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Himalaya im Bauch: Bernardis Sehschule

Kunsthalle-Direktor Fabrice Stroun ist weg, seine Nachfolgerin Valérie Knoll trifft im April in Bern ein. Für die Übergangszeit hat die Kuratorin und Künstlerin Donatella Bernardi eine Ausstellung als ergebnisoffenen Prozess inszeniert.

Soweit der eigene Bauch reicht: Das Dhaulagiri-Massiv in Nepal. (Foto: zvg, David Aebi)

Donatella Bernardi ist die Kuratorin ad interim der Kunsthalle Bern. Ihr Projekt heisst «Morgenröte / Aurora borealis / and Levantin / into your solar plexus». An der Medienkonferenz hat sie durch ihre kuratorische Inszenierung geführt und gesagt, sie zeige «nicht in jedem Fall die beste Kunst, sondern kulturelle Dokumente, um eine Geschichte zu erzählen».

Was Bernardi bis zum 7. Juni zeigt, ist ein Gesamtkunstwerk, das man statt als Ausstellung präziser als ergebnisoffenen Prozess bezeichnen könnte. In der Ausstellung wird man auch Kunstschaffende bei der Arbeit treffen: Im Hauptsaal zum Beispiel arbeitet die Kuratorin in den nächsten Wochen mit der italienischen Freskomalerin Sara Baldis an einer monumentalen Wandmalerei, deren Skizze ein Basislager vor dem Dhaulagiri-Massiv, einem Himalaya-Achttausender, zeigt.

Mit Bildern erzählen

Wo Geschichten erzählt werden, geht es auch um narrative Strategien. Jene Bernardis spiegelt sich im Ausstellungstitel, den man zum Beispiel so verdeutschen könnte: «Morgenröte, Polarlicht und der Weg nach Osten in deinem Sonnengeflecht.»

«Morgenröte» ist im ersten Ausstellungsraum auf Gustave-Auguste Jeannerets grossformatigem Gemälde «Lever le rideau» zu sehen – für Bernardi öffnet der Begriff aber, wie sie sagt, ein Assoziationsfeld, das vom Mythos, den Vorfahren und der Herkunft bis zur nationalen Identität reicht. Das Polarlicht «Aurora borealis» steht für den aktuellen Lebensmittelpunkt der schweizerisch-italienischen Doppelbürgerin Bernardi, die als Professorin in Stockholm am königlichen Kunstinstitut lehrt. «Leventin» – für Levante, «Morgenland» – steht für jenen Teil der Welt, dem man in der Ausstellung mehrfach begegnet: vom Nahen Osten bis nach Nepal.

Die Begriffsreihung im Titel gibt einen Hinweis auf die narrative Strategie der Kuratorin: Sie reiht die Ausstellungsobjekte als Assoziationsmaterial ohne deutende Grammatik. Die Erzählung, die sich daraus ergibt, ist zwar Bernardis Erzählung, aber niemand wird aus der Ausstellung deren Erzählung herauslesen, sondern entweder seine eigene oder gar keine. «Solarplexus» steht deshalb für die Ermunterung an den eigenen Bauch, in Bernardis subjektiver Weltwahrnehmung und -spiegelung die eigene Erzählung zu finden.

Materialanhäufung mit Kunstwerken

Eine andere Begriffsreihung Bernardis betrifft die Namen der Ausstellungsräume: «Syrischer Portikus», «Alpen», «Heimweh», «Sisyphos», «Mutter-Tochter», «Botanische Kunststoffe», «Loslassen». Entlang dieser metaphorischen Wegweiser ist vieles zu sehen: Von der «Tauffahrt im Berner Oberland im Winter» von Hans Bachmann (1890) bis zum Polizeifoto des toten Robert Walser im Schnee; von zwei Reihen Kunsthalle-Ausstellungsplakaten bis zu Werken der libanesischen Malerin und Bildhauerin Saloua Raouda Choucair; von Bernardis Wettbewerbsmodell für die Gestaltung der Rückseite des Zürcher Landesmuseums bis zu Katja Schenkers Plastik «Nougat», die so heisst, weil sie so aussieht, jedoch nicht aus Kakao und Haselnüssen, sondern aus Holz, Harz, Teer und Beton besteht; von der Projektion von 5298 Landschafts-Dias (unterlegt mit einer Musik- und Toninstallation von Franz Treichler), die der Vater Luciano Bernardi, ein Faschist, nach dem Zweiten Weltkrieg im südamerikanischen Exil gemacht hat bis zu dessen gelbstichigem Schnappschuss eines anonymen Strassenverkäufers in Venezuela, der ein kleines, schwarzes Oberlippenschnäuzchen trägt und von Bernardi deshalb als «Der kleine Hitler» angesprochen wird.

Das «Kunstforum» Nr. 217 hat Carolyn Christov-Bakargievs Inszenierung der Documenta 13 in Kassel 2012 als «eine als Kunst- und Welterklärungsveranstaltung getarnte hypertrophe Variante des Modells ‘Illustrierte’» kritisiert. Für einen Moment stand ich in Bernardis dispersen Materialkonstellationen und war überzeugt, auch hier in einer solchen «Anything goes»-«Illustrierten» zu stehen, aus der man alles und sein Gegenteil herauslesen könne.

Das Engagement des Wissenwollens

Beim zweiten Hinschauen veränderte sich mein Eindruck: Hier wird nicht das Bestverkäufliche, Zeitgeistigste oder bestunterhaltende Irgendwas gezeigt. Bernardi versucht – bis in die kompromittierende eigenen Familiengeschichte hinein – ihre Welt befragend zu thematisieren. Zwar reicht diese Welt, weil Bernardi aus einem bürgerlichen Milieu stammt, von Südamerika bis zum Himalaya – aber es ist doch bloss ihre subjektive. 

Diese Instrumentalisierung von Kunstwerken und Dokumenten zur Inszenierung des radikal eigenen Blicks ist für Martin Bieri im «Bund» ein «durch und durch romantisches Projekt». Könnte es nicht auch ein durch und durch politisches Projekt sein? Ist es möglich, dass es neben einem männlichen Politikbegriff des Rechthaben-Wollens ohne Engagement (dem Engagement an sich romantisch vorkommt) einen weiblichen gibt, der unter Einsatz des eigenen Lebens nicht Recht, sondern eine lebbare Welt haben will? Und, wenn es so wäre: Könnte die Differenz zwischen «romantisch» und «politisch» demnach eine geschlechtsspezifische Komponente haben (nicht nur in der Kunst)?

Während ihrer Führung hat Donatella Bernardi en passant einen Historiker erwähnt, der aus der Französischen Revolution folgende Lehre gezogen hat: «Ein Ereignis kann man erst danach erkennen.» Nicht auszuschliessen ist, dass – wer sich bis Anfang Juni mit diesem ergebnisoffenen Prozess auseinandersetzt – ihn später wenn nicht als «ein Ereignis», so doch als «sein Ereignis» erkennen wird.