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Sagt, was Bern bewegt
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Mein Buch: «Ludwig Hohl»

Die vom Kanton Bern mit einem Anerkennungspreis ausgezeichnete Biografie des Künstlers Ludwig Hohl hat unseren Autoren auf eine späte, spannende Entdeckungsreise mitgenommen. Und plötzlich war das Phantom Hohl als Person greifbar.

Während meiner Studienjahre in Zürich war Ludwig Hohl ein Orientierungspunkt, eine Wegmarke für den Ausbruch aus gewohnten Bahnen. Ein Deutschschweizer Autor, der in Genf lebte und sich weigerte, Schweizerdeutsch zu sprechen, ein Querkopf, der sich den gängigen literarischen Mustern entzog und gleichwohl Teil des Literaturbetriebs war.

Kaum jemand kannte ihn persönlich, kaum jemand hatte etwas von ihm gelesen, aber alle schienen zu wissen, dass bei Hohl der Geist der 68er-Jahre vielleicht seinen prägendsten literarischen Ausdruck gefunden hatte. Zu diesem Charakter eines Gespensts trug auch bei, dass ausser den «Nuancen und Details» praktisch kein Text greifbar war: Hohl war als exzentrisches Phantom, aber nicht als Autor präsent.

Materialisierung eines Phantoms

35 Jahre nach seinem Tod wird dieses Phantom plötzlich zum Menschen aus Fleisch und Blut, der in seinen literarischen Qualitäten und in seinen menschlichen Stärken und Schwächen greifbar wird. Grund dieser Materialisierung ist die von Anna Stüssi verfasste, 2014 erschienene Biografie der ersten 33 Lebensjahre des Autors, die von der Literaturkommission des Kantons Bern 2015 mit einem Anerkennungspreis gewürdigt wurde.

In diesem aussergewöhnlichen Werk lernen wir den Werdegang des Schriftstellers Ludwig Hohl kennen, seine Jugend in einer unbarmherzigen protestantischen Pfarrfamilie, sein Ringen gegen das geistige Dunkel in der Kantonsschule Frauenfeld, seine Fluchten nach Frankreich und später nach Wien und Den Haag, und schliesslich auch seine erzwungene Rückkehr in die Schweiz im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges.

Faszinierendes Persönlichkeitsbild

Es ist kein Heldenepos, das Anna Stüssi geschrieben hat. Sie hat aus dem Meer von Tagebuchaufzeichnungen und Notizen, die Hohl hinterlassen hat und die nur zum Teil publiziert sind, seinen Entwicklungsgang herausdestilliert, zu einem faszinierenden Persönlichkeitsbild zusammengefasst und mit einer unglaublichen Vielzahl von Textstellen belegt.

Nicht nur der originelle Denker und ewig suchende, formensprengende Literat tritt uns da entgegen, sondern auch der unerträgliche Macho, der sich verzweifelt an seine zahlreichen Geliebten hängt und diese doch nicht als ebenbürtige Partnerinnen versteht, der eine schäbige Existenz führende Künstler, der mit seiner Arbeit kaum Einkünfte erzielen kann und von seiner durchaus wohlhabenden Herkunftsfamilie mehr schlecht als recht unterstützt wird.

Späte Entdeckungsreise

Gleichzeitig lernen wir in präzisen Schilderungen das philosophische und künstlerische Umfeld kennen, in dem sich Ludwig Hohl bewegt hat.

Das alles ist ungemein spannend zu lesen und höchst informativ. Für mich eine späte Entdeckungsreise zu einem nur vermeintlich bekannten literarischen Kosmos.

Anna Stüssi: Ludwig Hohl – Unterwegs zum Werk, Wallstein Verlag, Göttingen 2014, 398 Seiten, ISBN 978-3-8353-1566-2.