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Die Kunsthalle steht vor einem Interregnum

Kunsthalle-Direktor Fabrice Stroun geht Ende Februar 2015. Die Wahl der Nachfolge steht bevor. Von Februar bis Mai wird Donatella Bernardi die Institution kuratieren. – Ein Gespräch mit Kunsthalle-Vereinspräsident Christian Gossweiler.

Christian Gossweiler, Präsident des Vereins Kunsthalle, im Gespräch. (Foto: zvg.)

Journal B: Christian Gossweiler, Sie haben ihren Rücktritt als Vorstandspräsident des Vereins Kunsthalle auf August 2015 angekündigt. Bereits Ende Februar geht Fabrice Stroun als Direktor. Gleichzeitig ist die strategische Neupositionierung der Institution dringlich. Von aussen gesehen ist die Kunsthalle in der Krise.

Christian Gossweiler: Um mit meiner Funktion zu beginnen: Ich habe 2013 das Vereinspräsidium kurzfristig übernommen, weil der bisherige Präsident Wolf von Weiler nach Berlin zog und sich die Suche nach einer definitiven Lösung hinzog.

Wir haben dann im Vorstand schnell festgestellt, dass die Verantwortlichkeiten innerhalb der Kunsthalle nach mehr als fünfzehn Jahren angepasst werden müssen. Das haben wir seither getan. Und zwar für den Vorstand selber, für den geschäftsleitenden Ausschuss, für die Leitung und für das Mitarbeiterteam.

Was ist dabei herausgekommen?

Eine Folge dieses Prozesses ist die Trennung vom jetzigen Direktor. Eine andere, dass das Team der Mitarbeitenden von sieben auf fünf Personen verkleinert worden ist bei gleichviel Stellenprozenten und dass es nun klare Pflichtenhefte gibt für die fünf Bereiche wissenschaftliche Mitarbeit, Administration, Kunstvermittlung, Technik und Kommunikation, Fundraising und Marketing. 

«Die Künstlerin Donatella Bernardi soll ein Rahmenprogramm schaffen, in dem ganz verschiedene Aktionen Platz haben.»

Christian Gossweiler

Und eine Folge ist auch, dass wir die bevorstehenden Wechsel im Vorstand nicht nur zu dessen Verjüngung nutzen wollen, sondern dass die Vorstandsmitglieder neu nach klar definierten Verantwortlichkeiten gewählt und arbeiten werden.

Mit welchen Pflichtenheften?

Neben den Vertretern des Berufsverbands Visarte und der Berner Kunstgesellschaft BKB geht es zum Beispiel um die Kommunikation gegen aussen, um bessere Verbindungen zu Politik, Wirtschaft und zu den Bundesbehörden. Dann braucht es jemanden, der sozialkompetent die Kunsthalle-Führung begleitet. Es braucht jemanden, der im Bereich Publikationen wissenschaftliche Inputs gibt und die Verbindung zur Hochschule der Künste HKB und zur Universität sicherstellt. Und selbstverständlich braucht es im Vorstand Kompetenzen und Kontakte in Bezug auf die zeitgenössische Kunst.

Heisst das auch Kontakte zur Kunstszene Bern? Man hört ja gelegentlich die Kritik, die Kunsthalle habe den Kontakt zur städtischen Kunstszene verloren.

Dazu muss ich sagen: Das stimmt nicht. Wenn ich schaue, was wir allein in diesem Jahr ausgestellt haben: Dirk Bonsma, Urs Zahnd/Annina Matter, Emil Klein – da gibt es immer wieder klare Bern-Bezüge.

Auf der anderen Seite ist es nicht Aufgabe der Kunsthalle, alles zu zeigen, was in Bern läuft. Die Kunsthalle soll Berns Kunstschaffen zeigen, insofern es international bestehen kann. Das ist der Richtwert, an den sich die Kunsthalle-Leitungen immer wieder gehalten haben, weil das ja auch zum Auftrag der öffentlichen Hand gehört: Die Kunsthalle soll eine Ausstrahlung gegen aussen haben.

Die kolportierte Kritik stimmt auch deshalb nicht, weil zum Beispiel Fabrice Stroun in Bern viel unterwegs gewesen ist und hier ausgezeichnete Arbeit geleistet hat.

Bleiben wir einen Moment bei Stroun. Er geht auf Ende Februar 2015.

Die Trennung von Fabrice Stroun war das Resultat eines langen Prozesses. Dieser Prozess ist abgeschlossen. Wir schauen jetzt in die Zukunft.

Wie steht es um seine Nachfolge?

Auf unser Inserat sind viele Bewerbungen eingegangen, darunter mehrere hervorragende, die die Wahl nicht einfacher machen. Die Findungskommission besteht aus drei Externen und drei Personen aus dem Vorstand, die nicht namentlich bekannt gegeben werden. Zur Zeit führt diese Kommission Gespräche, um zuhanden des Vorstands eine Auswahl zu treffen.

