Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Die 2658 guten Risiken des Buchhalters Renner

Der neue Roman von Jürgen Theobaldy heisst «Rückvergütung»: Die Geschichte vom Vertrag D 2010 der Krankenkasse «Corsa» in Veltwil ist auch ein Lehrstück über die kriminelle Energie von Mitarbeiterloyalität.

Renner ist der Mann der Stunde: Als bei der mittelgrossen Krankenkasse «Corsa» in Veltwil, das unschwer als Bern zu erkennen ist, der 53-jährige Buchhalter an einem Herzversagen stirbt, bewirbt er sich um die Stelle und wird angestellt. Denn er hat eine interessante Referenz, wie «Corsa»-Direktor Muhrer dank den diskreten Recherchen einer Detektei weiss: Seinen letzten Job hat Renner verloren, weil er bei einer Bank für einen unter Druck geratenen Kollegen ein Dokument vordatiert und mit dieser Urkundenfälschung bewiesen hat, dass seine Loyalität über die engen Grenzen der Legalität hinausreicht.

Renners Einstieg ins Versicherungsgeschäft

So beginnt der neue Roman «Rückvergütung» des Romanciers und Lyrikers Jürgen Theobaldy. Zuletzt hat er seine deutsche Romantrilogie «Sonntags Kino» (1978), «Spanische Wände» (1981/84) und «Aus nächster Nähe» (2013) abgeschlossen. Nun präsentiert er nach dem Roman «Trilogie der nächsten Ziele» (2003) mit «Rückvergütung» einen zweiten, sehr spezifisch schweizerischen Stoff. Dass auch daraus eine Romantrilogie werden könnte, hat er gegenüber Journal B bereits im Sommer 2013 festgehalten.

In «Rückversicherung» wird Renner also neuer «Corsa»-Buchhalter und ist damit auch zuständig für den geheimnisvollen Vertrag D 2010, mit dem die Krankenkasse von einem unterdessen spurlos verschwundenen Versicherungsmakler exakt 2658 Versicherte übernommen hat, allesamt Betagte weit über dem Pensionsalter. Das sind in dieser Branche eigentlich schlechte Risiken. Allerdings verursachen sie, wie Renner schnell feststellt, keinerlei Kosten und sind deshalb ein lukratives Geschäft: In der Schweiz gibt es zwischen den Krankenkassen einen Risikoausgleichsfonds, der Geld von den Kassen mit vielen guten Risiken zu Kassen mit vielen schlechten Risiken umverteilt. Dank des Vertrags D 2010 ist dieser Fonds für «Corsa» eine sprudelnde Quelle.

Renner kommt aber gar nicht dazu, sich über diesen Vertrag zu wundern. Er wundert sich über anderes: zum einen darüber, wie leicht es ihm als glücklich verheiratetem Familienvater mit Lust auf mehr gelingt, die Frau seines Direktors zu seiner Geliebten zu machen. Zum anderen darüber, dass ihn der von ihm hintergangene Muhrer zur gleichen Zeit bittet, den 2658 Versicherten des Vertrags D 2010 nach Massgabe der statistischen Wahrscheinlichkeit Krankheiten und Unfälle anzudichten, damit’s nicht auffällt, dass es sie nicht gibt.

Für diese firmenloyale Drecksarbeit darf sich Renner ein schwarzes Konto für Bonuszahlungen zulegen. So ist er, kaum hat er seinen neuen Schreibtisch bezogen, Mitwisser und Mittäter – vom Chef finanziell und von dessen Frau emotional abhängig.

Die harte Arbeit um das Firmenwohl

«Rückversicherung» ist ein Krimi aus dem Milieu der Versicherungsbranche. Entsprechend schreibt Theobaldy, der in anderen Romanen eine dichte lyrische Prosa verfasst hat, diesmal eine unauffällige Sprache im Dienst eines streng komponierten Plots. In sachlich-lakonischem Ton skizziert er Interessenlagen und Motive, die jeweils das Bisherige notwendig und das Folgende plausibel erscheinen lassen.

Renners Geschichte erhält so etwas Unausweichliches. Der Protagonist findet sich bei «Corsa» in eine Maschine eingespannt, in der ihm seine eigene Vernunft gebietet, sich beruflich und privat fremdbestimmen zu lassen – vom Chef, von dessen und von seiner eigenen Gattin, die als Idealbild einer klugen, integren und konsequenten Frau gezeichnet ist.

Betroffen macht beim Lesen, wie realitätsnah und plausibel nicht nur Renners, sondern auch das Handeln der operativen Krankenkassenleitung erscheint. Theobaldys Plausibilisierung der Motive führt dazu, dass man beim Lesen zunehmend Verständnis dafür bekommt, dass eine mittelgrosse Krankenkasse auf beiden Seiten der Legalität hart arbeiten muss, um Gewinne zu optimieren und so weiter im Geschäft zu bleiben. Und diese harte Arbeit muss halt von jemandem gemacht werden.

Man leidet mit, dass Renner bald in Schwierigkeiten gerät: Neben dem Vertrag D 2010 taucht ein Posten guter Risiken auf, die zwar versichert sind, aber dem Risikoausgleichfonds nie gemeldet wurden. Dann zieht sich die Frau des Chefs als Geliebte Knall auf Fall zurück. Dann wird bekannt, dass die staatliche Revisionsstelle personell aufgestockt wird und mit exakteren Kontrollen zu rechnen ist. Dann informiert die Frau des Chefs Renners Ehefrau über ihren Seitensprung. Und dann fliegt der «Corsa»-Betrug wegen eines läppischen Denkfehlers auf, den man selber zweifellos nach Kräften mitgeholfen hätte zu vermeiden, wäre man «Corsa»-Mitarbeiter und nicht Leser des Romans.

Theobaldys Roman ist nicht nur ein Krimi. Er ist auch ein Lehrstück über den Preis, den wohl viele eisern schweigend zu zahlen bereit sein müssen, wenn sie beruflich noch ein bisschen weiterkommen wollen. Ihnen sei dieser Roman insbesondere ans Herz gelegt: Hier erzählt einer, der sich die Mühe gemacht hat, ihre Schäbigkeit zu durchschauen.

Für alle anderen ist das Buch ein Lesevergnügen.

Jürgen Theobaldy: Rückvergütung. Roman, Heidelberg (Wunderhorn), 146 Seiten, 28.90.