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Kunst ist der Rand, der zum Zentrum wird

Das Thema des Cafés public IV hiess «Am Rand und mittendrin». Diskutiert wurde in der «Heitere Fahne»: am Rand von Bern, aber mittendrin in einem Freiraum, in dem jener Geist weht, der weht, wo er will. – Und um den ging es.

Olivier Rossel, Sabine Gresch, Felicia Kreiselmaier und die Moderatorin Sandra Künzi (von links, Foto: Fredi Lerch)

Die «Heitere Fahne» in Wabern ist ein «inklusiver Freiraumpalast» des Kollektivs «Frei­_Raum inklusive Kultur». Er bietet «Kultur, Kunst und Gastronomie in einem sozialen Kontext» und an diesem Sonntag das Café public IV mit einer Debatte über Kunst im öffentlichen Raum «am Rand und mittendrin».

«Loitering»: ein Begriff, den man sich merken sollte

Sandra Künzi moderierte ein Gespräch mit Sabine Gresch, Bereichsleiterin Freiraum im bernischen Stadtplanungsamt, Olivier Rossel, Künstler in Biel und Dozent am HyperWerk, dem Institute Postindustrial Design in Basel, sowie mit der promovierten Anglistin Felicia Kreiselmaier, Mitbegründerin des Freiraum-Kollektivs, des Labels «Kultur inklusiv • Culture incluse» und der «Heitere Fahne». Rossel begann:

Er beschäftigt sich mit einem Phänomen, das er als «Loitering» bezeichnet und das das Abhängen im öffentlichen Raum bezeichnet. Es geht also um eine soziale Verhaltensauffälligkeit, die die reibungslose Zirkulation der hocheffizienten Ich-AG’s und Arbeitskraft-SelbstunternehmerInnen zu hemmen geeignet ist. Wird die Störung der meuternden Loiternden zu gross, kann sie in den angelsächsischen Ländern bereits heute bestraft werden.

Rossels Methode, mit der er Loitering erforscht, nennt er «Orbiting», ein Begriff aus der Raumfahrt, den er im Gespräch als «mit ausgefahrenen Antennen herumhängen» umschreibt: «Was für mich sehr interessant ist, sind Orte, die nicht ästhetisiert worden sind. Es sind diese nicht moderierten Orte, die für mich am meisten Kraft ausstrahlen; Orte mit einer Latenz, die offen lässt, was sich entwickelt.» Spannende «Kraftorte» zum Loitern seien für ihn zurzeit etwa Tankstellen und Parkhäuser.

Ränder konfrontieren immer mit dem eigenen Selbst

Loitering ist demnach die dysfunktionale Besetzung von öffentlichem Raum. Die Anmassung der Randständigkeit, sich im Zentrum zur Schau zu stellen. Gresch erwähnt ihre Beobachtung, dass im Rahmen des zur Zeit laufenden «NEUstadt Labors 2015» auf der Schützenmatte ein offenbar Obdachloser eines der mietbaren Parkfelder bezogen habe und schliesst: «Ränder konfrontieren uns mit unserem Selbst. Was finden wir cool und wo sind für uns die Grenzen?» Ob der Anblick des Mannes als störend empfunden wird, hängt auch damit zusammen, ob man ihn (von rechts oder von links) als sozialpolitisches Ärgernis oder als künstlerische Äusserung sieht: Als Kunst wäre der Obdachlose auf der Schützenmatte eine originelle Formulierung des Konflikts zwischen Zentrum und Rand.

Zu diesem Konflikt gehört auch, den Gegensatz zwischen Zentrum und Rand in Frage zu stellen. Kreiselmaier: «Jeder Mensch und jeder Ort ist zuerst einmal gleich weit weg von der Welt. Was Zentrum und was Rand ist, ist eine Frage der Perspektive. Unser Zentrum zum Beispiel ist die ‘Heitere Fahne’ hier in Wabern, ein toller Standort. Aus der Sicht der Stadt Bern liegt er am Rand. Gleichzeitig bezeichnet man den Gurten als ‘Berner Hausberg’ und denkt ihn sich als ein städtisches Freizeitzentrum, das man via Talstation der Gurtenbahn hier gleich nebenan erreicht.»

Auch Gresch findet die Begriffe «Rand» und «Zentrum» nicht sehr hilfreich. Es sei auch in Zentrumsnähe «eine Kunst, einen öffentlichen Platz zu einem lebendigen Ort zu entwickeln»: «Als am Loryplatz die Migros wegzog, war dort plötzlich alles tot. Und trotz Kunstaktivität und Quartierfest ist das Leben bisher nicht zurückgekehrt.» Es gehe immer wieder um die gleichen Fragen: «Welcher Raum an welcher Lage kann aufgrund der konkreten Gegebenheiten wie entwickelt werden? Welche Nutzung stimmt?» Dass Bern mit der Innenstadt ein sehr starkes kulturelles Zentrum habe, könne für die Quartiere auch eine Chance sein: «Das zeigen die kulturellen ‘Spin-offs’, die in den Quartieren immer wieder entstehen.»

Für die Hänger am Bahnhof stören die anderen

Als Gedankenexperiment schlägt Kreiselmaier vor, die Logik von Zentrum und Rand umzudrehen: «Jene, die zum Beispiel am Berner Bahnhof herumhängen, könnten sich ja auch gestört fühlen von den anderen. Wir gehen gewöhnlich von einer Gesellschaft aus, in der definiert ist, wer das Recht hat, sein Glück an die erste Stelle zu setzen und sich selber zu verwirklichen. Alle anderen stehen mehr oder weniger am Rand. Darum redet man aus der Perspektive des Zentrums gewöhnlich darüber, die Ränder soweit zu integrieren, dass sie nicht mehr stören.»

Die umgekehrte Perspektive setze dagegen das Recht auf Glück aller ins Zentrum. Darum gehe es aus dieser Sicht, wie Kreiselmaier in Anlehnung an einen emanzipativen Diskurs aus dem Behinderten-Bereich sagt, «nicht um Integration, sondern um Inklusion»: «Nicht vom Zentrum aus wird eine Lösung dekretiert, wie die Räume zu gestalten seien, damit alle Platz haben. Sondern man redet zusammen und man macht zusammen für alle Platz.»

Verschwindende KünstlerInnen ohne Kunst-Werke

Aber was hat dieses Café public über «Kunst im öffentlichen Raum» ausgesagt?

In erster Linie, dass Kunst im öffentlichen Raum heute nichts mehr zu tun hat mit prämierbarer Kunst am Bau der herrschenden Verhältnisse. Es geht hier nicht um Kunst-Werke, die als Waren zur höheren Ehre der Spekulation den Kunstmarkt am Laufen halten. Eher meint Kunst im öffentlichen Raum so etwas wie soziokulturelle Animation, die sich nicht auf einen staatlichen Auftrag, sondern auf künstlerische Freiheit beruft.

«Werke» können bei dieser Arbeit zwar vorkommen, sind aber bloss Wegmarken eines Prozesses, der an einem konkreten Ort selbstbestimmte Lebendigkeit ermöglichen möchte. Kunst im öffentlichen Raum ist so gesehen die Inszenierung eines animierenden Etwas, das im Gegenlicht des künstlerischen Scheins wie ein sozialutopischer Regenbogen aufgeht. Immer macht dieses ephemere Etwas für einen Augenblick den Raum zum Kunstraum, den Rand zum Zentrum. Danach verschwindet es – und mit ihm die Person, die es inszeniert hat.