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Kritik als Schein statt Pinslerfleiss

Die neue Ausstellung der Kunsthalle Bern zeigt eine «Retrospektive» des achtundvierzigjährigen Engländers Merlin Carpenter unter dem Titel «Midcareer Paintings», Malereien aus der Mitte der Karriere.

Merlin Carpenter – MIDCAREER PAINTINGS. Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern, 2015; Foto: Gunnar Meier

In den sieben Räumen der Kunsthalle hängen insgesamt zweiundzwanzig Werke, fünf mal drei, einmal fünf und einmal zwei. Sie tragen alle den gleichen Titel: «Transit blanket on strecher frame», Packdecke auf Keilrahmen. Alle haben das gleiche Format: 234 x 198,5 Zentimeter. Alle haben ein «Label», ein Informationsschildchen, wie es sich gehört, und die sind sich alle zum Verwechseln ähnlich. Immer heisst es «Courtesy», also ungefähr: Im Besitz von, dann folgt, pro Raum unterschiedlich, der Name einer Galerie – eine in New York, eine Berlin, eine in London, eine in Lissabon/Porto, eine in Miami, eine in Los Angeles und eine in Brüssel. Es sind jene sieben Galerien, die den Künstler, Merlin Carpenter, vermarkten. Allerdings steht auf jedem Schildchen auch: NOT FOR SALE – unverkäuflich. Und auch das Entstehungsjahr der Werke ist überall gleich: 2016.

Vorgefundene Malerei

Und nicht zu vergessen: Die zweiundzwanzig Werke sehen sich zum Verwechseln ähnlich, aus der Distanz rötlichgrau monochrom, aus der Nähe in verschiedenen Farbtönen changierend, abstrakt expressiv, wie in einem Gemälde von Jackson Pollock. Allerdings sind die Werke hier nicht gemalt, sondern bestehen aus etwa drei Zentimeter dickem, hart gepresstem Textilmaterial, zusammengehalten durch ein maschinell hergestelltes Nahtgitter aus weissem Faden. Kunsthalle-Direktorin Valérie Knoll spricht von «Ready Mades», was für vorgefundene, nicht bearbeitete Objekte steht. Einmal verwendet sie bei ihrer Medienführung den Begriff: «Ready made painting». Denn immerhin: Carpenter zeigt ja laut Affiche «Malereien».

Keck? Kühn? Ironisch? Es gibt Kunst, die kann man betrachten, und es gibt Kunst, die sollte man betrachtend bedenken. Für Carpenters «Midcareer Paintings», die Knoll als «Retrospektive» anspricht, gilt letzteres. Wenn Kunst früher Schein von Wirklichkeit bedeutet haben mag, dann ist hier Kunst als Schein des Kunstscheins zu sehen: eine Inszenierung, die eine Ausstellung zu sein scheint; Malereien, die nie einen Pinsel gesehen haben; eine Retrospektive, die das gesamte Werk in die Zukunft datiert (also eigentlich «Prospektive» ist); eine Sammlung von Werken, die im Besitz von Galerien, also Kunstwaren-Häusern, aber gleichzeitig unverkäuflich sind.  

Was heisst «Midcareer»?

«Midcareer-Paintings» sind Malereien aus der Mitte einer Karriere, aus jener Zeit der Künstlerbiografie, in der die ersten Erfolge vorbei und die Jahre des Arriviertseins noch nicht da sind. In diesen Jahren, so Knoll, stünden Kunstschaffende nicht selten vor der Alternative, «abgesichert auf der Stelle zu treten» oder noch einmal ein Wagnis einzugehen, das «sie ins Abseits rücken könnte».

Diese Situation nimmt der 48jährige Carpenter selbstironisch auf die Schippe, indem er zweiundzwanzig kaum unterscheidbar ungleiche Werke zeigt. Steht «Midcareer» also für Carpenters Kritik am saturierten Opportunismus, der jeder Innovation auszuweichen versucht, weil Innovation Karriereknick bedeuten könnte?

Oder steht «Midcareer» für die Einsicht – immerhin erwähnt Knoll, Carpenter verstehe sich als Marxist –, dass Bilder Waren sind und dass eine Ware so gut wie eine andere Ware ist, weil Waren allesamt nur dann ihren Sinn erfüllen, wenn sie ihren Tauschwert realisieren, also mit Geld aufgewogen werden?

Oder ist es ganz anderes: Meint die «Midcareer»-Monotonie Carpenters Kritik an der Ausstellungssituation: dass er als eingeladener Künstler zwar machen kann, was er will; die Institution, die ihn zeigt, aber stärker sein und definieren wird, was sein Gezeigtes bedeutet? Demnach Kunst als Institutionen- und Ideologiekritik? als Kritik am institutionalisierten Kanonisierungssystem, das bedeutende von unbedeutender Kunst scheidet?

Scheinmalerei oder Scheinkritik

Merlin Carpenter wird als «Enfant terrible der zeitgenössischen Avantgardekultur» apostrophiert («Texte zur Kunst», 25.9.2012). Entsprechend muss man bei dem, was er in der Kunsthalle zeigt, auf der Hut sein. Die Ausstellung ist verschlossen wie ein Celan-Gedicht und streng bis zur Kasernenästhetik; trivial bis ins Ärgerliche; doppel- und vielbödig bis ins Unlesbare; schillernd zwischen Verweigerung und Augenzwinkern, zwischen schroffem Nein und ironischem Ja, zwischen willfähriger Auftragsarbeit und dem Anspruch auf relative Autonomie.

Klar, Carpenter lebt in Shepperton in der Nähe von London; mag sein, wo Bern liegt, musste er zuerst auf der Karte nachschauen und mit der Kunsthalle wird er kaum viel mehr als den Namen Szeemann assoziiert haben. Zudem ist er international anerkannt und eitel genug, seine sieben Galerien als Strukturprinzip in die Ausstellung einzubeziehen; Galerien nota bene, die ihn – Marxist hin oder her – gewinnbringend vermarkten.

Auf dem Rückweg über die Kirchenfeldbrücke in die Altstadt frage ich mich: Ist Carpenters Ready-made-Kunst nun eher Scheinmalerei mit kritischer Potenz oder ganz normale Kunst und Scheinkritik?