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Journal B

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Eine Schreibwerkstatt mit Folgen (bisher 83)

Das «Kuckucksnest», Berns «andere Zeitschrift der Psychiatrie-Erfahrenen», wird zwanzig Jahre alt. Und einer seiner langjährigen Redaktoren, Walter Schaller, hat mit «Fundstücke» seinen ersten Lyrikband veröffentlicht.

Am Anfang der «Kuckucksnests» stand ein Sozialarbeiter von mitreissender Mitmenschlichkeit: Rolf Joggi (1960-2001). (Foto: Sammlung Jolanda Heini/Marco Häberling, Bucine [IT])

In der neusten Ausgabe des «Kuckucksnests» gibt’s ein eindrückliches Gedicht in Oberwalliser Deutsch. Darin finden sich die Zeilen: «Ich löufu uber die Brigga / Bi jedum Schritt fühl ich mich schwerer / wo landi hiä? […] Gseh nix meh / Tränä inä Öigä / Verloru / Verluffu / Ich süachu dr Wäg / und findu nur Schnee […]».

Das «Kuckucksnest» ist die «andere Zeitschrift der Psychiatrie-Erfahrenen». Sie erscheint ungefähr vier Mal pro Jahr in einer Auflage von 320 Exemplaren (davon 110 abonnierten). Die eben erschienene Nummer 83 ist die Jubiläumsausgabe zum zwanzigjährigen Bestehen der Zeitschrift. Die erste Nummer erschien im Februar 1995 – damals noch mit dem Untertitel «Die andere, unabhängige Zeitung von Psychiatrie-Patient/innen».

Am Anfang war das Schreiben als Selbsttherapie

Die erste Zeit des «Kuckucksnests» hat auch etwas mit meiner eigenen Berufsbiografie zu tun. Am 3./4. Dezember 1994 half ich zusammen mit dem psychiatrieerfahrenen Schriftsteller H. U. Müller in der «Wunderbar» eine Schreibwerkstatt durchzuführen. Die «Wunderbar» befand sich in einem alten Bauernhaus auf dem Waldau-Areal und war eine Mischung zwischen Cafeteria und grosser WG-Stube (heute ist darin die «Kunstwerkstatt» untergebracht). In meinen Unterlagen liegen die «Schreibbiographien» und «Bildbeschreibungen», die die neun Werkstatt-TeilnehmerInnen damals verfasst haben (unter ihnen war zum Beispiel Philippe Saxer).

Am 8. Oktober 1996 war dann in der «Berner Tagwacht» zu lesen, diese Schreibwerkstatt habe den Ausschlag gegeben: «Die TeilnehmerInnen wollten weiterschreiben und eine Plattform schaffen für die Meinung aller PatientInnen.» So wurde die Idee einer Zeitschrift geboren, die man in Anspielung auf den amerikanischen Spielfilm «One Flew Over The Cuckoo’s Nest» (1975) «Kuckucksnest» nennen wollte. Als Berufsjournalist wurde ich beratendes Mitglied der Redaktion.

In der ersten Zeit habe ich ab und zu selber Beiträge geliefert. In der ersten Ausgabe zum Beispiel begründete ich unter dem Titel «Ich schreibe weiter. Und Du?», warum ich Schreiben als Selbsttherapie sinnvoll finde: «Geschriebene Wörter machen das Herz leicht, verschluckte verfaulen im Bauch. Nur gelebtes Leben macht lebendig, abgemurkstes Leben macht tot.» Ich weiss mit Bestimmtheit, dass ich damals ziemlich genau wusste, wovon ich sprach. Und ich bin dankbar, dass ich – wegen meines Schreibens und auch wegen den KollegInnen in der «Kuckucksnest»-Redaktion, von denen ich viel gelernt habe – nie eine Klinik als Notfall-Patient betreten musste.

Das Projekt «Kuckucksnest» kam in Fahrt (die Druckkosten übernahm die UPD). Am 7./8. Dezember 1996 leitete Beat Sterchi eine zweite Schreibwerkstatt. Im Sommer 2000 zog ich mich aus der Redaktion zurück. Ich bin seither Abonnent der Zeitschrift geblieben und jedes Mal wenn eine neue Ausgabe eintrifft, nehme ich sie mit Freude zur Hand – und ein bisschen auch mit Wehmut.

Diese Wehmut hat vor allem mit Rolf Joggi zu tun. Joggi organisierte als Sozialarbeiter in der Waldau die erste Schreibwerkstatt, machte die Idee des «Kuckucksnests» in der UPD-Verwaltung mehrheitsfähig und nahm in der ersten Zeit selber stets gut gelaunt und motivierend an den Redaktionssitzungen teil. Rolf war nicht nur ein guter Kollege, er war ein tatkäftiger Profi, begabt mit einer mitreissenden Menschenfreundlichkeit. Ohne ihn gäbe es das «Kuckucksnest» nicht. Am 21. Juli 2001 ist er, erst 41-jährig, während einer Motorrad-Tour in Tansania bei einem Unfall ums Leben gekommen.

