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Es geht, grosskotzig gesagt, um kulturelle Menschwerdung

In 11 Jahren hat Gabi Michel-Frei am Stadttheater die Theaterpädagogik entwickelt. Nun verlässt sie Konzert Theater Bern. Zeit, von der Pionierin zu lernen.

Gabi Michel-Frei (Foto: Christoph Reichenau)

Vor 23 Jahren kam sie aus Kassel nach Bern. Sie folgte ihrem Mann Michael Frei, der hier als Leiter der Schauspielmusik begann. Ihr Sohn war gerade ein Jahr alt. Eike Gramss nahm sein erstes Jahr als Direktor des Stadttheaters in Angriff. 

Kein Start nach Mass

In Kassel hatte sie am Gymnasium Kunst und Religion unterrichtet. Diese Tätigkeit will Gabi Michel-Frei (GMF) in Bern weiterhin ausüben. Doch ihr Diplom wird nicht anerkannt: Katholischer Religionsunterricht geht nicht, die Kunstausbildung passt in kein Schema. GMF sucht eine Primarschule. Bevor sie eine findet, meldet sich der Pfarrer aus Zollikofen; an der Kirche St. Franziskus wird sie Katechetin, bald auch an der Kirche Bruder Klaus. Sie wird Präses bei der Blauring-Gruppe in Zollikofen, hat Einsätze bis nach Schönbühl.

Nach fünf Jahren wechselt GMF zum Schweizerischen Roten Kreuz, organisiert Freizeiten für Kinder aus Flüchtlingszentren und Begegnungslager für Jugendliche aus der Schweiz und Flüchtlingszentren der Schweiz. Beim Samariterbund übernimmt sie in Olten mit den gleichen Aufgaben eine befristete Stelle. Darauf arbeitet sie wieder als Katechetin, diesmal an der Berner Marienkirche.

Die Anfrage

1999 die Anfrage von Jochen Sostmann: Ob sie im Stadttheater Archiv und Bibliothek betreuen und für das Musiktheater die Noten für das Berner Symphonieorchester einrichten würde? Sie sagt zu.

Das Stadttheater damals ist Entwicklungsland, was die Kunstvermittlung betrifft. Regula Mentha und Anneke Wehberg (Spielart) bieten für Lehrpersonen Einführungen in Stücke an; Christoph Hebing leitet den Jugendclub und inszeniert zum Beispiel «König Ubu». Jährlich gibt es das Weihnachtsmärchen oder ein Kinderstück (seit der Zeit von Trix Bühler auch aufklärerisch-aufmüpfige Produktionen wie «Till Eulenspiegel»). Doch abgesehen von dem guten Angebot für Lehrpersonen und Schüler von Spielart fehlt eine umfassende Betreuung der Schulen. Alles geschieht vorläufig auf der Basis von Goodwill und Zufall. GMF, Katechetin und Gymnasiallehrerin, betritt Neuland und ergreift die Chance, von den Theaterleuten zu lernen.

Neuer Wind

2004 übernehmen Stefan Suske und Armin Kerber die Leitung des Schauspiels am Dreispartenhaus, Aviel Cahn beginnt am Musiktheater und Stijn Celis die Leitung des Ballettensembles. Sie richten eine Ansprechstelle für Lehrpersonen und Schulen ein. Die finanziellen Voraussetzungen sind bescheiden und das Angebot für ausgewählte Stückeinführungen von Spielart läuft weiter. Mit Unterstützung von Schauspielerinnen und Schauspielern – Fabienne Biever, Thomas Mathys, Silvia Maria Jung, Stefano Wenk und Kollegen aus dem Ballettensemble und Musiktheater – organisiert GMF Workshops, Kinderfeste, Anlässe, an denen Kinder und Jugendliche in Kontakt mit Theaterleuten kommen und bietet selber weitere Stückeinführungen neben Spielart an. Erste kleine Produktionen mit Kindern und Jugendlichen entstehen. Der Mut zu Grösserem wächst.

