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«Helvezin»: Frühgeburt im alten Burgerspittel

In Bern ist «Helvezin» vorgestellt worden, die «Zeitschrift für meine Schweiz». Die Null-Nummer liegt vor. Die Macher wollen Profijournalismus als Sozialtherapie pflegen, und statt auf gesicherte Finanzierung hoffen sie auf guten Willen.

Helvetia kündigt ihre Niederkunft pünktlich zum 1. August an. (Foto: Fredi Lerch)

Hier findet sich die Null-Nummer von «Helvezin – die Zeitschrift für meine Schweiz». Die Printversion wird ab dem 1. August in verschiedenen deutschschweizerischen Städten auf den Strassen verteilt.

Die Null-Nummer ist ein ansprechendes, 68-seitiges Probestück mit grosszügigen Bildern in Farbe. Zu finden ist im Heft zum Beispiel eine «Kleine Taufrede auf ein neugeborenes Magazin» des Journalisten und Publizisten Constantin Seibt. Oder ein Essay zur Minderheitenfrage des Journalisten und Publizisten Willi Wottreng. Ein Doppelinterview mit dem Komiker Peach Weber und dem Unternehmer und Financier der Verdingkinder-Initiative Guido Fluri. Oder eine ganze Reihe von engagierten Statements zur Notwendigkeit der neuen Zeitschrift, unter anderen von Aline Trede, Remo Galli, Regula Stämpfli oder Alec von Graffenried.

Hand in Hand mit dem ganzen Mittelstand

«‘Helvezin’ will fundierte, ausgewogene und transparente Inhalte bieten.»

Beni Lehmann

An der Medienkonferenz vom 31. Juli wird der Herausgeber von «Helvezin», Beni Lehmann, als Filmemacher, Selfmademan und «engagierter Schweizer Bürger» vorgestellt. Er will, sagt er, nicht nur ein Magazin auf den Markt bringen, sondern eine «Bürgerinitiative» lancieren, die gegen die Frontenbildung nach der Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar 2014 das Gespräch wieder in Gang bringt. Das Magazin sei eine Plattform, die dazu diene, sich zuzuhören, sich gegenseitig zu verstehen und so gemeinsam Lösungen erarbeiten zu können. Bieten soll die Zeitschrift in Form von «Qualitätsjournalismus von Profis» «fundierte, ausgewogene und transparente Inhalte».

Ausgewogenheit umschreibt Lehmann so: «Man kann nicht von Konsens, Dialog und Respekt reden und dann einen politischen Gegner nicht zu Wort kommen lassen und so ausgrenzen.» Darum hat in der Null-Nummer auch der SVP-Ständerat Hannes Germann seine Seite («Gelebte Vielfalt statt Gleichmacherei und Einfalt»).

Das «Helvezin»-Konzept klingt wie eine liberale Sonntagspredigt. Aber dass hinter Beni Lehmann ein freisinniges Netzwerk steht, das mit einem überraschenden Gegenprojekt gegen die Blocherisierung der deutschschweizerischen Öffentlichkeit antreten will, scheint nicht der Fall zu sein. Eher ist «Helvezin» ein verdruckster linksliberaler Impuls von unten. Es ist, als solle mit dieser Zeitschrift publizistisch moderierte Mediation als Gesellschaftspolitik erfunden werden, als würden die sich verschärfenden Verteilkämpfe mit einer gepflegten Gesprächskultur aus der Welt geschafft. Eine Kultur, um die sich als «Helvezin»-Zielpublikum, so Lehmann, «mittelständische, ganz normale Menschen» bemühen sollen.

Flugvorbereitungen und Starttermin

Mit der Null-Nummer wird das Projekt zwar lanciert, aber die nächsten Monate sind reserviert für Überzeugungsarbeit, Mittelbeschaffung und dazu, «das Projekt zum fliegen zu bringen», wie Lehmann sagt. Regulär starten soll die Zeitschrift dann in einem knappen Jahr, am 1. Juli 2016. Erste Schwerpunktthemen betreffen gesellschaftliche Minderheiten wie die Welschen, die Bauern, die Tamilen, die Zigeuner, die verlassenen Kinder oder «die Tschinggen».

Erscheinen soll «Helvezin» in einer der drei folgenden Varianten:

• Luxusvariante: Monatsmagazin mit 116 Seiten und einer Auflage von 100'000 Exemplaren, mittelfristig in den drei Landesprachen deutsch, französisch und italienisch.

• Mittlere Variante: 8 Ausgaben pro Jahr mit 100 Seiten in einer Auflage von 75'000 Exemplaren.

• Minimalvariante: Zweimonatsmagazin, weniger als 100 Seiten in einer Auflage von 50'000 Exemplaren.

«Fünfzig Prozent der Auflage soll von Kolporteuren auf der Strasse gratis verteilt werden.»

Beni Lehmann

Und so kommt «Helvezin» unter die Leute: Die Zeitschrift ist weder am Kiosk zu kaufen, noch wird sie in Boxen oder Geschäften zum Mitnehmen aufgelegt. 50 Prozent der Auflage soll von «Kolporteuren und Kolporteurinnen» auf der Strasse gratis verteilt werden. Dazu sind 15 Prozent der Auflage als «Leseexemplare» reserviert, 30 Prozent sollen an die «Helvezin»-Vereinsmitglieder gehen, die als «Rückgrat des Finanzierungskonzepts» vorgesehen sind (zur Zeit liegt die Mitgliederzahl allerdings noch nicht beim angestrebten Wert von «irgendwo zwischen 7500 und 35'000», sondern im niedrigen dreistelligen Bereich). Ungefähr 2020 soll das Projekt dann «kostendeckend» produziert werden.

Siebenstelliges Luftschloss

An der Medienkonferenz wurde die Frage nach der Finanzierung dieses Projekts von einem Journalisten gestellt. Die Projektlancierenden hätten sie im Eifer des Gefechts als Quantité négligeable glatt vergessen anzusprechen.

Zu erfahren war: Genaue Zahlen wolle man nicht nennen, aber das Jahresbudget belaufe sich (je nach Variante) auf einen niedrigen bis mittelgrossen siebenstelligen Betrag (immerhin führt das Impressum für Redaktion, Bildredaktion, Layout und Lektorat an die 15 Namen – von Gratisarbeit steht da nichts). Generiert werden soll das nötige Geld zu einem Fünftel über Werbeeinnahmen, der Rest werde über die Vereinsmitgliedschaften von natürlichen und juristischen Personen zusammengetragen. Für die Anschubfinanzierung sollen Stiftungen und Mäzene einspringen. Vorgesehen sind zudem Crowdfounding und, «falls nötig», private Darlehen.

Bisher, das war bei Kaffee und Gipfeli im informellen Gespräch zu erfahren, ist die Produktion der vorliegenden Nullnummer erst zum kleineren Teil finanziert. Gegen Ende der Medienkonferenz hat Herausgeber Beni Lehmann betont: «Wir können dieses Projekt nicht machen, wenn die Leute die Idee nicht aufnehmen. Wir sind nichts ohne die Leute. Gesichert ist das Projekt noch nicht.»