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Geschichten von Verdingkinder-Kindern

«Auf der Suche nach der eigenen Geschichte»: Im Kornhausforum zeigt das Stadtarchiv Bern, was möglich wird, wenn sich ein Archiv ein bisschen weniger als Papier-Endlager, dafür mehr als Vermittlungsinstanz versteht.

  • Aus gesichtslosen Aktenbeständen im Keller des Stadtarchivs werden Geschichten… (Foto: Fredi Lerch)
  • …zum Beispiel die von Fritz Fischer (1941-2007)… (Foto: zvg)
  • …oder die von Urs Müller (1932-2006). (Foto: zvg.)

Im Kornhausforum geht es nicht um die Sensation der schlimmsten Verdingkinder-Geschichte (die bleibt vorderhand weitherum die Geschichte von Päuli Zürcher). Hier geht es um zwei ganz gewöhnliche Verdingkinder-Schicksale.

Trotzdem zeigt die Ausstellung des Stadtarchivs Bern Aussergewöhnliches: Unter dem Titel «Auf der Suche nach der eigenen Geschichte» werden zwei Verdingbuben-Schicksale aus drei verschiedenen Blickwinkeln gezeigt, von denen man kaum je alle drei gleichzeitig kennen kann: aus der Sicht der amtlichen Akten, aus der Sicht privater Dokumente und Gegenstände und aus der Oral History-Perspektive, die dank Videoaufnahmen mit je einer Tochter der beiden Verdingbuben dokumentiert wird.

Soziale Wirklichkeit der 1940er-Jahre

Das sind die beiden Geschichten: «Fritz Fischer» (* 1941) ist der Sohn eines tuberkulosekranken Bauarbeiters im Lorrainequartier. Nach dem Tod des Vaters 1944 kämpft seine Mutter mit Heimarbeit und als Taglöhnerin um ihre Kinder, bis sie, krank und mangelernährt, ins Spital kommt. Als Fritz knapp zehn ist, wird er verdingt. «Urs Müller» (* 1932) kommt 1937 in ein Kinderheim, weil der arbeitlose Vater beim Klauen erwischt wird und ins Gefängnis und die Mutter gleichzeitig krank und schwanger ins Spital kommt. Nachdem er 1941 bis 1944 mit den Eltern in der Riedern nordwestlich von Bümpliz leben durfte, wird er 12jährig bis zur Konfirmation verdingt.

Diese zwei Schicksale lernt man in der Ausstellung in einer Art Innenansicht kennen, die öffentlich weiterhin die Ausnahme bleiben werden:

• Solche Präsentationen sind wegen der überaus heiklen Frage der Persönlichkeitsrechte nur möglich, wenn Familienangehörige – in diesem Fall die beiden Töchter Daniela Jaussi und Liliane Rihs – aktiv an der Ausstellung mitarbeiten und so den Schutz durch Anonymität, soweit sie es für gut befinden, selber aufheben. (Beide lassen ihre Väter unter Pseudonym auftreten.)

• Den anderen Grund nennt die Ausstellungsmacherin Yvonne Pfäffli, die als Archivarin des Berner Stadtarchivs in letzter Zeit oft mit Familienangehörigen arbeitet, die Akten von Vorfahren suchen: «Ein Verdingkinderschicksal in der Familie ist nicht selten ein Tabu. Die Scham, Verdingkind gewesen zu sein, kann verhindern, dass die Erinnerung innerhalb der Familie weitergetragen wird.»

Sowohl Jaussi als auch Rihs sind auf der Suche nach Akten mit Pfäffli in Kontakt gekommen. Dass aus einem solchen administrativen Akt ein Vertrauensverhältnis und schliesslich diese Ausstellung entstehen konnte, ist nicht selbstverständlich.

Schönfärberisches in Wort und Bild

Die Innensicht der beiden Verdingbuben-Fälle wird in der Ausstellung kontrastiert von der Aussensicht jener beider Fotoreporter mit Berner Wurzeln, die die soziale Wirklichkeit von fremdplatzierten Kindern damals dokumentiert haben: Paul Senn (1901-1953) und Walter Studer (1918-1986).

Bernhard Giger, Leiter des Kornhausforums, weist darauf hin, dass die etwas früheren Bilder Senns, die er für die kritische Zeitschrift «Die Nation» machte, den sozialkritischeren Zugang zur Wirklichkeit zeigen als die späteren Studer-Bilder. Jene sind für die «Schweizer Illustrierte» entstanden und haben, so Giger, etwas «Schönfärberisches» – auch weil sie zum Teil als Illustration von propagandistischen Artikeln zugunsten der Heimerziehung und der Adoption verwendet wurden. Interessant ist, dass in den gleichen Jahren für fremdplatzierte Kinder der Begriff des «Pflegekindes» jenen des «Verdingkindes» definitiv verdrängt hat.

