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Kunst-Stafette #36: Fridu Trochsler

Kunst-Stafette

Fridu Trochsler alias Anti Frost erinnert sich an die legendäre Kranich-Aktion vor der Reitschule in den 80er-Jahren. Das Schaffen von Freiräumen jenseits von Kommerz und Establishment ist dem Maler und damaligen Aktivisten auch heute noch ein Anliegen.

Kranich, 1982 oder 1983, Vorplatz der Reitschule, Bern. Auf dem Bild: der Vorplatz heute. (Foto: zvg)

Was hat dich damals zu dieser Aktion veranlasst?

Fridu Trochsler:

Wir waren daran, den Vorplatz der Reitschule in Anspruch zu nehmen. Wir begannen uns einzurichten und die Autos mussten zwischen Sofas und Matratzen parken. Und anstatt immer nur zu jammern, wollten wir auch mal was tun. Dazu kam, dass man damals nicht wie heute in der Nacht Essen kaufen konnte. Und Drogen. So zogen wir los, um uns unser Essen zu jagen. Zum Tierpark. Der Kranich war halt der, der stolperte, da er ja auch nur wegrennen konnte, weil er gestutzte Flügel hatte. Nach der Brücke rupften wir ihn und zogen durch die Stadt zurück auf den Vorplatz. Dort machten wir ein Feuer zwischen den Parkuhren, grillten ihn und begossen ihn reichlich mit Wein, bis er gar war. Auf einem grossen Fernseher lief ein Science-Fiction-Film über die Zukunft... Das Herz steckte ich an den Schnabel und legte es dem damaligen Polizeidirektor in den Briefkasten. Das brachte wohl das Fass zum Überlaufen und die Reitschule wurde zwei Jahre lang mit Stacheldraht umzäunt. Mich kostete der Kranich zwölfhundert Franken und drei Monate Knast. Die Reitschule ist immer noch in guten Händen und dies ist gut so. Die Stadt kann es sich gar nicht leisten, sie zu schliessen. 

Welchen Raum brauchst du für deine Kunst? 

FREIRAUM! Leerstehende Fabriken, Brachland, Strassen und Abbruchobjekte. 

Sind gesellschaftliche Fragen Thema deiner Kunst?

Ja klar. Und in unserer damaligen Situation - ein gefangenes Tier zu holen und zu essen ist ja schon so eine Sache - umso mehr. Es war ein wichtiger Schritt in eine gute Richtung: Sttatt sich zu prügeln sich ernähren!

Suchst du die Öffentlichkeit?

Nein, die geht mir «aufs Gäder». In der Öffentlichkeit gehst du unter, da bist du einfach einer von vielen... Ich bin gern mit Gleichgesinnten und umgänglichen Menschen zusammen, die mitreden und wirken. 

Wo siehst du Potenzial zur Nutzung des öffentlichen Raums?

Ein Riesen-Potential sehe ich! Schaut euch schon nur alle Strassen, Autobahnen, Fabriken, Bürohochhäuser an, die leer stehen! All die Kuhweiden. Alles Raum, der belebt werden könnte!

Welches ist dein persönlicher Hotspot in Bern?

Der Sleeper beim Henkerbrünnli, wo Menschen zur Not nächtigen können und die Gassenküche seit 30 Jahren alle Abende offen hat für mittelschwache Mitmenschen. 

Die nächste Kunst-Stafette erscheint am 2. Juni mit Sonja Venetz.