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Urs Mannharts bisher bestes Buch

Der jüngste Roman von Urs Mannhart heisst «Bergsteigen im Flachland» und ist unabhängig von den Plagiatsvorwürfen ein äusserst lesenswertes Buch. Es bietet alles, was gute Literatur leisten soll.

In einer serbischen Kleinstadt dringen Milizionäre in das Haus eines Instrumentenbauers, um ihn und seinen Sohn zu verhaften. Zur gleichen Zeit reist ein Schweizer Reporter nach Aserbeidschan, um über eine Landschaft zu berichten, die in einem See verschwindet. Derweil engagiert sich in Bern eine Juristin bei Amnesty International für ein neues Flüchtlingsgesetz. Und in Rumänien weiss ein Mathematiklehrer nicht, wie er die Renovation seines Hauses bezahlen soll. In Pristina wird ein Killer des serbischen Geheimdienstes während eines Auftrags erwischt und gefoltert. Die Nato greift in den Balkankonflikt ein und trifft beim Luftangriff ein serbisches Gefängnis, aus dem ein junger Albaner in die Schweiz flieht.

Ringen mit dem Zufall

Schon in den ersten Kapiteln seines Romans «Bergsteigen im Flachland» führt Urs Mannhart einen Strauss an unterschiedlichen und scheinbar unverbundenen Figuren ein. Sie sind vom Krieg im Balkan, von Umweltverschmutzung oder schlicht von Armut betroffen. Ein paar wenige haben das Glück, Schweizer zu sein, verschont zu bleiben. Aber auch diese Figuren ringen mit sich und der Welt.

Mannhart erzählt nicht nur spannende Geschichten, sondern zeichnet ein eindrücklich dichtes Bild der jüngeren Geschichte Europas.

Naomi Jones

Mannhart erzählt die Geschichte seiner Protagonisten packend und nachvollziehbar. Nur langsam verdichten sich die verschiedenen Erzählstränge zu einer zusammenhängenden Geschichte. Das Den Haager Kriegsverbrechertribunal ist der Knotenpunkt. Die Juristin von Amnesty International erhält eine Stelle im Zeugenschutzprogramm und zieht nach Den Haag. Der Sohn des Instrumentenbauers will am Tribunal gegen einen serbischen General aussagen, während der serbische Killer genau diesen Prozess verunmöglichen soll. Der Schweizer Reporter trifft in Rumänien den Mathematiklehrer, der in Spanien Erdbeeren pflücken will, und in Russland den Bruder des serbischen Zeugen.

Mannhart erzählt nicht nur spannende Geschichten, sondern zeichnet ein eindrücklich dichtes Bild der jüngeren Geschichte Europas. Empathisch schildert er das Geschehen aus den verschiedenen Einzelperspektiven, ohne es zu erklären oder gar zu rechtfertigen. Die Menschen sind dem Zufall ausgeliefert, wie sehr sie auch versuchen, ihr Leben und ihr Schicksal zu gestalten. Zufällig trifft der Journalist auf die grosse Liebe. Er lässt sie ziehen, teilt sich ihr schliesslich doch noch mit. Allein ihre Erwiderung erreicht ihn nicht. Der Liebesbrief bleibt in den Maschinen der Post stecken.

Reportagen und reale Personen als Grundlage

Der österreichische Journalist Thomas Brunnsteiner klagt, Mannhart habe sich übermässig bei seinen Reportagen bedient und an «114 Textstellen» abgeschrieben. Ein Gericht wird darüber entscheiden.

Mannhart bestreitet nicht, dass er sich auf verschiedene Reportagen von Kollegen nebst eigenen bezieht. Er verdankt am Schluss des Romans zahlreiche Journalisten. Tatsächlich hätten ihn auch die Reportagen des Journalisten Brunnsteiner zur Romanfigur Thomas Steinhövel inspiriert.

Obwohl einzelne Figuren nachweislich aus Brunnsteiners Reportagen stammen, wirken sie beim Lesen des Romans fiktiv. Sie haben eine Geschichte und ein Innenleben, das weit über einen journalistischen Text hinausreicht. Dadurch, dass Mannhart diesen zum Teil realen Personen eine Geschichte andichtet, die sie mit Figuren in einer ähnlichen Situation zusammenbringt, entsteht das dichte literarische Gewebe des Romans.

Sobald die Plagiatsvorwürfe geklärt sind, ist das Buch zweifellos ein Kandidat für zahlreiche Literaturpreise.

Naomi Jones

Verdichtete Realität

So oder so ist Mannharts Buch mehr als lesenswert. Es ist gehaltvoll und bis heute aktuell. Der Text ist nie platt, sprachlich gestaltet, ohne bemüht zu wirken, und vor allem keine Minute lang langweilig. Der Roman hat alles, was ein guter literarischer Text bieten soll. In literarischer Dichte und mit journalistischer Relevanz vermittelt das Buch ein Verständnis für die Realität in den unterprivilegierten Regionen Europas. Roman Bucheli hatte Recht, als er schrieb, «Bergsteigen im Flachland» sei Mannharts bisher bestes Buch. Sobald die Plagiatsvorwürfe geklärt sind, ist es zweifellos ein Kandidat für zahlreiche Buch- und Literaturpreise.