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Christoph Reichenau

Eine Zwängerei

Das Kunstmuseum hat ein Baugesuch für mehr Ausstellungsfläche an der Hodlerstrasse eingereicht. Die 600 Quadratmeter sollen gut 10 Millionen Franken kosten, jedoch ist die Finanzierung offen. – Ein unverständlicher Alleingang.

Spätestens seit Mitte der 1990er-Jahre steht in Bern ein Museum für Gegenwartskunst zur Diskussion, 1998 wurde die Absicht konkret. Am Anfang standen private Sammler mit ihren museumswürdigen Werkbeständen. Später ging es eher darum, dem Kunstmuseum Bern (KMB) den Weggang der Klee-Stiftung ins gleichnamige Zentrum zu versüssen. So oder so wurde als Erweiterung des Kunstmuseums eine weitgehend autonome Abteilung für zeitgenössische Kunst geplant. Dabei wurde als «zeitgenössisch» damals die Kunst der jeweils letzten 25 Jahre verstanden.

Als Ort stand zuerst der Progr zur Diskussion, dann wurde ein Wettbewerb für einen Anbau an das Kunstmuseum durchgeführt, jetzt soll dieses im Innern ausgebaut werden. Die Financiers wechselten: Dem Versprechen von Sammlern, den Bau zu berappen, folgte für den Progr die später zurückgezogene Absichtserklärung eines Mäzens, der anschliessend den Wettbewerb bezahlte, aber seine Beteiligung an der Realisierung limitierte. Über die Herkunft des Geldes für das jetzt eingereichte Baugesuch herrscht Schweigen.

Das Baugesuch wirft drei Fragen auf:

- Braucht das KMB zusätzlichen Ausstellungsraum, wenn es doch immer intensiver mit dem Zentrum Paul Klee (ZPK) zusammenarbeitet, wo 2005 rund 2'500 Quadratmeter gute Ausstellungsfläche neu geschaffen wurden?

- Ist es zweckmässig, dass das KMB das Bauprojekt im Alleingang vorantreibt, ohne dass der Partner ZPK mitreden kann?

- Lohnt es sich, für 600 Quadratmeter 10 Millionen zu investieren und darauf wiederkehrend zusätzlichen Betriebsaufwand zu generieren? Würde dieses Geld, wenn schon, nicht sinnvoller für die Aufarbeitung der Erbschaft Gurlitt eingesetzt, über deren Annahme der Stiftungsrat KMB noch nicht entschieden hat?

Die Antworten sind aus meiner Sicht klar:

- Bevor neuer Raum geschaffen wird, sollte in der immer wieder beschworenen Partnerschaft KMB/ZPK ausprobiert werden, ob ein gemeinsames Ausstellungsprogramm der beiden Institutionen darauf wirklich angewiesen ist. Nach 14 Jahren Irrungen und Wirrungen jetzt sozusagen auf Vorrat zu bauen, erscheint angesichts der Finanzlage beider Häuser unverständlich.

- Welchen Wert haben die Beteuerungen, es gebe jetzt eine enge Zusammenarbeit von KMB und ZPK, wenn ein halbes Jahr vor der Gründung der gemeinsamem Dachstiftung (quasi fünf vor zwölf) ein Vorhaben von strategischer Bedeutung nicht gemeinsam beraten und entschieden wird. Gibt es eine Sonntags- und eine Werktagskooperation, die eine rhetorisch, die andere real?

- Solange nicht nachgewiesen ist, dass es den Raum auch bei engem Zusammengehen mit dem ZPK braucht, ist die Investition fragwürdig. Einmal ausgegeben, fehlt das Geld – nicht wenig übrigens – für anderes, für andere. Ja, es zieht für den Betrieb weiteren Aufwand nach sich, der immer wieder auch durch Subventionen mitfinanziert werden muss.

Was dann?

Mit 600 Quadratmeter mehr Ausstellungsfläche wird aus dem Entlein kein Schwan. Da haben es Basel und Zürich einfach besser und dies ist kein Grund für Neid und noch weniger einer für die kleinkarierte Nachahmung. Die Präsentation einiger Videos von Bill Viola im Münster zeigte im Sommer übrigens, auf welche Weise überzeugend von Fall zu Fall sowohl auswärtiger Raum genutzt wie auch das KMB in weiterem Zusammenhang bekannt gemacht werden kann. Dafür gibt es in Bern vielfältige Möglichkeiten, zum Beispiel auch durch Kooperationen mit anderen Museen, wenn man wollte.

Und da ist ja die Frage, ob das KMB die Erbschaft von Cornelius Gurlitt annehmen soll. Seit Monaten wird abgeklärt. Die aus meiner Sicht zentrale Frage liegt nicht bei der Zusammensetzung, der kunsthistorische Bedeutung und dem finanziellen Wert der Sammlung. Sie liegt bei der Bereitschaft des KMB, die damit verbundene riesige Aufgabe mit Sorgfalt, Anstand und Fairness anzugehen:

- Es müsste die Herkunft aller Werke lückenlos klären um herauszufinden, unter welchen Umständen sie wann von wem erworben worden sind.

- Das Museum müsste bereit sein, Werke, an denen andere berechtigte Ansprüche nachweisen können, zügig auszuhändigen ohne den Rechtsweg auszureizen.

- Es müsste den Prozess der Abklärungen und des Umgangs mit Ansprüchen Dritter vollständig dokumentieren – als Lehrstück des Zustandekommens von und des Umgangs mit Kunstsammlungen.

Sorgfalt und Transparenz

Wichtig wäre, dass sich das KMB bei diesem gewaltigen Unterfangen fachliche Hilfe sichert und sich freiwillig externer Aufsicht unterstellt; zum Beispiel einer Kommission aus internationalen Fachleuten und Institutionen, die auf diesem Gebiet führend sind.

Das Vorhaben verlangt Geld, Geduld, Grossmut. Geld müsste der Bund bereitstellen, denn es geht um eine museumspolitische Frage von grosser Bedeutung. Geduld (das heisst Warten mit dem Zeigen der Sammlung) und Grossmut (beim Umgang mit Ansprüchen Dritter) müsste das KMB selber aufbringen.

Könnte das KMB auf Geld zählen, könnte es geduldig und grossmütig sein – dann erschiene es gut gerüstet, um eine mustergültige museumsethische Leistung zu erbringen. Indem es sich der Geschichte stellt, würde das KMB eine wichtige Rolle übernehmen und auch international ein Vorbild werden.

Dies ist die Chance des KMB, internationale Reputation zu erringen. Dies wäre ein Grund, 10 Millionen zu investieren: in Sorgfalt und Transparenz statt in Stein und Holz.