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Kunst-Stafette #34: Anja Braun

Kunst-Stafette

Als Aktion im öffentlichen Raum verteilte die Berner Künstlerin Anja Braun eine Zeitung mit Fotos aus Georgien unter Passanten in Paris: Ein Beitrag zum Diskurs über ein wenig beachtetes Land und die Relativität unseres westlichen Blicks.

Was hat dich zu dieser Arbeit veranlasst?

Anja Braun:

Im Herbst 2013 waren Wendelin und ich auf Reisen in Georgien. Ich war beeindruckt, wie direkt die Architektur ein sichtbares Zeichen des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs und Wandels vor Ort ist. Ich fotografierte auf der Reise unterschiedliche architektonische Situationen und Gebäude. Wir hatten interessante Begegnungen, Erlebnisse und Gespräche mit den Menschen dort und hörten viel über Georgiens Geschichte und aktuelle politische Situation. Die Fotografien sind Zeitzeugen der bewegten jüngeren Vergangenheit Georgiens. Viele zeigen Gebäude, die erst in den letzten Jahren im Zuge der Amtszeit von Micheil Saakaschwili (2004-2013) erbaut wurden. Diese von der jüngeren Georgischen Generation oft als  «Freakarchitekturen» bezeichneten Gebäude sind als Wahrzeichen des modernen Georgiens und als Symbol für die Öffnung nach Westen an vielen Orten im Land gebaut worden.

Letztes Jahr in Paris habe ich mit einer Auswahl von Fotografien eine Zeitung für den 26. Mai, den Unabhängigkeitstag Georgiens, entwickelt und in 400-facher Auflage gedruckt. Am 26. Mai 2014 habe ich 200 Zeitungen an öffentlichen Orten in Paris verteilt. Die Momente, an denen ich die Zeitung verteile, wurden von Wendelin fotografisch dokumentiert. Die gleiche Anzahl der Zeitungen, die ich kostenlos verteilt habe, lagen vom 2. bis 8. Juli in der Ausstellung Les voisins c‘est nous in der Cité Internationale des Arts Paris in Form einer Edition zum Preis von 5 Euro aus. Der Verkauf eines Editionsexemplars finanziert die Druckkosten eines verteilten Exemplars. Eine Edition besteht aus einer Zeitung und einer beigelegten Fotografie von der Aktion am 26. Mai in Paris. Die LeserInnen der Zeitung vom 26. Mai wurden über eine beiliegende Einladung zu einem Treffen am Donnerstagabend 5. Juni in der Ausstellung eingeladen. Ihre An- oder Abwesenheit an diesem Treffen war Teil der gesamten Aktion mit dem Titel 200 journaux pour Paris.

Wichtig war mir sowohl beim Verteilen der Zeitungen als auch bei dem Treffen, öffentlichen Austausch über ein Thema zu generieren, so wie wir diesen mit Menschen in Georgien hatten. In Paris konnte ich Menschen mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen begegnen. Die Fotografien in der Zeitung regten einen erweiterten Diskurs an, der mir half, meinen westlichen Blickwinkel wieder einmal zu hinterfragen!

Welchen Raum brauchst du für deine Kunst? 

Ich brauche eine Umgebung, die mich frei denken und arbeiten lässt. Dies können  Menschen, Orte und Räume sein. Das Atelier ist sicherlich ein zentraler Raum für mich. Der geschützte physisch reale Raum hilft mir die tagtäglich ein- und auftauchenden Gedanken zu bündeln und zu verdichten oder Dinge auszuprobieren, die man nicht im Kopf planen, sondern nur machen kann. Dieser Experimentierraum ist mir sehr wichtig. Hier bin ich frei und versuche gewisse gesellschaftliche Konventionen hinter mir zu lassen und neue anzudenken.

In meiner künstlerischen Arbeit interessiere ich mich sowohl für den physisch erlebbaren Raum als auch für den imaginären Denkraum. Oft ist es gerade der Gegensatz oder der Zwischenraum dieser beiden Bereiche, den ich thematisiere. Natürlich brauche ich als Künstlerin in unserer heutigen Gesellschaft auch finanziellen Freiraum. Da Arbeit in unserer heutigen Gesellschaft einen fundamentalen Wandel erfährt, werden Utopien wie das bedingungslose Grundeinkommen hoffentlich bald greifbarer.

Sind gesellschaftliche Fragen Thema deiner Kunst?

Da ich die Vorstellung habe, dass wir alle täglich von unserer Umgebung beeinflusst werden, bin ich der Meinung, dass Kunst immer mit Gesellschaft zu tun hat. Sicherlich thematisieren manche künstlerische Positionen gesellschaftliche Fragen offensichtlicher oder nehmen direkteren Bezug auf aktuelles gesellschaftspolitisches Weltgeschehen als andere. Aber am Ende ist es immer eine Frage der Interpretation der Betrachtenden und wie man die Dinge aufeinander bezieht.

Bei 200 journaux pour Paris ging es mir darum, Menschen ganz unvermittelt und direkt auf ein gesellschaftliches Thema aufmerksam zu machen und mit ihnen in einen Dialog zu treten. Der öffentliche Raum von Paris, in dem die Menschen generell die Nähe anderer Menschen aushalten müssen, war der ideale Ort dafür. Weiter birgt der öffentliche Raum das Potenzial, Menschen mit meiner Arbeit zu konfrontieren und dabei nicht zwangsläufig mit zeitgenössischer Kunst in Verbindung gebracht zu werden. Der Kontext ist ein anderer als der Ausstellungsraum, und somit vielleicht auch die damit einhergehende Handlungsnotwendigkeit. Inwieweit Kunst nicht nur reflektiert wird, sondern auch zum Handeln provoziert, ist eine Frage, die ich mir oft stelle. Bei der Zeitungsaktion bekam ich eine sichtbare Antwort. Von 200 Personen, die eine Zeitung am 26. Mai bekommen haben und die zum Treffen am 5. Juni eingeladen wurden, kam eine Person. Eine von 200!

Suchst du die Öffentlichkeit?

Meine künstlerischen Arbeiten treten in einen Dialog mit den Betrachtenden und Telnehmenden, die aufgrund ihrer individuellen Erlebnisse und Hintergründe die Arbeiten unterschiedlich wahrnehmen und interpretieren. Die Öffentlichkeit ist somit Teil und Gegenüber meiner Arbeit. 

Wo siehst du Potenzial zur Nutzung des öffentlichen Raums?

Am 26. Mai teilte ich morgens an der Metro Saint Paul neben den anderen Zeitungsverkäufern einige meiner Zeitungen aus. Ein Mann, der rasch die Treppen herauf schritt, nahm meine Zeitung und eilte weiter. Ich drehte mich nach ihm um und sah wie er die Zeitung aufschlug, eine Seite nach der anderen durchblätterte und dabei langsamer und langsamer wurde. Seite für Seite bis er am Ende stehenblieb, aufschaute und innehielt. Dann drehte er sich kurz zu mir um, bevor ich ihn im Menschengewusel aus den Augen verlor.

Welches ist dein persönlicher Hotspot in Bern?

Unter Wasser: in der Aare.

Die nächste Kunst-Stafette erscheint am 21. April mit Mariann Oppliger und Sophie Hofer.