Spannend an dieser Ausstellung ist der Effekt, den das Angebot der drei Quellenebenen auf Betrachtende hat. Sie kommen nicht darum herum, die Quellen gegeneinander abzuwägen. Und plötzlich stehen sie vor den gleichen Fragen, die heute so viele Kinder von Verdingkindern umtreibt: Waren meine Vorfahren wirklich an allem selber schuld? Waren sie zu arm oder zu unwissend, um sich gegen die Behörden zu wehren? Oder gibt es Namen von Verantwortlichen; ein bigotter Pfarrer, ein bösartiger Amtsvormund, ein mieser Bauer? Oder sind einfach die anonymen Strukturen der damaligen sozialen Wirklichkeit verantwortlich? Oder war es höhere Gewalt, Schicksal, der liebe Gott? Wie war es wirklich? Was ist die Wahrheit?

Wer im Hinblick auf die am 19. Dezember 2014 eingereichte Wiedergutmachungsinitiative seine Meinungsbildung vorantreiben will, hat zurzeit Gelegenheit, das auf anregende Weise zu tun. 

Die Fürsorgeakten im Stadtarchiv

Im Stadtarchiv Bern liegt der vollständige Bestand der Fürsorgeakten von 1920 bis 1960, rund 300 Laufmeter Papier, zwischen 25000 und 30000 Falldossiers. Vor einem Jahr hat der Gemeinderat die konservatorische Sicherung und Erschliessung mit 28500 Franken unterstützt. Im Stadtarchiv schätzte man damals, mit dem Geld für die Forschung 5000 Falldossiers aufarbeiten zu können. 

Heute sind, so Stadtarchivar Roland Gerber, rund 1500 Falldossiers erschlossen, dass heisst: konservatorisch aufgearbeitet, nach Stichworten in der Datenbank erfasst und dazugehörende Schlüsseldokumente digitalisiert – insbesondere die datenreichen «Blätter des Informators» (ein solches Dokument kann im Anhang des Jahresberichts 2014 des Stadtarchivs eingesehen werden).

Heute ist für Gerber klar, dass die Annahme, der städtische Kredit würde für die Aufbereitung von 5000 Falldossiers reichen, «zu optimistisch» war. Sein Ziel heute: bis im Sommer 2015 gegen 3000 Dossiers bearbeitet zu haben. Er sagt, dass diese Menge für Forschungszwecke genügen werde.

Allerdings geht es nicht nur um die Bedürfnisse der Forschung: Die SP-Stadträtin Katharina Altas hat zur Frage der Aktenaufarbeitung eine Interpellation eingereicht und sich am 19. Februar 2015 von der gemeinderätlichen Antwort nur teilweise befriedigt erklärt: «Was nützt den Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, wenn im Stadtarchiv nur eine repräsentative Auswahl von Falldossiers für die Forschung erschlossen wird. Viele Betroffene, die als Kinder in die Mühlen des Behördenapparats geraten sind, müssen in jahrelanger Puzzlearbeit und mit Anfragen an verschiedene Behördenstellen den Lauf ihres Schicksals rekonstruieren.» Darum hat sie den Gemeinderat in ihrer Replik vor dem Rat gebeten, «dafür zu sorgen, dass alle Falldossiers innerhalb nützlicher Frist erschlossen werden».

Stadtarchivar Gerber versteht das Anliegen von Altas. Im Jahresbericht 2014 hält er selber fest: «Einen erheblichen Mehraufwand erzeugten vor allem jene Anfragen, die Betroffene fürsorgerischer Massnahmen oder deren Angehörige ans Archiv richteten. Der Grund für die aufwendigen Recherchen liegt darin, dass vor allem für die mehreren Tausend Personenakten im Fürsorgebereich kein adäquates Findmittel existiert.» Insofern wäre es nützlich, sagt er, wenn zumindest die Namen sämtlicher Personenakten elektronisch erfasst und auffindbar wären.

Denn dass der gesamte Aktenbestand weiterhin zur Verfügung stehen soll, ist unbestritten. Das Gerücht, dass die für die wissenschaftliche Forschung nicht benötigten Aktenbestände vernichtet würden, dementiert Gerber.