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Wenn die Kultur Geld nimmt, das stinkt

Kulturinstitutionen sollen verpflichtet werden, mindestens 20 Prozent ihrer Kosten selber zu erwirtschaften. Das gelingt einzelnen voraussichtlich nur mit mehr Geldern von Sponsoren. Es spielt dabei eine Rolle, wer diese Sponsoren sind.

Die Institution «verpflichtet sich, Dritte zur Mitfinanzierung heranzuziehen und diese Möglichkeit bestmöglich auszuschöpfen». So steht es in den neuen Leistungsverträgen für Subventionen des Kantons, der Stadt und der Regionalkonferenz an Kulturinstitutionen in den Jahren 2016 bis 2019. Dort heisst es auch, dass ein Kostendeckungsgrad (Gesamtertrag abzüglich Subvention) von mindestens 20 Prozent zu erreichen ist. Jede Kulturinstitution muss also künftig aus Eintritten, Vermietungen, weiteren Einnahmen und eben Beiträgen Dritter wenigstens einen Fünftel der benötigten Mittel selber erwirtschaften.

Es bleiben nur die Grossbanken

Woher können diese Mittel kommen? Weitere Beiträge der Subventionsgeber sind ausgeschlossen. Als öffentliche Hand bleibt die grosszügige Burgergemeinde Bern. Von privater Seite zuverlässig engagiert sind in der Region Die Mobiliar, CLS Behring, Migros Aare, Hirslanden, Securitas, BEKB, Valiant, Raiffeisen und etwa ein Dutzend Stiftungen. Die grossen Summen für die grossen Kulturinstitutionen kommen so nicht zusammen. Dafür braucht es andere Dritte.

Zu diesen anderen gehören, sei es als Mäzene (über ihre Stiftungen), aber zunehmend als Sponsoren zuvorderst jene Banken, die «too big to fail» sind, UBS und CS. Die UBS finanzierte zum Beispiel die «Quin»-Ausstellung 2013 des Historischen Museums mit einer Summe, die öffentlich nicht genannt werden durfte. Die CS ihrerseits ist – auf der Website des Museums stolz vermerkt – «Hauptsponsor und Partner» des Kunstmuseums Bern mit sicher einer halben Million Franken oder mehr pro Jahr. Auch bei KonzertTheaterBern (KTB) finanziert die CS regelmässig mit.

Geld für Sichtbarkeit

Im Unterschied zu mäzenatischer, bedingungsloser Unterstützung, beinhaltet Sponsoring ein Geben und Nehmen: Der Sponsor gibt Geld und erhält dafür Sichtbarkeit. Man spricht vom Imagetransfer: Der mitfinanzierte Kulturanlass poliert das Image des Sponsors auf. KTB wirbt um Sponsoren mit dem Versprechen, die «ideale Plattform» zu sein, «um sich der Öffentlichkeit zu präsentieren» und um «Zielgruppen im intimen Rahmen persönlich anzusprechen».

Im Historischen Museum war bei «Quin» die UBS mit Logo und Flaggen so präsent, dass es vielen zu viel war. Übertreibt man, kippt der Transfer: Dann beschädigt der Sponsor das Image des Gesponsorten oder die Bedeutung des Kunstwerks. Problematisch war es zum Beispiel, als der Grosskonzern Holcim eine Fotografieausstellung im Kunstmuseum Bern über sein Sponsoring so stark prägt, dass – wie es Bernhard Giger sagte – «die Unabhängigkeit des fotografischen Blicks nicht mehr gewährleistet ist, dass man den Bildern nicht mehr trauen kann und will». Und wie ist es, wenn sich die CS, die öffentlich «kriminelles Verhalten» zugeben muss, Wohlwollen erkauft, indem sie eine Ausstellung, eine Operninszenierung, ein Sinfoniekonzert, eine Kulturzeitschrift unterstützt?

Heiligt der Zweck jedes Mittel?

Das Besondere daran: Die das schmutzige Geld nehmen, machen oder präsentieren Kunst. Sie tragen so, sagen sie, zum Wahren, Schönen, Guten bei. Ist dies glaubhaft, wenn es keine Rolle spielt, woher das Mittel zum Zweck stammt? Heiligt der Zweck jedes Mittel? Der römische Kaiser Vespasian soll gesagt haben, Geld stinke nicht (pecunia non olet), auch das für den Gebrauch öffentlicher Toiletten erhobene.

Manche sehen es anders. Es stinkt. Wer die Welt befragen, verstehen, erklären und letztlich verbessern will, muss schauen, woher sein Geld stammt. Muss von dreckigem, mit schmutzigen Geschäften verdientem Geld absehen. Sonst macht er sich selber dreckig. Macht sich gemein mit denen, die ihn zahlen. Ist nicht mehr frei, so sehr die künstlerische Freiheit direkt unangetastet bleiben mag. Aus diesen Überlegungen verzichten die SP und die Grünen auf Finanzhilfen von Grossbanken. Sie erweisen sich damit als empfindsam. Dabei ist doch Empfindsamkeit ein Merkmal der Kunst.

Was nun, wenn die betroffenen Kulturinstitutionen es auch so empfinden und ihre Abhängigkeit lockern möchten? Ein Beispiel: KTB muss heute einen Kostendeckungsgrad von 18 Prozent erreichen; ab 2016 werden es 20 Prozent sein. 2 Prozentpunkte mehr machen bei einer Gesamtsubvention von künftig 37,9 Millionen einen Betrag von rund 760'000 Franken aus, die zusätzlich zu erwirtschaften sind.

Von der öffentlichen Hand in Kauf genommen

In einer Zeit, da die Besucherzahl zurückgeht, da die Preise eher hinab- als hinaufgeschraubt werden müssten, da neues Publikum gewonnen werden soll, in einer Zeit, da KTB sich durch eigene Leistungen und nicht durch Vermietungen profilieren und legitimieren muss – in dieser Zeit steht die Forderung nach zusätzlichen Drittmitteln quer im Raum. Man fragt sich: Weshalb dieser Schematismus? Aber auch: Wurde darüber diskutiert oder einfach dekretiert?

Hier schliesst sich der Kreis. Mit einem allenfalls überrissenen Kostendeckungsgrad nimmt die öffentliche Hand in Kauf, dass Kulturinstitutionen Zuflucht nehmen bei problematischen Sponsoren, die – im Extremfall – der Kunst schaden, indem sie sie unterstützen. Dies wäre eine öffentliche Diskussion wert, bevor die neuen Leistungsverträge abgeschlossen werden, von denen einige die Zustimmung des Stimmvolks brauchen.