, Guy Krneta durch Athen, Lo & Leduc begleiten durch Bern, mit Balts Nill geht’s nach Westafrika und mit Barbara Traber ins Berner Oberland.

Mit einem Audioguide in der Hand folgt man der gewählten Routenmarkierung durch den Saal und bleibt jeweils vor jenen Objekten stehen, über die die Reiseleitenden eben zu erzählen beginnen. Man steht vor westafrikanischen Masken aus Wachs und Metall und hört Balts Nill über René Gardi (1909-2000) sprechen, einen fast vergessenen Berner Reiseschriftsteller, der insbesondere Bücher über seine Afrikafahrten verfasst hat.

Oder man steht vor dem Porträt des ersten Berner Bundesrates Ulrich Ochsenbein (1811-1890), immerhin Oberst im Sonderbundskrieg, und hört Ariane von Graffenried zu, die assoziierend einen toten Soldaten schildert, der mit aufgerissenem Leib im Feld liegt, einen Jungen, der vielleicht aus dem Trub und nie weiter als bis Neuenegg gekommen sei und an den sich niemand erinnern werde, weil es von ihm kein Bild gebe.

Oder man steht vor einer Flagge mit Schweizer Kreuz, eingemittetem Berner Bären und in den vier roten Feldern die Namen süditalienischer und sizilianischer Städte samt Datierungen aus den Jahren 1848/49. Dazu hört man Guy Krneta erzählen, dass Schweizer Söldner an jenen Orten Aufstände niedergeschlagen haben – Schweizer nota bene, denen zuhause eben die Freiheit geschenkt worden war, hauten hier im Sold des Königs von Neapel Süditaliener zusammen, die nichts anderes wollten als Freiheit.

Die Dinge verhindern das Vergessen

Diese Augen- und Ohrenreize animieren dazu, sich auf seinem Rundgang zu all den Blickfängen auch selber Geschichten auszudenken. Steht man zum Beispiel vor einem Rechen mit sechzehn historischen Gewehren, kann man sich fragen: Mit welchem Gewehr ist wohl wo und warum auf Menschen geschossen worden? Und wenn man plötzlich vor der Hakenkreuzfahne der Stadtberner Nazi-Ortsgruppe steht, fällt einem auch die eine oder andere Frage ein.

Das ist das Geglückte an dieser Ausstellung: Ohne Zeigefinger der Besserwisserei gelingt es, einen Einblick in die Schätze der Museumssammlung zu geben, neugierig zu machen für die Bedeutung und die Geschichten von Überbleibseln aus untergegangenen Zeiten, die eben gerade verhindern, dass diese Zeiten ganz untergehen können. Messerli zitierte an der Medienorientierung den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk: «Wenn die Dinge verschwinden, verlieren wir auch die Erinnerung.» Messerli fügte bei: «Objekte sind Schlüssel zum Tor vergangener Zeiten. Sie erlauben uns – zum Beispiel hier im Museum – die Konfrontation mit dem Fremden, mit dem Unbekannten, mit dem Anderen.»