Mitarbeitende sogar in Deutschland

Herausgegeben wird das «Kuckucksnest» heute vom Freizeitzentrum metro der UPD Bern (einer professionalisierten Weiterentwicklung der «Wunderbar»), das seit zwölf Jahren im ehemaligen Kohlenkeller des Hauptgebäudes untergebracht ist.

Geleitet wird dieses Zentrum von Jessica Zingg, die auch als Redaktionsleiterin des «Kuckucksnests» amtet. Sie erzählt: «Zur Zeit wird die Redaktion von sechs sehr engagierten und motivierten Leuten gebildet, die alle drei Jahre oder mehr dabei sind.» Pro Heft gebe es zwei Sitzungen. In der ersten würden die eingegangenen Text- und Bildbeiträge gesichtet und diskutiert, die unterdessen nicht nur aus der Klinik, sondern aus der ganzen Schweiz und sogar aus Deutschland eintreffen. In der zweiten Sitzung werde dann das Heft zusammengestellt, wobei der Text-Bild-Ablauf immer zu spannenden Diskussionen führe, wobei sie selber inhaltlich nicht mitrede – «diese Zeitschrift ist Sache der Psychiatrie-Erfahrenen». Bloss ab und zu, wenn es in der Hitze des Gefechts sehr laut werde, versuche sie zu moderieren.

Zurzeit hat das «Kuckucksnest» wie der ganze Freizeitbereich seinen unbestrittenen Platz in der UPD: Solange sie nicht ins Kerngeschäft pfuscht und bezahlbar ist, mag’s auch ein bisschen Sozialpsychiatrie leiden. Eine andere Frage ist, ob sich die nicht kostendeckenden Angebote des Freizeitzentrums werden halten können, wenn der Kanton Bern 2017 seine psychiatrischen Kliniken privatisiert. 

Minnebrief an das Leben

An die zweite «Wunderbar»-Schreibwerkstatt mit Beat Sterchi kam im Dezember 1996 auch ein grosser, schlanker, stiller Mann, der in der Folge eine der Stützen der «Kuckucksnest»-Redaktion wurde. Er ist heute 55-jährig und heisst Walter Schaller. Unterdessen hat er als Lyriker sein Schreiben weiterentwickelt und mit «Fundstücke» einen Band mit «Gedichten aus Leidenschaft» herausgegeben. Er bietet gut achtzig in kurzzeilige freie Verse gegliederte Texte. Sie sind in die sieben Abschnitte «Auftakt», «Liebesgedichte», «Intermezzo», «Vergänglichkeit», «Krisenzeiten», «Zuspruchgedichte» und «Ausklang» gegliedert. Eines heisst «Blau» und lautet so:

   «Eine Blüte

   gewachsen

   aus des Himmels Bläue

   ist dieser Gedanke

   an eine solche

   Blüte selbst»

Schaller ist ein Lyriker, der wenig Aussenwelt braucht, um sein Inneres in die Sprache zu bringen. Und darum geht es ihm immer wieder: um einen Alltag, in dem es kein äusseres Handeln gibt; um eine Liebe, die hinter allen Bildern kein Du erreicht; um den Versuch, «unter den Trümmern / zusammengebrochener / Welten / nicht mehr / begraben [zu] liegen». Die grossen Katastrophen passieren inwendig: «Mein hungriges Herz / hat sich selbst / verschlungen». So ist man ausgehöhlt ausgesetzt: «Auf der Achterbahn / der Gefühle / bläst der Wind / stracks / durch mich hindurch // Was übrigbleibt / sind die Ruinen / einer früheren Identität».

Dagegen stellt Schaller seine «Lebenszeichen»: «Einen Minnebrief an / das Leben schreiben / und in glücklicher Liebe / aufblühn». Zwischendurch gelingt es ihm, sich zu Versen wie diesen zu überreden: «Heute ist’s mir gelungen / mich irgendwie / selbst zu mögen / ein grossartiges Geschenk». Wie er das macht, wird im zweiten Teil des Bandes allmählich erkennbar: durch Übung in buddhistischer Tradition, durch Meditation, durch «Mantrarezitation» und durch sein Schreiben. An einer Stelle beschreibt er sein Arbeitsmaterial, die Sprache, als Ungeheuer in einem tiefliegenden Kratersee: «Da sehe ich / ein Gurgeln und Wellenwogen / Wortfontänen Silberregen / ein Ungeheuer macht sich / tief dort unten Luft / wie Göttergebet / aus einem / verzweifelten Nichts».

Walter Schaller hat die Arbeit zur Kunst gemacht, mit der Sprache gegen das Unsägliche, das quält, anzugehen und dadurch Luft zu bekommen für einen Minnebrief an das Leben. Zu allen Zeiten ist ein Teil der Kunst genau so entstanden.

Walter Schaller: Fundstücke. Gedichte aus Leidenschaft, Frankfurt (Frankfurter Literaturverlag) 2014, 92 Seiten, ca. 15 Franken.