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«Andere leisten sich einen Mercedes»

Am kommenden Samstag erscheint die zweite Ausgabe von «Klaviar». Darin publizieren namhafte Autorinnen und Autoren ihre Texte. Treibende Kraft hinter der Kulturzeitschrift ist der Berner Fotograf Urs Hänsenberger.

Urs Hänsenberger, Herausgeber der Zeitschrift «Klaviar». (Foto: Naomi Jones)

Wer ist Ihr Lieblingsautor?

Urs Hänsenberger:

Ich lese nebst meiner Arbeit als Kommissionssekretär im Parlament viel. Einen Lieblingsautor könnte ich aber nicht nennen, denn ich lese sowohl theoretische Bücher als auch Krimis und Romane. Die Bücher von Dorothee Elmiger haben mich speziell begeistert. Ihre Bücher sind atmosphärisch. Am liebsten würde ich zu dem Schauplatz von «Einladung an die Waghalsigen» reisen, um die beschriebene Stimmung zu fotografieren.

Sie fotografieren selbst seit langer Zeit und haben bereits ausgestellt. Woran arbeiten Sie zurzeit?

Mein aktuelles Projekt heisst «Grün in Schwarz/Weiss». Ich fotografiere alle vier Wochen im Garten der Künstlerin Lilly Keller in Montet. Ich habe sie und ihren Garten kennengelernt, als die erste Ausgabe von «Klaviar» entstanden ist. Der Journalist Fredi Lerch machte ein Porträt über sie und sie lud mich mit ihm zusammen zum Mittagessen ein. Ich war sogleich von ihrem Garten fasziniert und wollte dort regelmässig fotografieren. Es ist verrückt, wie er sich im Lauf des Jahres verändert.

«Ich habe das Bedürfnis, surreal zu intervenieren.»

Urs Hänsenberger

Wie ist die Zeitschrift «Klaviar» entstanden?

Ich fühlte mich in der Galerie «raum» kulturell ein wenig zu Hause. Dort stellte ich meine Fotografien aus und gab den Anstoss für Ausstellungen mit der Pariser Fotografin Sophie Elbaz und der Pragerin Véra Koubova, von der wir Bilder in der zweiten Ausgabe von «Klaviar» zeigen können. Sie hat ein wunderbares Gefühl für Licht und Schatten und macht sehr poetische Bilder. Gleichzeitig ist sie Übersetzerin, beispielsweise von Kafka oder Jandl. Als der «raum» schloss, suchte ich mit meinem Freund Carlo Laeri nach einer Möglichkeit, den kulturellen Austausch, wie er im «raum» stattgefunden hatte, zu erhalten. Das Spezielle an diesem Ort war, dass sowohl Literatur und Kunst als auch Musik und gesellschaftspolitische Diskussionen zusammenkamen. Im Anschluss an eine Lesung oder Vernissage wurde jeweils ein Apéro serviert, wo immer wieder intensive Diskussionen geführt wurden. Weil das Weiterführen des «raums» für uns nicht möglich war, hatten wir die Idee einer Zeitschrift, die eine Art Passerelle sein sollte, bis irgendwo ein neuer Raum des kulturellen Austausches entstehen würde.

Welches Konzept steht hinter «Klaviar»?

Wir haben kein geschlossenes Konzept. Das Konzept sind wir, die Machenden. Das bin im Moment vor allem ich, Tobias Bauer und Simone Haug, nachdem Carlo Laeri aus zeitlichen Gründen aussteigen musste. «Klaviar» ist ein sehr persönliches und kleines Projekt, das wir selber finanzieren. Leider kommuniziert eine Zeitschrift nur in eine Richtung. Ich möchte deshalb zwei bis drei Mal im Jahr eine Lesung oder Ausstellung unter dem Label «Klaviar» organisieren. Im Moment habe ich dazu noch keinen geeigneten Ort. Immerhin liest an der Vernissage Michael Fehr, das ist schon ein Anfang.

«Man sollte im Leben nicht bei allem an die Rendite denken.»

Urs Hänsenberger

Nach welchen Kriterien haben Sie die Autorinnen und Autoren für das neue «Klaviar» angefragt?

Angesichts des tagespolitischen Diskurses in den Medien und des vielen Schwachsinns reizt es mich, surreal zu intervenieren. Bei den Autorinnen und Autoren, die wir angefragt haben, ist viel Abgründiges und Humorvolles zu finden. Sie dürfen auch politisch sein. Aber das ist nicht zwingend. Hier bietet sich eine Nora Gomringer richtiggehend an. Sie ist sprachlich und intellektuell eine kritische Virtuosin. Es ist eine Freude. Oder Christoph Simon, der oft unglaublich subversiv ist.

Was motiviert Sie zu diesem Engagement?

Ich wünsche mir ein lebendiges Netzwerk im Bereich Kunst und Kultur. Neben meiner Stelle im Parlament habe ich dafür zu wenig Zeit. Aber ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als ein Projekt mit engagierten Leuten, Künstlern und witzigen Intellektuellen. «Klaviar» ist ein erster Beitrag dazu. Ich kann es mir leisten. Andere leisten sich einen Mercedes, den ich nicht will. Man sollte im Leben nicht bei allem an die Rendite denken.