Im Tanz erarbeitet Ballettdirektor Felix Duméril 2003 mit Ittiger Schulklassen (Leitung Hansjürg Sieber) verschiedene Tanzstücke, die in den Ausstellungsräumlichkeiten in und rund um das Paul Klee Zentrum zur Aufführung kommen. Es begeistert ein grosses Publikum und wirbt auf einer Filmdokumentation   für Fortsetzungen. 2005 kommt es unter Stijn Celis zur Tanzproduktion «Practise Paradise», einem tanzpädagogischen Projekt mit einer 9. Klasse (Integrationsklasse) aus dem Schwabgut und dem Tanzensemble des Stadttheaters in Zusammenarbeit mit Darie Cardyn (Einstudierung mit den Schülern in der Schule), aufgeführt im grossen Haus. Grosse Begeisterung.

Vermittlung am Rand …

Trotz des Engagements und der Erfolge: Theatervermittlung steht weitestgehend am Rand des vielfältigen Betriebs. Dem Intendanten Eike Gramss fehlte es womöglich am Verständnis für ihre Bedeutung. Mit einem Minimum an Mitteln und mittlerweile einem Pensum von 30% wirkt GMF als Administratorin, als Kommunikatorin mit Schulen, mit Lehrpersonen und interessierten Kindern und Jugendlichen. Und als Motivatorin der Theaterleute für die Öffnung ihrer Kunst. Die interessierten Theaterleute sind oft jung, wechseln bald den Ort. Nachfolgerinnen und Nachfolger müssen gefunden und erneut überzeugt werden. Mit ihnen organisiert GMF Vormittagsangebote, Probenbesuche, Präsentationen in Schulhäusern, Führungen, überschaubare Produktionen und Erlebnisräume. Sie stiftet Verbindungen zwischen den Schulleuten und jenen am Theater. Dabei lernt sie das Dreispartenhaus in allen Verästelungen kennen, lernt Leute einzuschätzen, das Potential zu nutzen, weite Wege zu gehen.

2006 endet die Ära Gramss. Stijn Celis, Aviel Cahn, Stefan Suske und Armin Kerber verlassen das Haus. Mit Marc Adam, dem neuen Intendanten, mit Schauspielleiter Erich Sidler und Ballett-Chefin Cathy Marston beginnt die Vermittlungsarbeit neu. Adam schafft eine theaterpädagogische Stelle, die sich GMF und Regula Bühler (später Andy Tobler) teilen. Cathy Marston engagiert sich persönlich in der Tanzvermittlung und initiiert regelmässige öffentliche Proben; Tanzstücke mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die in enger Kooperation zwischen Tanzleitung und Theaterpädagogik entstehen, werden in die 'regulären' Tanzabende eingebaut. Immer neue, junge Theaterleute bringen frische Ideen ein, fordern damit heraus und gehen mit GMF neue Wege der Vermittlung. Im Schauspiel wird ein Jugendtheaterspektakel ermöglicht, an dem Jugendliche sowohl spielen, Bühnenbild erstellen (www.youtube.com/watch) und im Internet eine eigene Homepage erstellen. In allen Sparten werden unzählige Stückeinführungen angeboten und die beiden Theaterpädagoginnen besuchen dafür viele Schulen zwischen Biel und Brienz. Es werden neue Kontakte geknüpft, und das Netz der Vermittlung wird weit gesponnen.

… aber nicht ohne Wirkung

Unter dem Label «Community Dance» führte Bern-Ballett von 2007-2012 die folgenden Projekte mit Laien durch:
Kick me:  40 Laien im Alter von 13-30 Jahren (Freiwillige, Ballettschülerinnen, eine 8. Schulklasse, Theaterjugendclub U21)
Superheroes: 50 Laien im Alter von 13-30 (Freiwillige, Sportstudierende, eine 7. Schulklasse)
Dogs in a Park: 46 Laien im Alter von 13-72 Jahren
Chillin': 28 Jugendliche (zwei 9. Klassen zweier Schulen: Realschule und Progymnasium)
Minimomos: 26 Laien (eine 4. Klasse, eine HipHop-Tanzgruppe, begleitet durch das Berner Symphonieorchester)

Viele Formen der Partizipation

In der Nachfolge der ersten Tanzprojekte wünschen sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer dauerhafte Möglichkeiten zur Partizipation. Nach Dogs in a Park kommt es daher zur Gründung des Tanzclub Bern Ballett U70 – eines Tanzclubs für alle von 14-70 Jahren, der drei Eigenproduktionen unter der Leitung des Tänzers Denis Puzanov aus dem Ensemble produziert hat.

