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Journal B

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Ein tönendes Denkmal für Trina Rüdi († 1654)

Der Journal-B-Klangkolumnist Balts Nill und die Schriftstellerin Melinda Nagj Abondji erinnern mit Klängen und Texten an eine Frau, die in den Averser Hexenprozessen hingerichtet worden ist.

Die Gemeinde Avers liegt in einem Bündner Seitental und zieht sich bis über 2100 Meter nach Juf hinauf. Hier gibt es den Verein «die bühne von avers», der Künstler und Künstlerinnen dazu anregt, sich in die Protokolle der Averser Hexenprozesse (1652-1664) zu vertiefen und Material daraus in zeitgenössische Kunstwerke zu transformieren.

2011 lud der Verein Balts Nill und Melinda Nagj Abondji zum «hexperiment VI» ein. Die beiden setzten sich im besonderen mit den Akten der Trina Rüdi auseinander: Diese junge Frau war 1652 vor Gericht gestellt worden, denunzierte «vor, in und nach der Folter» ein knappes Dutzend Personen, kam vorübergehend frei und wurde zwei Jahre später in einem zweiten Prozess doch verurteilt und in der Waldlichtung «Galgaboda» hingerichtet.

Erarbeitet haben Nill und Nagj Abondji eine Musikperformance, die sie im Sommer 2012 im Avers uraufgeführt und Anfang 2014 unter dem Titel «Verhören» als Hörstück mit 18 Nummern eingespielt haben.

Wie soll man sich verteidigen, wenn man vor dem ersten Wort verurteilt ist durch den Wahn in den Köpfen der Richter?

Fredi Lerch

Um das «Verhören» im Doppelsinn des Wortes geht es: Es geht zum einen um die obrigkeitliche Macht, Angeklagte zu Geständnissen zu pressen, die die Wahrheit bestätigen, die sie hören will – in diesem Fall, dass Trina Rüdi «inß Teüfelß Nammen» mit dem Rothaarigen von «kaltem und grobem Wesen» geschlafen habe. Und es geht zum anderen um das Verhören als Miss- und Nichtverstehen; um die Unsicherheit, wer genau in den mehrhundertjährigen Akten was gesagt hat; darum, wie das Protokollierte heute zu verstehen ist; aber auch darum, wie sich eine Frau verteidigen soll, der vor dem ersten Wort verurteilt ist durch einen Wahn in den Köpfen ihrer Richter.

Auf der CD liest als Gast Hanspeter Müller-Drossaart in dialektal gefärbtem, altertümlichem Deutsch mehrere Sequenzen aus den Akten und legt so den dokumentarischen Boden. Darüber gestaltet Balts Nill – teilweise unterstützt von Mich Gerber am Kontrabass – in durchgehend leisen Perkussionsrhythmen und Ukuleleklängen eine sanft flirrende Tonspur, die oszilliert zwischen dem Insektenflug über einer sommerlichen Bergwiese, dem Herzschlag der jungen Frau zwischen Hoffen, Lust und Angst und dem Marschschritt von Obrigkeit und Henker.

In diesen Raum spricht Melinda Nadj Abondji ihre poetische Rollenprosa, mit der sie der Trina Rüdi ihre Stimme verleiht: Es spricht ein junger Mensch, der naiv und treuherzig darauf zählt, mit klugen Warum-Fragen den machtbesessenen Pfründensitzern des Gerichts die Augen öffnen zu können. Refrainartig fragt sie ihre Richter (unter denen auch ich mich zuhörend unwillkürlich wiederfinde), warum das von Gott Geschaffene, demnach also Gottgefällige, sündhaft sei; der Körper, das Wachsen und Gedeihen, die «Hingabe an den Wind».

Den wortlosen Klagegesang der Verurteilten sollte man mindestens einmal in seinem Leben gehört haben.

Fredi Lerch

Dramaturgischer Höhepunkt ist das Geständnis der Angeklagten: Sie schildert ihre Vergewaltigung, begangen nicht von einem teuflischen Rothaarigen, sondern von einem, den sie, als sie ihn erkennt, mit «Herr» anspricht und der nun angibt, die Hexe habe ihn ausser sich gebracht, weil sie im Stall beim Melken kein Kopftuch getragen und die Zöpfe nachlässig geflochten gehabt habe. Ihren Bericht schliesst die Vergewaltigte vor den Richtern mit den Worten: «Rufen? Wem soll ich denn rufen? Ihnen?» Der anschliessende, wortlose Klagegesang, der über einem wiederkehrenden Ukulele-Motiv bloss aus wenigen Tönen und Lauten besteht, sollte man mindestens einmal in seinem Leben gehört haben.

«Verhören» sei «ein berührender Grenzgang zwischen geschichtlicher Deutung und Zeitdiagnose – höchst aktuell in der Auseinandersetzung mit Gender-Fragen, faszinierend im Spiel mit Sinnlichkeit, Körper, Repression und Befreiung», so der PR-Text des Plattenlabels intakt. Man kann das sicher so sagen. Bloss, deshalb hätte ich mir diese Aufnahme nicht mit zunehmender Faszination angehört. Faszinierend ist nicht das Was, sondern das Wie: das kongeniale Understatement von Text und Musik; diese geradezu lieblich, in lakonisch klimpernder Untertänigkeit vorgetragene radikale Kritik an einer gnadenlos ungerechten Welt, die ihre abergläubische Gottgefälligkeit bemüht, um eine vergewaltigte Frau zur Hexe zu machen. «Verhören» ist ein berückendes und bedrückendes Hörerlebnis zugleich. 

Melinda Nagj Abondji/Balts Nill: Verhören, Zürich (intakt Records) intakt CD 240 (Bestelladresse hier).