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Die Kunst der frechen Fragen an die Kunst

In der Berner Kunsthalle machen Schulklassen für andere Schulklassen Führungen durch die aktuelle Ausstellung. Unterwegs mit TertianerInnen aus dem Gymnasium Muristalden.

Das Dhaulagiri-Massiv zwei Monate vor dem Überstrichen-Werden: Verständigung über die Vergänglichkeit von Kunst. (Foto: Fredi Lerch)

Die heutige Führung durch die Kunsthalle machen achtzehn TertianerInnen des Gymnasiums Muristalden mit dem Schwerpunktfach «Bildnerisches Gestalten» (Lehrerin: Kathrin Haldimann). Ihr Publikum sind Zweitsemester-StudentInnen aus der Pädagogischen Hochschule (Dozentin: Myrjam Loepfe). Zu sehen ist Donatella Bernardis Ausstellung «Morgenröte, aurora borealis and Levantin: into your solar plexus».

Für die Ewigkeit Gerahmtes und Bröckelndes

Schnell bilden sich fünf, sechs Gruppen — immer drei und drei aus beiden Klassen. Man betritt einen der Ausstellungsräume, stellt sich in einen Kreis und macht, wie es sich gehört, eine Vorstellungsrunde. Dann geht’s los. Allerdings erklingen nun nirgends wohl artikulierte und formulierte Vorträge. Man sieht junge Leute im Gespräch, Fragen und erklärende Statements sind beiläufig und kurz; dazwischen darf auch geplaudert werden, immerhin lernt man sich gerade kennen, und eigentlich sind ja alle in der gleichen Situation: im Unterricht. Manchmal sieht man eine Gruppe gemeinsam schweigend vor einem Exponat stehen und schauen. Einmal sagt jemand: «Kunst ist schwierig zu verstehen.»

Vor einem grossen Wandbild wird ein fotografierter und am PC leicht veränderter Ausschnitt des gleichen Bildes auf Papier verteilt: Suche die Unterschiede! Im nächsten Raum kleben Post-it-Zettel neben einzelnen Bildern. Auf einem steht: «Das sieht interessant aus!», auf einem anderen: «Das sieht langweilig aus!» Ja, aber warum? So kommt man ins Gespräch. Vor gemalten Berglandschaften aus der Zeit um 1900 wird diskutiert, warum die einen Gemälde üppig vergoldete Rahmen hätten, die anderen nicht.

Und mehrmals – sicher ein Zufall – höre ich, wie die Vergänglichkeit zum Thema wird: Vor der im Entstehen begriffenen monumentalen Wandmalerei im Hauptsaal, die ein Basislager vor dem Dhaulagiri-Massiv im Himalaya zeigt, ist man beeindruckt, dass diese grosse, täglich weitergeführte Arbeit nach dem Ende der Ausstellung im Juni wieder überstrichen werden wird. Vor einem schwarzweissen Polizeifoto spricht eine tamilische Seconda in breitem Berndeutsch über Robert Walser, der auf dem Foto tot im Schnee liegt. Ist so etwas Kunst? Und vor der «Nougat»-Plastik von Katja Schenker, die einen Schnitt durch verschiedene, in Beton eingegossene Materialien zeigt, wird beobachtet, dass sich das unterdessen völlig vertrocknete Holz zusammengezogen und breite Risse geöffnet hat: «Es bröckelt schon ein bisschen.»

Auf der Suche nach dem eigenen Interesse

Speziell an dieser Führung: Die Führenden sind im Durchschnitt einige Jahre jünger als ihr Publikum, und im Gegensatz zu jenem haben sie als Ausbildungsziel nicht einen pädagogischen Beruf. Ganz offensichtlich geht es hier nicht um ein methodisch-didaktisches Praktikum.

Die Idee dieses Projekts hat die Kunsthistorikerin Julia Jost entwickelt. Sie ist in der Kunsthalle die Fachfrau für Kunstvermittlung (und selber Lehrerin). Das Projekt heisst: «Freche Fragen – Begegnung mit Gegenwartskunst». In mehreren Schritten bereitet sich dabei eine Klasse auf die Aufgabe vor, Führungen zu machen: Man lernt die Ausstellung schon während des Aufbaus und dazu das arbeitende Team und die Kunsthalle hinter den Kulissen kennen. Man setzt sich mit der Ausstellung nach Themen, Werkgruppen und Räumen auseinander. Man erhält Gelegenheit, mit dem Kurator oder der Künstlerin zu sprechen – in diesem Fall stand Donatella Bernardi für Informationen aus erster Hand zur Verfügung.

Erst nach dieser Einarbeitung wechseln die SchülerInnen ihre Perspektive und versuchen eine Strategie zu entwickeln, wie man andere Leute durch die Ausstellung führen könnte. Welchen Weg sie wählen, sei ihre Sache, sagt Julia Jost: «Es gibt nicht die eine, richtige Sicht auf Kunstwerke. Und es gibt mehr als eine Methode, Führungen zu machen.» Der Auftrag hat deshalb gelautet: «Versuch das zu vermitteln, was du selber am spannendsten findest.»

Einübung in freche Fragen

«Freche Fragen» ist ein anspruchsvolles Projekt, weil das Reden über Kunst in diesem Fall gleich doppelt schwierig ist: zuerst bei der Klärung der Frage: «Was interessiert mich?»; später, wenn es um die Frage geht: «Wie kann ich mein Interesse teilen?» Zudem hat – was die Sache nicht einfacher macht – die Einübung in das Reden über Kunst nicht nur einen integrativen, sondern auch einen ausschliessenden Aspekt.

Einerseits ermächtigt sie die Jugendlichen, sich vor einem Kunstwerk eine Meinung zuzutrauen, sie zu formulieren und weiterzugeben. So wird die Schwellenangst gesenkt, und es wird spannender, sich weiterhin für Kunst und Kunstausstellungen zu interessieren. Andererseits schafft diese Ermächtigung über Lektüre und Vergleich aber schnell ein Bewusstsein, dass man über Kunst zwar alles sagen kann, aber es viele illegitime und nur wenige legitime Arten des Redens gibt. Insofern Jugendliche ihr Ohr schulen, um die feinen Unterschiede in dieser Rede zu beherrschen, schulen sie auch ihr Distinktionsvermögen, das später mitbestimmen wird, mit wem man etwas zu tun haben möchte und mit wem lieber nicht.

Das Kunstvermittlungsprojekt «Freche Fragen» ist so gesehen eine Lerneinheit mit gesellschaftspolitischem Tiefgang. Jugendliche lernen (hoffentlich) auch, dass die frechsten Fragen, die man stellen kann, nicht selten die selbstkritischen sind. Zum Beispiel: Warum finde ich meine Kollegin (Kollegen sind mitgemeint) doof, bloss weil sie weniger geschult über ein Bild reden kann als ich? Helfen wird in dieser Situation nur eines: Mit der Kollegin auf gleicher Augenhöhe über das Bild reden, bis man sich versteht. Denn noch schwieriger als Bilder sind Menschen zu verstehen. Das zu wissen, gehört auch zur Kunst der Kunstvermittlung.