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Kunst-Stafette #35: Hofer & Oppliger

Kunst-Stafette

Mit dem Kulturbus BiLLi lancierten Sophie Hofer und Mariann Oppliger eine Aktionsplattform, die sich trotz einzuhaltender Fahrpläne erfolgreich als Irritation an der Schnittstelle von Kunst und Öffentlichkeit behauptete.

  • Kulturbus BiLLi, 2013-2014, Biel. (Foto: zvg)
  • Kulturbus BiLLi, 2013-2014, Biel. (Foto: zvg)

Was hat euch zu dieser Arbeit veranlasst?

Mariann Oppliger und Sophie Hofer:

Untypischerweise war BiLLi eine Auftragsarbeit. Die Verkehrsbetriebe Biel wünschten sich einen Kulturbus  - dabei dachten sie in erster Linie an eine künstlerische Aussengestaltung - und stellten ein Fahrzeug zur Verfügung. Auf Umwegen wurden wir damit beauftragt, ein Konzept für den Kulturbus zu erstellen, und haben dann versucht, den Begriff neu zu definieren.

Zuerst einmal tauften wir den Bus auf den Namen BiLLi. Dies in Anlehnung an dümmliche - und so ganz und gar unkünstlerische - Maskottchennamen. BiLLi als Biels Kulturbus-Maskottchen. Dann holten wir weitere VertreterInnen aus den Bereichten Kunst, Musik, Literatur, Tanz und Grafik dazu, welche wiederum ungefähr sechs Positionen einluden, im Bus verschiedenste Interventionen durchzuführen. So entstand ein sechsmonatiges Programm mit wöchentlich wechselnden BiLLi -Aktionen. Uns interessierte daran, innerhalb der mehr als engen Rahmenbedingungen, einen nach unserem Verständnis von Kunst und Öffentlichkeit spannenden und vor allem lebendigen Kulturbus zu schaffen. Der Bus fuhr im normalen Fahrplan mit, Interventionen durften also weder den Fahrplan verzögern noch Fahrgäste irritieren, die Sicherheit beinträchtigen oder Haltestellenansagen übertönen. Diese Situation war geradezu paradox, denn eigentlich zielten die meisten Interventionen – oder Stunts, wie wir sie nannten –  darauf ab, das Publikum zu irritieren. Das künstlerische Ausloten der eng gesetzten Rahmenbedingungen war also irgendwie der Kern des ganzen Projekts.

Was für Aktionen fanden konkret statt?

Es gab zum Beispiel eine BiLLi-Soap in sechs Episoden, aufgeführt als Loopgespräch von einem Schauspielerpaar im Bus, oder ein Selbstversuch, von der ersten bis zur letzten Fahrt in BiLLi zu sitzen und so selber zum Bus zu werden. Weiter wurde das grüne Bieler Stadtoriginal Parzival eingeladen und Anleitungen zum Selbermachen eines GA aufgehängt. Mit dem heiteren Meringue-Wettbewerb wurde ein sinnloses Voting über die beste Meringue lanciert, mit BiLLi - Kaffefahrt für die Teilnehmenden. Beim Hörorgan - dem Format aus den Bereichen Musik und Literatur - konnten Passagiere via im Bus baumelnde Telefon- Kopfhörer eigens für BiLLi produzierte Stücke hören. Oder ein Tanzkollektiv provozierte mit seiner «Ode an die verpassten Busse» die Passagiere (ungewollt) zum Eingreifen. Eine intime Form der Kommunikation pflegte der verträumte Hase, der während einer Woche mit BiLLi und in den Strassen Biels unterwegs war.

Welchen Raum braucht ihr für eure Kunst? 

Felder, Schlafzimmer, Wälder und andere kunstfreie Räume. Im Fall von BiLLi war der Raum ein Bus mit goldenen Felgen und Stickern auf dem Heck sowie die Lokalzeitung, in der wöchentlich ein BiLLi-Tagebuch veröffentlicht wurde. Und der See, in welchen der Bus am Karfreitag 2014 geflüchtet ist, weil wir ihn als Projektabschluss nach einer Prozession verbrennen wollten. Dort liegt er nun als halbtotes Kulturbusgespenst.

Sucht ihr die Öffentlichkeit?

Ja, nicht lauthals, aber mit BiLLi versuchten wir ganz klar Leute zu erreichen. Was wir dabei an diesem Projekt besonders geschätzt haben, war, dass das BiLLi-Publikum nicht einen Kunstraum betreten hat, sondern einen Bus, um von A nach B zu gelangen. Es war ein zumeist unfreiwilliges Publikum, gleichzeitig hatten wir nicht den Anspruch, dass alle Aktionen als Kunst wahrgenommen werden. Und dann gab es noch die «We Love BiLLi»- Fangemeinde: Ein künstliches Konstrukt als unser persönlicher Beitrag, der auch das Erreichen einer erweiterten, kunstspezifischeren Öffentlichkeit erlaubte.

Wo seht ihr Potenzial zur Nutzung des öffentlichen Raums?

Im Subversiven und Mehrschichtigen. In den Legenden und Geschichten, die sich um etwas stricken. Eine Kulturschaffende behauptete, BiLLi habe es gar nicht gegeben, weil sie immer an der falschen Haltestelle oder zur falschen Zeit gewartet hat und nur über Medien und persönliche Erzählungen etwas davon mitgekriegt hat. Ein Buschauffeur beklagte sich über Schauspieler, welche die Weiterfahrt verzögert und eine Aufruhr im Bus gestartet haben. Unsere Nachforschungen haben ergeben, dass es sich dabei nicht um eine Aktion von SchauspielerInnen, sondern um ein spontane «Performance» von Fahrgästen handelte. Andere Fahrgäste wurden von einem beteiligten Künstler belauscht, als sie sich für ein Verbot von Kunst in öffentlichen Bussen stark machten. Auslöser war ein Plakat im Bus, auf das man seine Hand halten konnte, um nachher alles klarer sehen zu können. 

Wir waren zum Teil auch erstaunt über das vorhandene Konfliktpotential. Vereinfacht lässt sich sagen, dass sich diejenigen, die dem Kulturbus von Beginn an positiv gesinnt waren, gerne noch explizitere und provokantere Aktionen gewünscht hätten. Andererseits fühlten sich diejenigen, welche das Projekt als solches einen Blödsinn fanden, schon durch kleinste Abweichungen gestört. In einem künstlerischen Dialog, der unter diesen Voraussetzungen geführt wird, sehen wir grosses Potential.

Welches ist euer persönlicher Hotspot in Bern?

Der Vorplatz der Reithalle. Und die Geschichte mit dem Kranich dazu.

Die nächste Kunst-Stafette erscheint am 5. Mai mit Fridu Trochsler.