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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Ein dänischer Guru weckt Erinnerungen

Der Besuch des dänischen Stadtplaners Jan Gehl in Bern hat interessiert. Seine Kritik am modernen Städtebau und an der Auto-Stadt erinnert an den Verkehrsplaner Hans Boesch († 2003), der diese Kritik vorweg genommen hat.

Jan Gehl, der internationale Guru der «alternativen» Verkehrs- und Stadtplanung hält einen Vortrag, das darf man nicht verpassen. Nichts wie hin! Etwas mehr als zweihundert Andere wollen das auch, und die Aula der GIBB in der Lorraine platzt am Montagabend aus allen Nähten. Wunderbar, dieses Interesse an Themen und Thesen zu mehr Lebensqualität im städtischen Raum. Noch wunderbarer die Tatsache, dass sich die Stadt zwei intensive Arbeitstage mit Jan Gehl «leistet», um unsere Stadt mit den Augen des seit Jahren die Mechanismen zwischen verschiedenen Mobilitäts- und Nutzungsarten und einer menschengerechten Stadt erforschenden Fachmanns neu zu lesen. Mit erfrischend maliziösem Schalk trägt der 79jährige Gehl die Früchte seiner jahrzehntelangen Forschungen vor.

«Die Entwicklung des Automobils hat entscheidend zur Verwirrung von Massstab und Proportionen in der Stadtstruktur beigetragen.»

Jan Gehl

Auf dem Nachhauseweg im Bus dann, noch voller Eindrücke, immer deutlicher das Gefühl des Déjà-vus: Boesch! Hans Boesch. Geboren 1926, gestorben 2003. Er war Verkehrsplaner am Institut für Orts-, Regional- und Landesplanung (ORL) an der ETH Zürich und mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller mit einem grossen literarischen Oeuvre. Erinnerungen aus der Studienzeit an Vorlesungen, an unkonventionelle Bücher mit unkonventionellen Ideen zur Verkehrsplanung. Daheim dann Wikipedia und später der Gang in die Nationalbibliothek.

Das Verzeichnis von Hans Boeschs Essays und Buchtiteln ist eine fast lückenlose Liste derselben Themen, die auch Jan Gehl aufgreift! «Wie viel Erde braucht das Auto?», «Das Quartier oder die Suche nach dem verlorenen Paradies», «Vorstellung einer wohnlichen und funktionstüchtigen Stadt», «Die Kultur des Langsamen», «Die Freude am Gehen», «Stadt als Heimat», «Der Mensch im Stadtverkehr», «Handbuch für Quartier-Verbesserer», «Die sinnliche Stadt», «Die Langsamverkehrs-Stadt» – um nur einige von Boeschs Titeln zu nennen.

Stadtplanung, menschlicher Massstab und Demokratie

Boesch und Gehl – ob sie einander kannten? Zitate der beiden Autoren gehen nahtlos ineinander über:

«Für den, der sein Auto daheim zurücklassen muss, bedeutet dies einen relativ schmerzlichen Verzicht; denn keine Schnecke geht gern ihres Schneckenhauses verlustig.» (Boesch)

«Das Sicherheitsgefühl ist von entscheidender Bedeutung, wenn man möchte, dass Menschen eine Stadt annehmen und sich in ihr wohlfühlen.» (Gehl)

«Die Stadt soll ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln. Sie kann das nur, wenn sie keine Aneinanderreihung von Einöden darstellt, sondern den ‘autolosen’ Reisenden eine ununterbrochene Kette von Zufluchtstätten bietet.» (Boesch)

«Die Entwicklung des Automobils und des Autoverkehrs haben entscheidend zur Verwirrung auf dem Gebiet von Massstab und Proportionen in der Stadtstruktur beigetragen.» (Gehl)

«Nur wenn Lösungen gefunden werden, die der Nacktschnecke den Verlust des Schneckenhauses, dem Strassenscheich den Verzicht auf seine mobile Wohnhöhle tragbar erscheinen lassen, kann der  öffentliche Verkehr seinen Beitrag an ein Konzept leisten, das unsere Städte vor der Verwüstung bewahrt. Und nur wenn der Stadtplaner die Oasen des Verweilens gegen die Wüstenei der Monsterbauten zu verteidigen vermag und es ihm gelingt, neue Oasen zu schaffen, werden die Menschen sich in einer Stadt der menschlichen Massstäbe wieder wohlfühlen.» (Boesch)

«Nur wenn es dem Stadtplaner gelingt, neue Oasen zu schaffen, werden die Menschen sich in einer Stadt der menschlichen Massstäbe wieder wohlfühlen.»

Hans Boesch

Und wie bei Gehl war auch bei Boesch Stadtplanung eng mit Demokratie verbunden:

«Ebenso dringend nötig ist es, die soziale Funktion des öffentlichen Raumes zu fördern als Treffpunkt, der zum zwischenmenschlichen Zusammenhalt und zu einer offenen, demokratischen Gesellschaft beiträgt.» (Gehl)

«Alle guten Entwicklungen brauchen Zeit. Das Gemächliche ging unter, das Besinnliche wird verlacht. Was nicht effizient ist und kurzfristig Gewinn abwirft, ist verlorene Liebesmüh. Nur Narren geben sich damit ab. [...] Der Business-Mann und homo oeconomicus kann damit nichts anfangen. [...] Ebenso wenig wie mit der Demokratie, denn Demokratie heisst ja ganz einfach Rücksichtsnahme.» (Boesch)

Was so ein bisschen Geld ausmacht

Boesch in Zürich arbeitete Jahre vor Gehl in Kopenhagen mit derselben Kritik an denselben Themen. Aber Boesch hatte wohl den Malus des Propheten im eigenen Land, und durch seine gleichzeitige schriftstellerische Tätigkeit als Romancier umgab ihn die Aura des Poeten statt des knallharten stadtplanerischen Wissenschaftlers, obwohl unter seiner Ägide durchaus verschiedenste wissenschaftliche Studien entstanden.

Weshalb diese Differenz in der Wirkung zum global vernetzten, um die Welt jettenden Guru Jan Gehl? Gehl gibt mit entwaffnender Offenheit gleich selber die Antwort: Es sei, so erzählt er, eine stinkreiche dänische Stiftung auf ihn zugekommen und habe in grosszügigster Art sein Forschungsinstitut und seine Publikationen finanziert. Seit damals «klingelt das Telefon unaufhörlich». Was so ein bisschen Geld für eine gute Sache doch ausmachen kann. Und: Gehls Buch «Städte für Menschen» ist ein wahrer Genuss und Ideen-Fundus. Kein Vergleich zu den leicht vergilbten und vergessenen Werken Boeschs im Schweizerischen Literaturarchiv in der Nationalbibliothek... Aber irgendwie ist es doch ungerecht, oder?