Im Schauspiel gibt es neben den regelmässigen Jugendclubproduktionen in der Produktion «Looslis Kinder» eine Zusammenarbeit mit Jugendlichen des U22 und dem Schauspielensemble und mit dem Jugendtheaterspektakel wird es möglich, Schülerinnen und Schülern von 4 Schulen und U22 eine Plattform für ihren theatralen Ausdruck zu ermöglichen.

Die Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern zum jeweiligen Kinderstück im Winter wächst kontinuierlich (Maximumpaket). Ein Angebot, dass gerade von Schulen ausserhalb von Bern genutzt wird.

Im Musiktheater gibt es besondere Premierenklassen zu Produktionen, die auch von Sängern und Dirigenten begleitet werden. Und gerade im Musiktheater gibt es eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit dem Schulheim in  Köniz.

Einiges wurde erreicht

Heute gibt es an über 40 Schulen im Kanton Bern sowie an der Pädagogischen Hochschule Lehrpersonen als «Theaterbotschafter» von Konzert Theater Bern. Regula Bühler und GMF haben diese unmittelbar zu Beginn der neuen Leitung neu initiiert. Theaterbotschafter treffen sich ab und zu mit GMF, machen Anregungen, geben Rückmeldungen, informieren sich gegenseitig und vor allen Dingen ihre Kollegien und Klassen vor Ort. So besteht ein Pool von am Theater interessierten Schulleuten, die auch gerne mal Einsätze übernehmen, etwa am Theaterfest. Die «Botschafterinnen» und «Botschafter» haben Anrecht auf zwei Freikarten für jede zweite Aufführung, die sie an Kolleginnen und Kollegen weitergeben können, um damit auch das Kollegium in direkten Kontakt und Austausch mit dem Theater zu bringen.

Der Theaterbesuch von Schulen ist gewachsen. Allein für «Andorra» gab es 40 Stück-Einführungen und viele Klassen kamen ohne diese. Vor den Einführungen erarbeitet sich GMF, was Kinder und Jugendliche an dem Stoff und an Aspekten der Umsetzung der Produktion interessieren könnte, sie versucht, die Inszenierung mit deren Augen anzuschauen und fragt bei den Regisseuren, Choreographen, Dramaturgen und Schauspielern nach, um mögliche Fragen der Jungen vorab zu klären. Dies führt ganz von selbst auch zu einem intensiven Austausch mit den Verantwortlichen.

Manches fehlt noch

Alles paletti also? Blickt GMF beim Abschied mit Genugtuung auf ihre Aufbauarbeit in Bern zurück? Jein. Viel ist erreicht, ja. Ein Netzwerk mit Schulen ist geknüpft und trägt. Auch die Zusammenarbeit mit den Vermittlungsverantwortlichen der Dampfzentrale (Susanne Schneider) spielt – wie früher auch mit dem Schlachthaus Theater (Katharina Vischer, Grit Rösler). Gut ist auch die Beziehung zur Jungen Bühne (Christoph Hebing, Eva Kirchberg) oder der Pädagogischen Hochschule (Regula Nyffeler) und der Universität (Margrit Bischof).

Doch manches fehlt auch heute noch. Vermittlung steht im Theaterbetrieb und punkto Budget nach wie vor am Rand, sie wird oft als Nebenaufgabe und zusätzliche Belastung empfunden. Das Theater ist nicht selbstverständlich auch auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet, wird nicht besonders auch für sie gemacht. Die Theatervermittlung darf den Spielplan nicht mitgestalten, ist nicht frühzeitig beratend eingebunden. Noch immer gibt es viel zu selten für – und noch seltener mit – jungen Menschen produzierte Inszenierungen; in der Saison 2013/2014 sind es für Kinder das Stück «Kleiner König Kallewirsch», die Sitzkissen- und Familienkonzerte im Musiktheater sowie die Eigenproduktion des Jugendclub U22 «Ä gemütlächi Wohnig». Und für die Jugendlichen «Farm der Tiere» (Schauspielproduktion mit U22), «Bunny», «Krieg – stell dir vor er wäre hier», die «Gaza-Monologe» (Tanzprojekt / Vidmar 1) und «Sacre du printemps» (mit dem  Berner Symphonieorchester in der Grossen Halle der Reitschule, Juni 2014).