Wählen wird der Vorstand, wenn’s klappt, Mitte Dezember. Und zwar jemanden mit einem für die Kunsthalle interessanten Profil. Es ist nicht so, dass der Vorstand direktiv ein Profil vorgeben wird, das umgesetzt werden soll. In der Kunsthalle funktionierte schon immer ein duales System: Der Vorstand war für die Kunsthalle als Hülle verantwortlich, die Direktion für das, was darin stattfand, für ihre Ausstrahlung. Das bleibt auch so.

Mit Sicherheit kann die gewählte Person ihre Arbeit nicht bereits am 1. März 2015 aufnehmen. Wer regiert während dieses Interregnums?

Vorgesehen ist, dass ich die administrative und organisatorische Leitung zusammen mit dem Team übernehme.

Und die künstlerische? 

Es ist so: Über den Jahreswechsel findet die traditionelle Weihnachtsausstellung statt. Sie ist die letzte Arbeit von Fabrice Stroun. Ab Ende Januar 2015 übernimmt die Künstlerin Donatella Bernardi die Kuration. Weil wir in dieser Übergangszeit nichts präjudizieren wollen, ist es selbstverständlich, dass sie nicht zu jenen gehört, die sich um die neue Direktion bewerben. Bernardi soll als spannendes Zwischenspiel ein Rahmenprogramm schaffen, in dem ganz verschiedene Aktionen Platz haben. Dieses Programm dauert so lange, bis die neue Direktorin oder der neue Direktor die Arbeit aufnimmt.

Sie haben gesagt, der neuen Leitung würden keine direktiven Vorgaben gemacht. Das bedeutet umgekehrt, dass sie die zukünftige Strategie massgeblich mitbestimmen wird. Daneben hat ja aber wohl auch der Vereinsvorstand strategische Vorstellungen?

Ein strategisches Ziel ist zurzeit das Jahr 2018, in dem die Kunsthalle das 100jährige Bestehen feiern wird. Dass es zu diesem Jubiläum Projekte gibt, ist gesetzt. Soweit es den Vorstand betrifft, sind zwei Projekte vorgesehen, die von Fabrice Stroun angestossen worden sind: Zum einen soll das hervorragende Kunsthalle-Archiv inventarisiert und digitalisiert werden, damit auch von extern recherchiert werden kann. Wir hoffen, dass wir hierzu unter anderen die Nationalbibliothek und die Stadt- und Universitätsbibliothek als Partnerinnen gewinnen können. Zum anderen haben zwei Doktoranden des Instituts für Kunstgeschichte der Universität unter Professor Peter J. Schneemann ein Projekt in Angriff genommen, das der Geschichte der Kunsthalle gewidmet ist unter einem bestimmten Aspekt: Ausgearbeitet werden soll das Spannungsfeld zwischen der Kunsthalle als Gebäude und dem zeitgenössischen Kunstschaffen. Wir hoffen, dass dieses Projekt mit der ersten wissenschaftlichen Publikation zur Kunsthalle Bern abgeschlossen werden kann.

Zweifellos zwei spannende, aber retrospektive Projekte. Wie geht die Kunsthalle in die Zukunft? So einfach wie in der Ära Szeemann ist es ja nicht mehr, die Öffentlichkeit für aktuelle Kunst zu interessieren.

Das ist so. Und nicht nur die Öffentlichkeit, auch Bern hat sich verändert. Wenn wir den Kunstmarkt anschauen: Die Gegenwartskunst ist sehr stark ökonomisiert worden, und Bern hat Marktanteile verloren. Die Galerien blühen nicht mehr wie in den sechziger und siebziger Jahren. Wer sammelt, geht häufiger nach Zürich oder an die «Art» nach Basel.

«Man muss verstehen, dass die Kunsthalle einer der Leuchttürme dieser Stadt ist.»

Christian Gossweiler

Die Kunsthalle soll nicht versuchen, diesen Markt nach Bern zurückzuholen. Sie hat nicht die Aufgabe, die gefragtesten Künstler und Künstlerinnen zu bringen. Sie soll einen Mehrwert schaffen über das Ökonomische hinaus. Sie soll sich kuratorisch um die künstlerischen und wissenschaftlichen Aspekte aktueller Kunst kümmern, auch wenn das der schwierigere Weg ist, als wenn sie konsequent die gefragtesten Namen ausstellen würde. 

Die Frage ist, wie man diesen schwierigeren Weg vermittelt.

Das stimmt. Daran arbeiten wir. Wir werden gezielt versuchen, Leute aus verschiedenen Interessengruppen als Multiplikatoren anzusprechen: das Stadtparlament, die Leiste, die Zünfte, die Wirtschaft.

Es gibt viele Leute, die den Zugang zur Gegenwartskunst bisher nicht hatten, die aber wissen und begreifen müssen, was in der Kunsthalle läuft. Ob man sich für Gegenwartskunst begeistern kann, ist das eine. Aber man muss verstehen, dass die Kunsthalle einer der Leuchttürme dieser Stadt ist. Unser Ziel ist es, dass die Kunsthalle unter den vergleichbaren Institutionen in Europa als eine der fünf mit den wertvollsten Inhalten gilt. Sie ist also keine lokale Institution. Die Kunsthalle Bern ist eine internationale Institution – aber für Bern und in Bern.