Selber neugierig sein macht andere neugierig

Vom Zusammenschluss des Stadttheaters und des Berner Symphonieorchesters zu Konzert Theater Bern in der Saison 2012/2013 erhoffte sich GMF viel mehr Stellenprozente für die Vermittlung in allen vier Sparten, ebenso die Gründung eines Musiktheater-Jugendclubs und eine eigenständige Theaterpädagogische Abteilung. Es traf so nicht ein. Die Vermittlung wurde auch räumlich von der Kunst getrennt und dem Bereich Kommunikation und Marketing zugeordnet. Ein wenig nachhaltiger Ansatz, der auf flüchtige Anreize und eben nicht auf dauerhafte kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Interessierten setzt. Dies ist betriebswirtschaftlich gedacht, nicht volkswirtschaftlich, kleinkariert, nicht umsichtig.

Theater als Übungsfeld fürs Leben

Anders gesagt: Das Theater für Erwachsene und stets älter werdende Personen steht bestenfalls auch Jungen offen. Kinder und Jugendliche sind gefragt als Publikum; sie sollen später Karten kaufen, Plätze besetzen – als Adressatinnen und Adressaten der Theaterarbeit sind sie nur bedingt gefragt. Und noch weniger nimmt man sie wahr und ernst als Personen, die Ansprüche haben könnten an das Theater – an das Theater als Übungs- und Erfahrungsfeld für ihr Leben. Damit straft man die Behauptung von der Bedeutung des Theaters für die Einzelnen und die Gesellschaft Lügen. Das mit der «kulturellen Menschwerdung» – GMF verwendet den «grosskotzigen Ausdruck» bewusst ironisch und trotzig zugleich – kann man dann vergessen.

Was wird? Was bleibt?

Abschiede sind Aufbrüche, Übergänge in Neues. Welche Eindrücke, Erfahrungen nimmt Gabi Michel-Frei mit? Gibt es ein Fazit ihrer Berufstätigkeit seit 1999, das über das in Bern Erlebte hinaus gelten kann?

Was erwartet Gabi Michel-Frei (GMF) in Göttingen? Wohl das Wichtigste: Sie wird erwartet, hat eine volle Stelle. Die Vorschusslorbeeren freuen sie, machen ihr auch ein wenig Angst. Denn viel ist anders in der Universitätsstadt. Es gibt dort eine enge Zusammenarbeit zwischen der Uni und dem Theater, das ausschliesslich Schauspielhaus ist. Der Tanz und die Oper werden ihr fehlen. Anderseits: Es gibt eine Dramaturgie für Kinder und Jugendliche, die pro Saison 7 Stücke für Junge ab dem Alter von 4 Jahren inszeniert. Dies in einer Stadt, in der 70-75% der Jungen ein Gymnasium besuchen. Das lässt sie rätseln. Sie wird es herausfinden. Und sehen, was es  für die Vermittlungsarbeit konkret heisst.

Eine Frau der Praxis

Auf Fragen immer wieder Schweigen, Zögern. GMF ist eine Frau der Praxis, keine Theoretikerin. Sie hat Theaterpädagogik nicht studiert, sie hat sie gemacht unter den jeweils gegebenen Verhältnissen. Und sie ist keine, die sich selbst gern vermarktet. Doch sie sieht: Du kannst mit deiner Arbeit nur wahrgenommen werden, wenn du diese dokumentierst und dadurch nachvollziehbar machst. Manchem fällt das leichter, sie hat all ihre Energie und Engagement in die direkte Arbeit gesteckt und daher zu wenig dergleichen getan.

Das Theater Kindern und Jugendlichen zu erschliessen, das besteht für GMF aus Zugucken, Beobachten, Mitgehen, Verstehen wollen, selber Ausprobieren, auch mal Scheitern dürfen – und aus  Neugierde. Es gibt kein richtig und falsch. Nichts  kann und soll vorausgesetzt werden. Es geht um den unmittelbaren Eindruck von Sprache (etwa bei Büchners «Woyzeck») und von Bildern, um das direkte Erlebnis und die Fragen, die sich dazu von selbst ergeben. Fragen sollen gestellt werden können, alle. Keine ist dumm oder unzulässig. Wenn ein Junge fragt, welcher Schauspieler die grössten Muskeln habe, ist dies in Ordnung und verdient eine Antwort. Vermittlung besteht auch darin, gemeinsam Sprache für Gesehenes zu finden, das sich schwer ausdrücken lässt.

Gemeinsames Schauen und Machen

Gemeinsam – für GMF ein Zauberwort der Vermittlung. Vermittlung ist nicht einseitiges Erklären. Vermittlung ist nur so gut, wie die Vermittlungsperson offen und neugierig ist – und bereit, selber zu lernen. Es geht nicht darum, im Voraus feststehende Antworten zu geben, sondern zusammen Fragen zu stellen und sich an stets vorläufige und unvollständige Antworten heranzutasten. Vermittlung ist ein Prozess, in dem alle gleichermassen gefragt sind. Vermittlung ist Teamarbeit, bei der alle voneinander lernen.

Das Problem der Theatervermittlung an Häusern ist, dass es nur wenige für Kinder und Jugendliche geeignete Stücke besonders für die Altersstufe 6./7.  Schuljahr gibt. Es ist wichtig, ehrlich anzugeben, für welches Alter welche Produktion geeignet ist. Natürlich gibt es gute Stücke für Kinder und Jugendliche, die im Konzert Theater Bern (ehemals Stadttheater Bern) zur Aufführung kommen und kamen, zum Beispiel «Tschick», «David und Madonna», «Spatz Fritz», «Co-Starring», «Krieg – Stell dir vor er wäre hier». Während in der Kinder- und Jugendliteratur tolle Bücher zu den schwierigen Lebensfragen erscheinen, fehlt scheinbar eine vergleichbare Fülle an Theaterstücken. Deshalb muss man manchmal  die Themen der Jungen mit ihnen  diskutieren, Texte selber zu schreiben und mit Autoren neue Texte zu produzieren. Und – ein Traum – schön wäre es, ab und zu ein Stück in verschiedenen Umsetzungsformen zu inszenieren: für Bildungsbürger, für Migranten, für Alte, für Kinder, für Jugendliche. Inszenierungen, die sich durch Sprache, Länge und Spielarten unterscheiden und ein Spektrum von Einstellungen und Vorstellungen widerspiegeln. In vergangenen Spielzeiten hat der Jugendclub Themen aus dem Spielplan aufgegriffen und neu und anders interpretiert (Romeo und Julia von Bern Ballett und R & J Teen Killers vom U22).

«Unauffällige Nähe»

Aber auch wenn es wenig besonders geeignete Stücke gibt, es gibt kaum Aufführungen, die für Kinder und Jugendliche ganz ungeeignet wären. Oder andersherum: Es gibt keine Kinder und Jugendlichen, die für das Theater ungeeignet sind. Da charakterisiert eine Berufsschulklasse von Elektronikern die Figuren von Brittens «Sommernachtstraum» mit eigenen Musikvorschlägen und macht anschliessend die Differenzen zur Komposition aus. Da dreht eine andere Berufsschulklasse einen Werbefilm für eine Theaterproduktion. Es gibt viele Zugänge, man muss offen sein für sie.

Essentiell in der Theatervermittlung ist Kontinuität, ist ein eigener Ort. Theaterclubs ermöglichen viel; sie sind Treffpunkte für mehr als die Theaterarbeit. Die «unauffällige Nähe», die sich zwischen den Betreuenden und den Jungen entwickelt, ist so wichtig wie das Spielen selbst und macht eine Jugendbühne cool auch für Freundinnen und Freunde, zu einem place to go. Aber: Clubs für Kinder und Jugendliche zu führen bedingt Empathie, Ausdauer, Einsatz und Treue. Einmal geschaffen, muss ein Club dauern. Wenn da eine neue Intendanz mit neuen Ideen einfährt, kann dies jahrelangen Aufbau gefährden. Nur dieser aber bringt dem Theater – ein willkommener Nebeneffekt – neues, interessiertes Publikum im Sinne des stets lauter geforderten audience development. Diese kann kein Selbstzweck sein. Denn von nichts kommt nichts.